Das Wort zum MUTwoch (135): Wenn Muthig früh zur Arbeit geht…

Jüngst zwischen Friemar und Pferdingsleben. Eine Beerdigung erster Klasse. Für eine Wasserleitung.

Günter Haemisch haut den Hebel rum. Gefügig erwacht der „Föckersperger“, hustet ein paar Rußwölkchen ab und grummelt dann vor sich hin. Der „Föckersperger“ ist ein Unikum, das ein wenig wie ein entfernter Verwandter der Kampfspinne aus „Wild Wild West“ anmutet. Doch Haemischs Günther ist nicht Dr. Arliss Loveless, der exzentrische Südstaaten-Millionär, sondern ein Muthig-Mann. Einer von der gleichnamigen Mellinger Leitungsbau-GmbH. Und sein „Föckersperger“ nicht achtbeinig, sondern vierrädrig und allemal friedlich.

Diese motorisierte orange Merkwürdigkeit ist ein Kabelpflug. Klingt komisch, ist aber so. Denn dieser Pflug pflegt wirklich Kabel – oder auch flexible Rohre – unterzupflügen.

Pflug-Pilot Haemisch reitet seit 1994 auf solchem Gerät durch die Gegend. Aber im Grunde genommen wird der 58-Jährige ständig abgeschleppt. Denn der Kabelpflug vermag zwar selbst zu fahren, kann allerdings nicht aus eigner Kraft seiner Bestimmung nachkommen. So wie einst der Bauer sein Rösslein, so muss sich Haemisch seinen Kollegen Nikolai Müller vorspannen. Der hockt auf dem Bock eines MAN. Fette 460 PS unter der Haube sorgen für Vortrieb – vor allem dann, wenn der MAN steht. Klingt schon wieder komisch, ist aber tatsächlich so.

Haemisch und Müller sind eine Seilschaft. Dafür, dass Haemisch den ganz großen Aufreißer geben kann. Bis zwei Meter tief geht sein Hakenpflug Muttern Erde unter die Haut. Aber nur deshalb, weil Müller ihn an der Stahlleine führt. Dessen MAN buckelt eine hydraulische Winde mit sich herum, die der Hammer-Diesel unter der Haube antreibt. Auf der Trommel ist ein daumendickes Stahlseil. Damit lassen sich locker 140 Tonnen ziehen. Vorausgesetzt, Müller hat sich mit der klauenbewehrten Heckflosse seines Trucks ebenfalls in den Boden gekrallt.

Ist das geschehen, gibt Müller seinem Affen Zucker und dem Turbo-Diesel Luft zum Atmen. Dann wird der MAN-Motor vom Leerlauf-Brabbler zum Donnergeil. Das stählerne Seil strafft sich. Wer es vermag, hört, wie es singt und klingt – wie die gespannte Sehne eines Bogens. Doch statt einen Pfeil davonschnellen zu lassen, zieht sie scheinbar mühelos das orange Vierrad-Vehikel samt Drachenklaue und Kabelgeschlängel dahinter an sich heran.

Atemberaubend schnell übrigens. Nur zügiger Wanderschritt erlaubt, auf gleicher Höhe zu bleiben. Binnen drei Stunden hatten Haemisch, Müller, der MAN und der flugunfähige Pflugschar 700 Meter hinter sich gebracht. Bis Otto-Normal-Feierabend um 16 Uhr sollten und wollten Günther und Nikolai ihr Schäfchen ins Trockene gebracht, die neue Trinkwasserleitung für die Friemarer in Würde und mit aller Kompetenz „beerdigt“ haben.

Anschließend hockt sich Haenisch mit seinem „Föckersberger“-Ungeheuer auf einen Tieflader, den dann der Müller-MAN nach Berka/Werra kutschierte.

Günther Haemisch liebt es, Rohr-Schlangen und Kabel-Konsorten tiefer zu legen. Seit 20 Jahren ist er auf Achse, der ehemalige Kraftfahrzeugschlosser vom ehemaligen VEB Kraftverkehr Apolda. Den mehr oder minder geruhsamen Werkstatt-Job gegen die andauernden Europa-Tourneen zu tauschen, machte ihm nicht allzu viel aus: „Man muss halt was tun, damit daheim die Esse raucht“, sagt er und feixt dabei. Durch Lichtenstein, Frankreich und die Schweiz ist er „gepflügt“. Auf rund 100 km kommen er und sein Grabenkämpfer jährlich. Meist ist er die Woche über auf Achse. Das ist die Norm. Nur einmal; da hat er eine Langzeit-Baustelle gehabt. „In der Schweiz“, für drei Monate. Da waren auf einen Haemischen Husarenritt 16 Telefonleitungen einzuackern. Neben einer Gasleitung, in deren Schutzstreifen. Teils in Hanglagen, die Mann und Maschine bis aufs letzte forderten. „Der Bock stand so schräg, dass die Hydraulikflüssigkeit wieder zum Einfüllstutzen heraus kam.“ Kein Grund für Haemisch, das Cockpit seines Kabel(p)flugzeugs zu verlassen.

So ist das eben, wenn Muthig-Mannen wie Haenisch und Müller früh zur Arbeit gehen.

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