Das Wort zum MUTwoch (140): Deutschland, einig Hassland?!?

„Jemandem auf die Pelle rücken“ – das klingt schon unangenehm. Ist es auch – es sei denn, dass darum ausdrücklich gebeten wird.

Wird aber nicht gerade wild gekuschelt, ist ein halber Meter das Höchstmaß aller Nähe. So dicht lassen wir nur eigen Fleisch und Blut oder allerbeste Freunde an uns heran.

Alles andere im wirklichen Leben und in aller Öffentlichkeit findet mit gebotener Distanz statt.

Ganz anders ist das in der virtuellen Welt: Da gibt es scheinbar weder Abstand noch Anstand. Da wird gepöbelt, gemotzt, beleidigt. Einander völlig Unbekannte rücken sich dabei verbal so „auf die Pelle“, dass man förmlich die beim Geifern im Überschuss entstehenden Spucketröpfchen fliegen sehen, ungewaschene Haut und üblen Mundgeruch riechen kann.

Zunehmend erschüttert mich diese Grundgehässigkeit, die vor allem auf FB fröhlich Urständ feiert. Egal, von welcher Seite praktiziert.

Es ist eine Art von Respektlosigkeit, die mich verwirrt. Muss ich mein Bild dieser Gesellschaft revidieren? Können wir nicht mehr um der Sache willen miteinander streiten? Es scheint, dass es um nichts Geringeres geht, als den anderen „vernichten“ zu wollen.

Zwar meint mein Freund Henry dazu immer wieder nur schulterzuckend: „Facebook ist halt wie der Stammtisch. Und wie in der Kneipe hängt an der Garderobe BILD, aus der alle ihre Weisheiten ziehen!“

Ich sehe das anders. Und nicht erst, seit im vorigem Oktober in Dresden erstmals Pegida den „Druck der Straße“ erzeugte.

Davor war es der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland.
Davor war es Hoeneß und der Promi-Bonus bei Recht und Gerechtigkeit.
Davor war es die „Denkzettel“-Wahl für Europa.
Davor waren es die Anzüglichkeiten eines Brüderle.
Und so weiter. Und so fort.

Und immer fand und findet ein regelrechter Vernichtungsfeldzug statt – ausgetragen mit und in Leserbriefen, Kommentaren auf Online-Portalen, via Twitter oder auf Facebook-Seiten.

Die politische Un-Kultur Deutschlands zeigt sich aber nicht nur im Virtuellen. Ich finde, dieses Land krankt seit Ende der 1960er Jahre daran, dass die politische Debatte verkommen ist.

Man darf eigener Meinung sein. Aber nicht gegen jene, die zur öffentlich korrekten erklärt wurde oder die einer indifferenten „Mehrheit“ darstellt: Wer der militärischen Strategie des Pentagons im Irak und Afghanistan nicht applaudiert, ist antiamerikanisch. Wer sagt, dass Satire wie jene von „Charlie Hebdo“ oder die der „Titanic“ alles darf, ist ein blasphemischer, ehrloser Mensch. Wer Israels Siedlungspolitik kritisiert, ein Antisemit und wer nicht für Minarette sammelt, ein Neonazi.

Wir funktionieren „digital“ – entweder dafür oder dagegen. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. Wo und wann, verdammt noch einmal, haben wir die Fähigkeit zum Differenzieren verloren? Und auch die, einfach nur auszuhalten; auszuhalten, dass andere anders denken, reden, schreiben.

Allerdings: Hatten wir je eine wirklich echte, eine offene Streit- und Diskussionskultur hierzulande?

Ich bezweifele das.

Jeden Tag ein bisschen mehr.

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