Oscar-Kolumne: Das Ende der einfachen Antworten

„Du hast keine Ahnung.“
Eine gute Freundin sagte mir das jüngst – mit Blick auf meine „politischen“ Kolumnen.

Ich gestehe, ich war verblüfft, schockiert, angefressen. Meine ich doch, ein durch und durch politischer Mensch zu sein. Glaubte ich doch, mir meines Urteils sicher sein zu können. Immerhin bin ich schon fast ein Vierteljahrhundert kritischer Beobachter des Treibens des politischen Thüringens.

„Du hast keine Ahnung.“
Der Abend dieses betreffenden September-Sonntags und die Resultate der Landtagswahl bedienten meine Erwartungen und schienen das Gegenteil zu bestätigen:

Nichtwähler – stärkste Fraktion. FDP macht ihr Wahlversprechen wahr – und war dann mal weg. Die Grünen kamen mit einem blauen Auge davon – und in den Landtag. Wessen politisches Herz links schlug, wählte nicht SPD – sondern das Original. Das brachte LINKE-Spitzenkandidaten Ramelow und seiner Truppe das beste Ergebnis seit 1990 – sie rückten als zweitstärkste Kraft der CDU auf den Pelz.

Überraschung Nr. 1 – die CDU gewann leicht dazu.
Überraschung Nr. 2 – die „Alternative für Deutschland“ schien tatsächlich für sehr viel mehr Menschen eine Alternative für Deutschland zu sein.

Seit dem Morgen danach, nach vielen Analysen, bin ich jedoch unsicher, ob es nicht doch stimmt: „Du hast keine Ahnung.“

Weshalb? Unter anderem an der Bewertung der AfD und jener 10 %, die sie wählten.

Die wurde als „NPD light“ abgetan. 9.000 einstige NPD-Wählen mögen als Argumente dafür herhalten. Sie sei Hort der Konservativen. 18.000, die zuvor CDU wählten, sprechen dafür. Ein Sammelbecken des Protestes? Wie passen die 28.000 dazu, die vorher links wählten – 16.000 ex-Linke- und 12.000 vormalige Ex-SPD-Wähler? Was überzeugte 12.000 aus der Nichtwählerschaft oder die 11.000 ehemaligen Liberalen? Einfache Antworten gibt es nicht.

Eine Partei wie die AfD gab es bisher in Deutschland nicht. In anderen europäischen Demokratien schon: Marie le Pens „Front National“ in Frankreich, Geert Wilders „ Partei für die Freiheit“ in den Niederlanden, die „Schweizerische Volkspartei“. Sie alle haben davon profitiert, dass einstigen Volksparteien das Volk abhanden gekommen ist. Weil auf zunehmend kompliziertere Fragen zunehmend einfachere Antworten gegeben wurden. Oder gar keine: Was bringt uns Europa? Was der Euro? Warum werden wir nicht gefragt, bevor Banken mit Steuermilliarden saniert werden oder Griechenland?

Das Phänomen AfD ist hausgemacht. Nicht ohne Grund heißt es: „Willst du mit jemanden ein Schiff bauen, wecke in ihm die Sehnsucht nach dem Meer.“ Die Sehnsucht nach ehrlicher Behandlung, der Wunsch, für voll genommen zu werden, finden derweil wenig Widerhall. Das vertreibt immer mehr aus dem politischen Raum. Und daher kenne ich schon eine große Anzahl nachdenklicher Nichtwähler. Sie fühlen sich von KEINER Partei vertreten, wollen deshalb nicht kleineren Übeln den Rücken stärken und versagen deshalb ALLER Politik ihre Stimme.

Freunde hat man, damit die einem die Wahrheit sagen. Auch wenn es schmerzt: „Du hast keine Ahnung.“ Derzeit ahne ich nur etwas. Nämlich, dass in diesem Land mehr passieren muss, als nur ein neues Farbenspiel in der Thüringer Staatskanzlei auszuprobieren.

Weil es keine einfachen Antworten gibt.

(bearbeitete Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 26. September 2014, Foto: Livia Schilling)

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