Von einem der auszog, das Wandern zu lernen (I)

16 Jahre lebte ich schon in Thüringen, im Landkreis Gotha. Aber erst im Oktober 2006 machte ich mich auf, den Rennsteig zu erstürmen. Gegen Bezahlung. Fürs „Freie Wort“ fabrizierten nette Kolleginnen und Kollegen wie auch der Herr Aschenbrenner – alles Wandernovizen – eine Reportage-Serie.  

Brüder, zur Sonne…

Der Rennsteig. Offizielle 168,3 km lang. Bei seiner jüngsten Vermessung 2003 kam man auf 169 Kilometer, 293 Meter und 77 cm.

Also dann. Auf zur ersten Etappe. Gleich hinter Hörschels Ortseingang ist ordentlich ausgeschildert ein Parkplatz für gut 30 PKW. Vis-à-vis ein Info-Punkt – offensichtlich neu, alles sauber, sehr informativ. Daneben Sitzgelegenheiten und ein kleiner Spielplatz.

300 m weiter wird es ernst. Dort, wo die Hörsel in die Werra mündet, weshalb der Ort 932 auch als „hursilagemundi“ – „Hörselgemünd“ ersterwähnt wurde, steht ein hölzern‘ Schild und tut den Beginn des Rennsteigs kund.

Aber: Geistiger Vater der modernen Rennsteig-Route ist der gothaische Offizier Julius von Plänckner, die er 1830 in dem von Justus Perthes herausgegebenen Werk „Der Thüringer Wald“ veröffentlichte. Willkürlich erkor damals Plänckner die Einmündung der Selbitz in die Saale als Beginn und die der Hörsel als Ende des Rennsteigs.

Wie dem auch sei. Für mich gilt: „Brüder, zur Sonne…“ Weil aber allein wandern keinen Spaß macht, habe ich weibliche Wegbegleitung. Yvonne macht sich auch gleich nützlich und fischt artig einen Kiesel aus der Werra. Diesen Reiseballast will sie – altem Brauch folgend – bis zur Selbitz tragen. Mir nur recht.

Wir machen uns von der Werra feuchten Strande hinterm schmucken und einladend wirkenden Anwesen „Tor zum Rennsteig“ auf den Weg, wo für kleines Geld leckerer Schmaus’ geboten wird und ein Bett für die Nacht.

Es geht vorbei an der neoromantischen Kirche und nach 300 m am Rennsteigwanderhaus. Wir stürmen die erste Anhöhe. Um festzustellen, dass nach der Steigung nur vor der Steigung ist. Nach einem sonnen-lichtdurchfluteten Buchenmischwald reicht dann der „Heimatblick“ über Neuenhof weit ins Hessische. Die Brandenburg hinter Herleshausen sieht man aber nicht…

Dafür auf dem Großen Eichelberg die Wartburg. Dieser Aussichtspunkt dürfte einmalig auf dem Rennsteig sein, denn er liegt auf einer Hochebene – rings ist freies Land und der Blick entsprechend atemberaubend. Auf den 1,9 km hierher sind wir zudem von 196 auf 310 Höhenmeter gestiegen. Merke ich; klatschnass klebt der Pullover am Rücken und ich schnaufe wie ein altes Dampfross. Alter Mann ist eben kein ICE.

Ein Stück hin steht die „Gerichtskiefer“. Verheißt ein Schild am Baum; mehr aber wird nicht verraten. Schade! Auch nicht, ob sich der Abstecher ins 1,5 km entfernte Neuenhof lohnt oder ins 3 km entfernte Stedtfeld.

Das passiert ständig: es fehlen Entfernungsangaben bis zum nächsten Aussichtspunkt, zur nächsten Schutzhütte, zum nächsten Ort. Zudem mangelt es an Erklärungen: Warum heißen die Bischofssteine unweit vom Hohen Rod (360 m) Bischofssteine? Gleiches gilt für den „Franzosenfelsen“, wo außer netten Sitzgelegenheiten ganz viele Bäume stehen, die einem die (Aus)Sicht nehmen.

Wir trollten uns weiter auf dem lauschigen Waldweg. Jetzt ist’s wie in der Werbung: Es duftet nach Pilzen, die Sonne blinzelt zwischen den Bäumen durch, man lauscht Vogelgezwitscher und Blätterrauschen. Auf den ersten Kilometern war nix davon zu hören – das Dauerrauschen der Autobahn wäre gerade noch zu verknusen. Aber wehe, die Bahn kommt… Unglaublich, welchen Lärm sie macht – trotz Elektrifizierung und nahtlosen Gleisen.

Kurz vor der Schutzhütte „Flüchtiger Hirsch“ (km 4,0) ragen die letzten Rudimente eines Maschendrahtzaunes aus dem Unterholz. Ist das nicht gefährlich – für Wanderer und Waldgetier? Dafür fühlt sich scheinbar niemand zuständig…

Vom Drahtverhau aufgeschreckt, haben wir nun den Blick auch öfter am Boden. Und finden deshalb eine kleine Kröte, an der wir sonst sicher vorbeigelatscht wären. Der kleine Froschlurch lässt sich von uns inspizieren und fotografieren. Was für’n Bild, wie wir so dafür platt auf dem Bauch und dem Waldboden gelegen haben! Der Mountainbiker jedenfalls, der uns passierte, schaute irritiert aus seiner Funktionswäsche…

Einen halben Kilometer weiter endet am Rennsteig der Bergbaulehrpfad, der von Stedtfeld „Hinauf in die Vergangenheit“ führt. Kompliment dem Verein Stedtfelder Rennsteigfreunde! Ihre Infotafel macht neugierig und lockt zum Abstecher. Der lohnt sich auch 300 m linkerhand zum Wartburgblick. Übrigens lag zu DDR-Zeiten alles bis hierher im Sperrbereich. Bis 1989 durfte man deshalb den Rennsteig erst ab dem wenige Minuten entfernten Rangenhof erkunden.

Dort gibt es heute ein täglich geöffnetes Café mit leck’rem hausgemachten Kuchen und ordentlichem Kaffee – die einzige Einkehrmöglichkeit auf der ersten Etappe!

Nach dem Abzweig zum Leckermaul-Paradies (km 5,8) führt der Rennsteig am Waldesrand entlang und mit freiem Blick auf das Werratal samt Kalihalden von Philippsthal und Heringen sowie den Rhön-Bergen. Dann kündet Pferdegewieher davon, dass Clausberg nahe ist (km 6,7).

Hinter dem Ort geht’s parallel zur Straße durch den Wald. Wermutstropfen auf der lieblichen Wanderachterbahn – eine wilde Müllkippe, schon älter, denn langsam wächst Gras ’drüber…

Kilometer 8,3. Der Vachaer Stein direkt an der B 84. Wir picknicken nur kurz. So dicht an der befahrenen Straße bringt es wenig Plaisir. Aber Pause muss sein! Bisher ging es fast nur bergan, was kontinuierlichen Schweißfluss erzeugte und harte Waden.

Weiter geht’s! Den Rennsteig kümmern meine qualmenden Socken wenig. Wie zum Hohn buckelt er sich nach jedem Anstieg, den ich hinaufschnaufe, neuerlich in die Höh’. Jaja, „diesen Weg auf den Höh’n…“ Ach Herbert, Du und Dein Hymnus! Allein auf der ersten Etappe sind es 15 Kuppen, die man erklimmt.

Ist die erste Steigung nach der B 84 überwunden, öffnet sich linkerhand der Hanichblick. Einfach nur schön!

Den 300 m weiter (km 9,6) namens „Tunnelkopf“ kann man getrost abhaken – so zugewachsen und ohne die nötige Info, dass 81 m tiefer die Werrabahn seit 1858 in ihren 510 m langen Tunnel verschwindet.

Auf dem breiten Weg geht es weiter, vorbei an der „Albert-Hofmann-Linde“, deren Besonderheit wieder nur der Wanderführer verrät. Bei km 11,2 erklimmt man die „Wilde Sau“ (387 m), wieder mit Wartburg-Blick.

Links lockt wenig später die nächste Wanderhütte – „Krumme Kahre“ benannt. Kartenkundig finde ich heraus, dass es bis zur Hohen Sonne noch 2 km sind. Und auch, dass 14-jährige Stuten ebenso heftig transpirieren können wie Mittvierziger Wander-Eleven. Arlette heißt die dunkelhäutige, schlanke Schönheit, die mit Melissa (13) ein nettes Gespann abgibt. Dahinter, auf dem Bock der leichten Kutsche, Gerald Frisch. „Wir machen Pause, sie hat sich ein wenig aufgeregt“, sagt Frisch und nickt in Richtung Arlette, die in der der aufsteigenden Abendkühle und im letzten Sonnengegenlicht vor sich hinbrodelt. „Wir trainieren“, erklärt der Kutscher. Im gehört der Hütschhof bei Oberellen, wo 22 Pferde, eigene wie Pensions-Vierbeiner, in den Ställen mit den Hufen scharren. Die Kutscherei und der Zweispänner-Fahrsport seien Liebhaberei, erzählt Frisch und tätschelt dabei die kräftigen Hinterbacken der dampfenden Pferdedame. Er sucht nach der Tanne – dem Brandzeichen, das die beiden Wieher-Tiere als „Edle Deutsche Reitpferde“ kennzeichnet. Stolz berichtet der Mann, dass seine Stuten von veritablen Deckhengsten beehrt werden, die üblicherweise auf Moritzburg ihre edlen Gene weitergeben.

Ich könnte glatt noch eine halbe Stunde mit den Pferdeflüsterer vom Hütschhof schwatzen. Aber die Zeit drängt. Über dem immer düsterer werdenden östlichen Nadelbaumhorizont kündigt sich die „blaue Stunde“ an. Eigentlich wollten wir ich da schon längst am Etappenziel sein und uns als Belohnung die nahe liegende Drachenschlucht gönnen!

Also den Schritt beschleunigt. Jetzt gibt es zudem nicht mehr so viel Ablenkendes. Zu so später Stunde treiben sich wohl auch nur noch Journalisten durch den düst’ren Wald. Kurz vorm Ziel beinahe noch die Katastrophe: Da ich meinte, ohne richtigen Wanderschuh das Geläuf zu bewältigen, kommt es, wie es kommen muss. Einen Moment Unachtsam-keit und ich knicke um. Autsch! Nun will man(n) aber in Gegenwart holder Weiblichkeit nicht als Weichei gelten. Nach einigen hundert Humpelmetern geht’s wieder. Und ich schwöre mir: „Die nächste Etappe nur in zünftiger Bekleidung!“

Es wird es ein Wettlauf mit der anbrechenden Nacht. Weil es aber auf den letzten Metern außer dem 430 m hohen Saukopf und dem Eckardtshäuser Blick (km 13) nichts weiter zu schauen gibt, kommen wir zügig zwischen dunklen Douglasien auf der einen und ebenso finstren Fichten auf der anderen Seite voran.

Es ist fast 19 Uhr und der Imbiss am der Hohen Sonne hat eigentlich schon zu. Die netten Menschen hinterm Tresen, die aufräumen, haben aber ein Herz: Das eiskalte Mineralwasser und die Apfelschorle sind so was von erfrischend!

Ich muss zugegeben, ich bin auch stolz auf mich, als ich wenig später – so in meinem eigenen Saft schmorend – Richtung Heimat rolle. Ich freue mich auf die Dusche, ein kaltes Bier. Und auf die nächste Rennsteig-Etappe. Ganz ehrlich!

Originaltext vom Oktober 2006, gekürzt erschienen im „Freien Wort“ und dem Buch „Wandern am Rennsteig“ (Verlag Freies Wort, 2007)

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