Beauty und Beast(chen)

160517 Muhsal2Gotha. Unweit des Bahnhofs, der „Alte Schlachthof“. Einst wurden tatsächlich dort Rindviecher und Schweine verwurstet. Das Schlachten findet mit der Wende sein Ende. Seither geht man hier eher unblutigem Gewerbe nach.

Länger schon hat dort der „Londoner“ sein Kneipen-Asyl. Der Kult-Pub bietet – wie einst am angestammten Ort – der Kultur eine Bühne und auf jener seit Juni 2015 regelmäßig Gesprächsrunden. Veranstaltet vom „Oscar am Freitag“. Dann ist Mann am Mikrofon „Oscar“-Erfinder und Herausgeber Maik Schulz. Seine Gäste – Gothaer Promis und Originale, auch Gäste von weiter her. Eine unterhaltsame, eher undramatische Sache.

Der „Talk im Schlachthof“ im April aber ist anders. Hat vorher schon seine erste heiße Phase: Alles nur, weil Schulz sich eine 30-jährige Politikerin aus Jena einlädt. Die sitzt seit 2014 im Thüringer Landtag, heißt Wiebke Muhsal und gehört der AfD an. Ist Fraktionsvize, familien- und bildungspolitische Sprecherin.

Der Ankündigung folgt zunächst eine Kampagne in den sozialen Netzwerken. Barrikaden werden errichtet, verbale. Zum Boykott aufgerufen: „Kauft nicht bei…“ Schulz wird gar als „Faschist“ beschimpft. Die Mobilisierung für den Häuserkampf erfolgt: „FCK ,The Londoner’!“ Zwei Nächte vorm Showdown werden mit pubertärer Pose und politischem Protestpotenzial zwar nicht Tisch und Bänke, dafür aber Häuserwände und Zufahrtswege ­beschmiert. Eskalation droht.

Und deshalb stehen vorm Warm up für den Wortwechsel zwei „Sixpacks“ aufm Hof. Weiter weg wartet eine Hundertschaft Ordnungshüter in Hab-acht-Stellung. Drinnen und unübersehbar die Drei von der Anti-Zankstelle, dem Security-Team.

Und alles nur wegen einer zierlichen Blondine.

Muhsal kommt nicht allein. Im Begleiterdutzend u. a. auch die 22-jährige Jana Schneider, die in Jena der „Jungen Alternativen“ vorsteht.

Im Saal etwas mehr als 100 Gäste. Verschiedenster Lager, die sich sofort fraktionieren. Man möchte schließlich nicht in falsche Nähe geraten – oder gebracht werden. Vereinzelt Unentschlossene, die den Tresen umlagern. Muhsals Entourage platziert sich in vorderster Front zur Bühne. Es wirkt nicht nur wie ein Schutzwall. Es ist auch einer, wie sich später zeigt.

Mit Verspätung startet Maik Schulz. Ist hörbar bemüht, für Entspanung zu sorgen. Fragt Persönliches. Lässt ausreden. Begnügt sich mit den Antworten. Hakt selten nach. Ist dabei ungewöhnlich zurückhaltend.

Üblicherweise ist nicht einmal das Florett seine Waffe. Schulz schwingt sonst den Säbel, gern auch die Axt. Offensichtlich aber ist: Das Vorgeplänkel hat ihm zugesetzt.

Auf der Bühne und „always online“ – Schulz’ Sekundant. „Oscar“-Redakteur Max Mess soll in strittigen Fragen für Klarheit sorgen. Muss er aber nicht – wegen Schulz’ sonderbarem Sanftmut.

So bleibt u. a. auch Muhsals These unwidersprochen, der deutsche Steuerzahler habe schon wegen des ersten Hilfspakets für Griechenland 79 Mrd. Euro löhnen müssen. Oft behauptet, bleibt dies trotzdem falsch. 2010 sollte Athen 110 Mrd. Euro Kredit bekommen: 80 Mrd. Euro von EU-Staaten, 30 Mrd. Euro vom IWF, dem Internationalen Währungsfond. Der deutsche Anteil betrug 15,2 Mrd. Euro. Zu tilgen ist dieser Kredit ab 2020 binnen 30 Jahren. Bis Ende 2011 bekam Deutschland bereits rund 380 Mio. Euro Zinsen.

Dann ist Pause. Und nach der Pause vor der Pause. Bis Schulz dem Publikum das Wort erteilt. Dafür schwärmt Mess mit dem Mikro aus.

Der fragt gleich selbst. Ob Muhsal dementieren könne, dass die AfD eine Nähe zu Rechtsradikalen pflege. Sie seziert zunächst Mess’ Frage. Er solle den Beleg, die Quelle für diese Behauptung nennen. Sie könne schließlich nichts dementieren, was sie nicht selbst gesagt habe. Man wortplänkelt hin und her.

Dabei ist in der Sache Muhsal bar jeden Verdachts – nicht erst nach der 1.-Mai-Demo der Thügida in Jena ihre klare Distanz zu solchen Kreisen nachlesbar. Dass sie dennoch vage bleibt, mutet wie Strategie an, mag an Muhsals Loyalität liegen: An dieser Frage reibt sich die AfD derzeit, setzt Thüringens Vormann Höcke deutlich andere Prämissen als die Jenaerin.

Nicht ungeschickt, nicht einmal unglaubwürdig ihre von Anfang an praktizierte Strategie, nur auf Fragen konkret zu antworten, die mit Familie oder Bildung zu tun haben – ihrer politischen Spielwiese.

Sonst bleibt sie eben unverbindlich, vage: Die AfD plädiere für Wiedereinführung der Wehrpflicht? Man müsse die Nation verteidigen können. EU oder nicht EU? Eine andere EU eben, eine mit mehr nationalem Einfluss. In Sachen Adoptionsrecht Gleichstellung homosexueller mit heterosexuellen Paare? Ihr Leitbild sei die klassische Familie, die es zu schützen gelte. Klimawandel? Es gebe genügend Fachleute, die den infrage stellen.

Diese, ihre hartleibige ArguMentalität hält sie den ganzen Abend durch. Sie bleibt kühl, zeigt kein Gefühl: Gut, dass das Bundesverfassungsgericht feststellte, das „Winkeladvokat“ nicht zwangsläufig eine Beleidigung sein muss – da kommt ganz offensichtlich bei ihr die Juristin durch.

Nur einmal, zum Schluss nach ihren Wünschen befragt, da wird sie emotional: „… dass möglichst bald die AfD Jenas Oberbürgemeister stellt.“ Und da ja ihre Partei den „Genderwahn“ nicht mitmacht, klingt das fast schon wie eine Kandidatur.

Dann ist es vorbei. Schnell verläuft sich das Publikum. Etliche wirken ratlos. Irritiert. Grund also, Bert Brecht zu zitieren: „Wir stehen selbst enttäuscht und seh’n betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen“?

Ganz und gar nicht. Für jene zumindest, die noch selbst denken wollen. Und können. Denn auch die Runde in Gotha zeigt: Die AfD will Massen erreichen. Also formuliert sie massenkompatibel. Das kommt an. Weil wir in einer komplexen Welt leben und viele daher einfache Antworten suchen. Dass wir tatsächliche oder vermeintliche Bedrohungen und Unsicherheiten aus dem letzten Winkel dieser Welt berichtet bekommen, lässt bei manchen die Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten wachsen. Und wir wollen Gewohnheiten bewahren und pflegen. Auch unsere Vorurteile.

Man kann das Ganze populistisch nennen. Allerdings muss sich niemand antrengen, um aktuelle AfD-Argumente aus Mund oder Feder von CDU- oder CSU-Politikern zu finden.

Hörbar ändert sich zudem nach den AfD-Wahlerfolgen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg der Ton: Der grüne Ministerpräsident Kretschmann in Stuttgart, sein Magdeburger CDU-Kollege Haseloff, Hamburgs Regierender Bürgermeister Scholz (SPD) oder Sahra Wagenknecht (LINKE) warnen plötzlich – nahezu wortgleich! – vor einer „Dämonisierung“ der AfD-Wähler. Selbst Bundeskanzlerin Merkel habe laut FAZ „eine neue Strategie im Umgang mit der AfD“ angeregt. Es sei nicht sinnvoll, auf deren Wähler „immer nur einzuprügeln“. Das schaffe nur Solidarisierungseffekte.

In der Tat. Politische Auseinandersetzungen sind ausschließlich mit politischen Mitteln zu führen. Vor allem Journalisten, die ihren Beruf und dessen Ethos ernst nehmen, sollten es da „Mr. Tagesschau“, Hanns Joachim Friedrichs, gleich tun: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Nachzulesen im „Spiegel“ Nr. 13/1995 vom 27. März 1995.

Genau deshalb war und ist notwendig, dass es den Muhsal-„Talk im Schlachthof“ gab.

Weil er einem Urverständnis von Demokratie entspricht: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“

(veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Jena am 20. Mai und Ausgabe Gotha am 25. März 2016)

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