Oscar-Kolumne: Zweite Chance

Gotha, Gartenstraße, Glitzerpalast. Dieser Dreiklang feiert im Oktober seinen fünften Geburtstag. Man will es fast nicht glauben. Aber tatsächlich war es am 8. Oktober 2010, als die „Thüringer Allgemeine“ erstmals Kunde vom kolossalen Konsumtempel gab. Autor Thomas Ritter gebar damals den schönen Namen „Glitzerpalast“, der seither dem glamourösen Großprojekt anhängt.

In den 55 Monaten seither tat sich vieles. Oder auch nichts. Denn reduziert man des Oberbürgermeisters Pfingstbotschaft in der TA auf den Kern, lautet sie: Alles auf Anfang.

Knut Kreuch kündigte an, dass bis Jahresende die Verwaltung dem Stadtrat einen neuen Bebauungsplan an die Hand geben wolle, der – so zeigte er sich zuversichtlich – eine parlamentarische Mehrheit bekommen könne. Dieser aus dem Rathaus kommende „Plan B“ zum B-Plan wurde nötig, weil das bisher verhandelte und mit hauchdünner Mehrheit beschlossene Papier nicht mit dem aktualisierten Konzept des Investors Josef Saller in Einklang zu bringen ist.

Das änderte sich ja bekanntlich: Zunächst offerierte der Investor aus Weimar den Gothaern einen zweiten „Thüringen-Park“ mit 16.000 Quadratmetern fürs Kaufen, für kulinarische und cineastische Genüsse sowie eine Tiefgarage.

Dann speckte er ab. Diese Version bot ein Viertel weniger Fläche für Shopping-Queens und kaum noch welche fürs Verlustieren des kaufwilligen Volkes. Auch, weil Horst Martin nicht auf den St. Nimmerleinstag warten wollte und sich deshalb seinen Kinotraum selbst erfüllte. Der Kassler, der seit 1991 den Gothaer Kinogängern die Treue hält, investierte 6 Mio. Euro am Hersdorfplatz. Seine Weitsicht und der Mut wurden belohnt: Seit November 2014 kamen schon mehr als 100.000 Besucher.

Im vorigen Jahr schrumpfte Saller dann zum Schluss Knut Kreuchs Vision einer „Kö von Gotha“ zur gesichtslosen Anhäufung von XXL-Legoklötzen in öder Baumarkt-Ästhetik. Ein entsprechender Bauantrag liegt der Verwaltung seit rund sechs Monaten vor. Der im Vorjahr neu gewählte Stadtrat fand offensichtlich in seiner nichtöffentlichen Beratung dazu klare Worte.

Nun hat also auch Knut Kreuch die „Reset“-Taste gedrückt, soll es einen neuen Ansatz geben. Das ist gut. Das war auch nötig, selbst wenn schon viel Geld, Geduld und gemeinschaftliche Gedankenspiele in den Sand künftiger Baugruben gesetzt wurden.

Verdient hat es vor allem die Gartenstraße. Ist sie doch wohl eine der am meisten geschundenen Achsen der Stadt: Einst eine grüne Oase, wurde sie in den 1960er-Jahren zur Magistrale. Die machte sich so breit, dass dafür Bäume starben, Hausfassaden beschnitten wurden. Ein Frevel ohnegleichen. Stummer Zeuge ist u. a. das so kastrierte Gebäude, in dem heute die Raiffeisenbank Gotha eG sitzt.

Man hat derweil kein anderes Bild von der Gartenstraße als das einer brutalen Schneise quer durch den Stadtleib. Eine Drainage für den Individualverkehr, die schamhaft die Straßenbahngleise spalten – als Rechtfertigung für die ÖPNV-„Vernunft“.

Nun also werden die Karten neu gemischt, denn eine zweite Chance hat jeder verdient. Gotha und die Gartenstraße sowieso.

Aber auch Saller.

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 29. Mai 2015)

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