„Oscar“-Kolumne: Gretchenfrage

Peter Heinze ist 78 Jahre. Der Dresdner erlebte den Feuersturm 1945, in dem Elbflorenz unterging, die DDR-Zeit und die Wende. Und jetzt geht er zu den Pegida-Demonstrationen.

Vorigen Sonntag standen er und andere deshalb vor dem Mikro und der Kamera des ARD-Morgenmagazins. Anders als sonst wurde das TV-Team nicht bedrängt oder gar angepöbelt. Ganz im Gegenteil – es wollten etliche mit den Fernsehleuten vor der Semperoper reden. Das war neu. Das war anders.

Auffällig viele der Generation 50plus seien es gewesen, so der Reporter Christian Dreißigacker. Immer wieder habe er von jenen gehört, dass sie sich „mit ihren Fragen, Ängste und Bedenken nicht ernst genommen“ fühlten. Es werde über ihren Kopf „hinwegregiert“, deshalb überwiege der Frust und gebe es Parallelen zum DDR-Regime, fasste Dreißigacker die Gespräche zusammen.

Dreißigacker, 1979 in Bonn geboren und beim MDR in Diensten, gestand: „Mich verstören solche Aussagen: Schließlich leben wir doch in einer Demokratie. Und dafür hatten sie doch ’89 hier in Dresden gekämpft?“

Das hatten sie. Und offensichtlich genau deshalb treibt es sie wieder auf die Straße.

Der eingangs erwähnte 78-jährige Peter Heinze und die meisten auf den Dresdner Demos sind ganz bestimmt keine Nazis. Nicht einmal welche in Nadelstreifen. Sie sind auch keine Rassisten. Und ganz sicher nicht Idioten, wie ich zuweilen in Blogs, in Leserkommentaren oder auf Facebook las.

Es gibt manche, die sie für naiv halten, weil sie ausblenden, dass sie von ganz rechts und auch von ganz links vereinnahmt werden. So kann man das sehen.

Genauso gut aber muss man fragen: Bedeutet, dass diese Bundesrepublik auf demokratischen Grundsätzen basiert, automatisch, dass es tatsächlich „demokratisch“ in diesem Land zugeht?

Vor kurzem wählte in Sachsen und Thüringen jeder Zweite nicht. Dabei gab der Wunsch, frei, geheim, gleich und direkt wählen zu können, ebenfalls vor 25 Jahren ganz vielen Menschen den Mut, die Straße zu erobern. Jetzt lassen viele von ihrem Grundrecht ab: Weil sie sich nicht vertreten, nicht verstanden, nicht gehört fühlen.

Weil unterlassen wird, Politik zu erklären. Ich meine, nicht darüber berichten zu lassen oder salbungsvoll und inhaltsleer zu reden. Ich meine, tatsächlich zu erklären: „Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?“ Die Macher der „Sesamstraße“ waren clever, nicht? Sie befeuerten die Neugier der Jüngsten und machten Mut zur eigenen Meinung: „Wer nicht fragt, bleibt dumm.“

Aber nicht nur Frau Merkel bleibt Erklärungen schuldig. Auch aus Brüssel hört man Unverständliches. Und selbst Kommunalpolitik ist selten so transparent, dass unsereins sich ausreichend informiert fühlt: Wenn Wissen Macht ist, dann schafft Unwissen Ohnmacht.

Wie man es mit der Meinungsfreiheit (Art. 5 Grundgesetz) und der Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG) hält, scheint mir die Gretchenfrage unserer Zeit. Auch deshalb, weil wir nicht mehr – oder eigentlich noch nie! – eine wirklich echte, eine offene Streit- und Diskussionskultur hierzulande hatten.

Eine andere als die eigene Meinung auszuhalten, anzuhören, nach dem Grund dafür zu fragen, scheint nicht opportun.

Das muss anders werden.

Und gerade deshalb sind die Leute, die in Dresden bei Pegida mitlaufen, es allemal wert, gehört zu haben. Sie haben sogar ein Recht darauf.

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 30. Januar 2015)

0 Kommentare

  • Juergen (#)
    31.01.2015

    Lieber Rainer,
    ich bin bei fast allem was du schriebst bei dir. Nur denke ich, deine Schlussfolgerung, dass mehr Erklärung den Menschen helfen würde sich besser verstanden zu fühlen und Politik besser verständlich machen würde, geht fehl. Bei der Sesamstraße ging es darum Neugier zu wecken. Was Politik heute will, ist genau das Gegenteil. Nickende Wähler, die keine Fragen stellen. Damit sie mit dem Nachrichtenangebot völlig vollgestopft sind, werden immer neue Säue durchs Dorf getrieben, die via Bild, RTL oder PRO 7 von den Dingen ablenken, die versteckt werden müssen. Schau TTIP an oder gar das TISA Abkommen. Eine der Hauptklauseln ist „Verschwiegenheit“. Diese Verhandlungen aber bestimmen darüber, wie wir morgen leben werden. Unternehmen dürfen dann vielleicht Staaten verklagen, Phillipp Morris zum Beispiel gegen das Rauchverbot in Deutschland und Italien vorgehen, Ford gegen zu niedrigere Abgasgrenzen. Es braucht Wachstum, koste es was es wolle.
    Ich bin sicher, Apathie ist gewollt und wird gefördert. Auch diese selbst gemachten Störfeuer wie PEGIDA und Geschwister taugen dazu. Ich bin weit weg davon an Verschwörungstheorien zu glauben und das brauche ich auch nicht. Denn das Offenbare ist schlimm genug. Probier doch mal einen sauber recherchierten Artikel über TISA zu schreiben und biete ihn den Zeitungen an. Ich bin gespannt.

    PS: Eigentlich finde ich die Forderungen der PEGIDA gar nicht doof. Warum aber haben sie sich einen derart provokativ bescheuerten Namen gegeben?

    • Rainer Aschenbrenner (#)
      31.01.2015

      Moin, Moin Jürgen,

      danke für Deine Anmerkungen. Sie bieten viel Stoff zum Nachdenken.

      Ich gehe fest davon aus, dass „mensch“ (hier jetzt mal für er, sie, es & Co.) für sich allein verantwortlich ist. Ausnahmen bestätigen auch da die Regel. Daher ist mensch dafür verantwortlich, ob er wissend ist, sich „schlau“ macht.

      Verzichtet mensch darauf, ist es sein gutes Recht.

      Will mensch das aber und kann es nicht, weil ihm Infos vorenthalten werden oder sie verfälscht werden, schafft dieses Nichtwissen Ohnmacht. Auch Wut. Womöglich sogar Hass.

      Deshalb bleibe ich dabei, „dass mehr Erklärung den Menschen helfen würde“.

      Auch ich halte nichts von Verschwörungstheorien. Daher sehe ich keinen Zusammenhang „Politik – Medien“ dergestalt, dass politisch „gewollt“ eine Überflutung mit Trivialem etc. erzeugt wird. Auch hier haben wir es mit einem „Spiel der freien Kräfte“ zu tun. Privatwirtschaftliche Medien (dazu gehören dann auch TAZ oder „Junge Welt“, obwohl sie ja Genossenschaften sind) „verkaufen“ sich halt. Dass das zunehmend auch die öffentlich-rechtlichen Sender machen, entschuldigt die einen wie die anderen nicht. Das bundesdeutsche Mediensystem ist dennoch besser als es derzeit den Anschein hat.

      Thema TTIP und TISA: Ich habe mich damit beschäftigt, aber nicht viel verstanden. Ich denke, dass es aber nicht die Frage der Recherche wäre – egal, ob sie eine Woche, einen Monat oper noch länger dauert. Mir fehlen da die Kenntnisse; erst recht, um seriös dazu einen Beitrag zu schreiben. Selbst Fachleute scheinen zu gleichen Quoten dafür und dagegen zu sein. Ich stimme Dir zu, dass die Geheimniskrämerei darum selbstdenkende Menschen förmlich fordert, misstrauisch zu werden. Doch was nun? Wie „wehren“? Wo? Ratlosigkeit (siehe oben) ist die kleine Schwester von Ohnmacht.

      P.S. Den bescheuerten Namen PEGIDA scheint Kathrin Oertel nun auch nicht mehr zu mögen. Allerdings ist Etikettenschwindel – zufälliger wie beabsichtigter – auch wieder systemimanent. Was tun? Neue Gesellschaftsmodelle entwickeln!

  • Wilfried Woigk (#)
    31.01.2015

    Hallo Rainer,
    stimme Dir 100%-ig zu.
    Gruß Willi

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