Oscar-Kolumne: Zeitreisen

Oktober 1990. Ein Montag. Ein Trabi prömmtömmtömmt durch graue Gothaer Gassen. Herr der 26 Zweitakt-Pferdchen der Autor dieser Zeilen. Auf’m Wege zur Lokalredaktion der „Thüringer Allgemeinen“. Am ersten Tag als wortdrechselnder Gast-Arbeiter hier. Fast 25 Jahre ist’s her.

Mein Kopfkino spielte jüngst diese Szene. Anlass: Die Kunde von der Weltpremiere eines Filmes in Gotha. Keinem Hollywood-Blockbuster. Ohne atemberaubende Effekte und Schauspieler als Darsteller. „Helden“ des Films sind Gothaer. Und ihre Stadt.

Prof. Dr. Lothar Bertels (Fernuni Hagen) und Prof. Dr. Ulfert Herlyn (Uni Hannover) kamen 1991 in die Stadt. Für eine der ersten soziologischen Untersuchungen nach der Wiedervereinigung. Zu ergründen, was die aus und mit den Menschen und ihrer Heimatstadt machte.

Drei Bücher gibt es inzwischen. Zwei Videos. Und nun einen neuen Film.

Die Bücher bilanzieren Befragungen der Gothaer von 1991, 1993 und 2012. Die Videos zeigen Aufnahmen von 1990 bis 2012. Vor den Kameras standen dafür u. a. Ex-OB Kukulenz (noch mit fast vollem Haar!) und Volker Doenitz. Kukulenz erzählte u. a. vom Arbeitskollegen, dem Stasi-Spitzel. Doenitz, sein Nachfolger im Amt, rühmte 2002 die wirtschaftlichen Erfolge. Stadtplaner Roland Adlich stellte seinen Widerstand gegen windige Investoren heraus, wollte die Innenstadt einst vorm Niedergang und dem „Kaufland“ bewahren. Walter Kruse, Ex-Fahrzeugwerk-Geschäftsführer, berichtete vom schnellen Kollaps, der fast jeden der dortigen 2.000 Arbeitsplätze kostete. Mit Schmitz-Cargo gab es einen Neuanfang, über den Josef Vogel Kunde gab.

Zu Wort kam die Lehrerin Angela Anschütz (heute Schwarz), sprach von fehlenden Schulbüchern und Berufsperspektiven anfangs der 1990er-Jahre. Die Ärztin und „Runder Tisch“-Aktivistin Uta Dehmel nannte offen ihre Ängste vom Herbst 1989. Manfred Wettstein, der Gründer des Vereins „Opfer des Stalinismus“, sah sich schon früh als Wende-Verlierer. Vor verklärender Ostalgie warnte 1992 Superintendent Eckardt Hoffmann, der langjährige Vorsitzende des Stadtrates und Gothaer Ehrenbürger. Fotograf Ernst Prause schilderte, wie er auf Schmalfilm die letzten Bilder vom „Schwarzen Viertel“ bannte, bevor es platt gemacht wurde.

Klar, Bücher wie Videos bringen weniger Unterhaltung, eher Bildung. Sie bewahren vorm Vergessen. Vor allem die Bilder beeindrucken mich, machen Gänsehaut. Weil sie Erinnerungen wecken – vor allem ans Jahrzehnt vorm Millennium. Kaum zu glauben, wie sehr sich diese Stadt gemacht hat.

In meinem Gotha-Film, würde ich einen machen, gäbe es aber auch Kurioses wie Hans Weselowski. Der kam im Oktober 1990 nach Gotha, packte einen Millionen-Scheck auf Kukulenz’ Schreibtisch. Mit besten Grüßen seiner damals 87-jährigen Frau Mama, die ihrer Heimatstadt was Gutes tun wollte. Der Schwindel flog bald auf.

Zu würdigen wäre auch der Fördergeld-Wahn, der den Buttermarkt zur blaubasaltigen Rüttelpiste machte und den Neumarkt gesichtslos. Warum der Bahnhof immer noch eine Wunde im Stadtbild ist. Dass es gut war, dass das Spielcasino nicht in die Orangerie kam. Warum der Stadt studierendes Jungvolk abhanden kam…

Auf alle Fälle sichere ich mir am 7. Mai im Bürgersaal einen Platz, um ab 17 Uhr der Trilogie abschließenden Teil zum Wandel In Gotha zu sehen. Auch wenn’s kein Montag ist, werde ich wieder an den 15. Oktober 1990 denken. Als mein Trabi über Gothas graue Straßen prömmtömmtömmte und für mich hier meine Zeitreise begann.

Bücher:
U. Herlyn/L. Bertels (Hg.) Stadt im Umbruch: Gotha. Wende und Wandel in Ostdeutschland, Opladen 1994
L. Bertels/U. Herlyn (Hg.) Stadtentwicklung Gotha 1990 – 2000, Opladen 2002
L. Bertels (Hg.) Gotha im Wandel 1990 – 2012, Transformation einer ostdeutschen Mittelstadt, Wiesbaden 2015.

Videos:
http://www.fernuni-hagen.de/videostreaming/gotha/

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 30. April 2015)

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