Landpartie: 650 Jahre und immer noch feucht hinter den Ohren

 

Kurios – ausgerechnet dem 775 ersterwähnten Gotha, dessen Name „villa Gothaha“ „gutes Wasser“ bedeutet, mangelte es im Mittelalter am kühlen Nass. Grund für Landgraf Balthasar, einen künstlichen Graben, den Leinakanal, anlegen. Auf seinen Spuren bietet sich eine reizvolle Erkundungstour durchs Gothaer Land.

1366 plante und beaufsichtigte Werkmeister Conradus seinen Bau. Bis 1920 lieferte er der Residenzstadt Trinkwasser. Als 1920 die Gothaer Talsperre bei Tambach-Dietharz in Betrieb ging, brauchte man ihn nicht mehr. Das war beinahe sein Ende. Aber Unentwegte kümmerten sich um den alten Knaben, der seit 1978 „Technisches Denkmal“ ist. Sie gründeten einen Verein.

Mäanderte der Leinakanal durch ein fernes Land, so Fachleute, könnte er sich nicht vor den Scharen der Wissenschaftler aus aller Welt retten. So aber muss der Freundeskreis Leinakanal e. V. dafür sorgen, dass das 650 Jahre alte Bauwerk nicht dem Vergessen anheim fällt. Deshalb hat der Wasser-Methusalem u. a. einen Platz im Internet (www.leinakanal-gotha.de).

28,6 km ist der Kanal lang – eine 3-Tages-Wanderung, wie der Verein empfiehlt. Er beginnt, wo Conradus 1366 die Wilde Leina in ein künstliches Grabenbett umleiten ließ – beim heutigen Schwimmbad von Schönau v. d. W. „Kleiner Leinakanal“ heißt der Wasserlauf und schlängelt sich am Thüringer Wald und seinen Vorbergen entlang – oft in großen Kehren. Deshalb wird er von seinen Fans „(ur-)alter Schlingel“ genannt.

In Emleben mündet der Flößgraben ein. Er entstand 1653 als Abzweig der Apfelstädt. Ab hier heißt der Wasserlauf dann auch nur noch „Leinakanal“ und lohnt es sich, auf rund 16 km seinen Spuren zu folgen.

Dazu nutze man unbedingt eine Karte: Für 1,50 EUR gibt’s Günter Rennaus Gewässerkarte „Das Leina-Kanal-System“- klein, übersichtlich, informativ.

In Emleben, unter der Brücke beim Feuerwehrhaus und der Kaufhalle, treffen sich Altenwasser und Leinakanal. Der stiehlt sich nordwestlich aus dem Ort – wir folgen. Vorbei am Sportplatz, über eine Holzbrücke geht es entlang des „Birkigt“, einem Mischwald, der zum 150 ha großen Boxberg (359 m) gehört. Später fällt eine angeblich 1.000 Jahre alte Stieleiche auf. In Brusthöhe hat sie 6,6 m Umfang! Der Graben führt dann am Südwesthang des Bergrückens entlang. Wir schlängeln uns am Waldrand mit. Links – ein toller Blick über Wiesen und Dörfer bis zum Thüringer Wald.

Dann das Hotel „Thüringerwaldblick“. Lohnenswert auch der Abstecher zur 1878 entstandenen, landschaftlich reizvollen Pferderennbahn mit ihren denkmalgeschützten Gebäuden.

Zurück zum Leinakanal. Jetzt geht’s entlang der Straße nach Gospiteroda. Rechts auf den Naturlehrpfad kommt man ins Wolftal, dann zum Cramerstein – dem Grab eines Forstwartes, der 1884 ermordet wurde. Der Lehrpfad endet in Leina. Hier trennen sich kurz unsere Wege – die Wasserader schlängelt sich rechterhand davon.

Wir unterqueren die A 4 und laufen dann links vom Gasthof „Thüringer Aue“ auf einem (Rad-)Weg Richtung Berlach. Kurz vor der Bahntrasse zweigt rechts ein Pfad ab, der uns zum Aquädukt – der Besonderheit und dem Ort des Wiedersehens mit dem Leinakanal – führt.

Die 1845 gebaute Eisenbahnlinie Berlin – Frankfurt/M. musste den Kanal queren. Deshalb wurde 1847 dieses Aquädukt gebaut (Oberkante exakt 333,000 m über NN).

Da ab 1995 die Bahn für die elektrifizierte IC-Trasse Neudietendorf – Eisenach eine nördliche Umfahrung baute, fuhr am 3. Dezember 1994, um 16.14 Uhr, der letzte Zug unterm Leinakanal durch. Und nicht erst seither nagt der Zahn der Zeit am Aquädukt, verleiht ihm einen morbiden Charme (Foto).

Von hier geht es dann weiter Richtung Residenzstadt. Und weil der Leinakanal nicht nur Trinkwasser nach Gotha spülte, sondern auch Taler in die herzoglichen Schatullen, klapperte schon 1372 die erste, die Sundhäuser Mühle am eher mäßig rauschenden Bach. Das liegt daran, dass er nur 66,7 Höhenmeter überwindet. An ihr vorbei kommt man nach Gotha. Nicht verpassen sollte man einen Ausflug durch den Schlosspark. Dort trifft man auf einen alten Bekannten – die Teiche nahe des Naturkundemuseums hängen ebenfalls am „Tropf“ des Leinakanals, der nicht nur Mühlräder bewegte.

1895 entstanden Wasserspiele am oberen Hauptmarkt zu Gotha. Seither bringt eine Pumpe, die der „(ur-)alte Schlingel“ ebenfalls antreibt, Gothas Wasserkunst zum Sprudeln, springen die Fontänen und plätschern die Kaskaden. Und falls der alte Knabe mal nicht ausreichend (Wasser-)Druck hat, kommt eine elektrische Pumpe samt Tank zum Einsatz, die 2000 eingebaut wurde.

(Der ursprüngliche Beitrag für das „Freie Wort“ (2006) auf der Homepage vom „Freundeskreis Leinakanal“.)

 

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