Das Wort zum MUTwoch (91): Das grüne Leuchten

Ich weiß nicht mehr, wann es war: Aber es liegt unglaublich lang zurück. Meine Erinnerungen daran sind jedenfalls sehr vage.
Weniger verschwommen, eher todsicher ist mein Wissen darum, wie mich – es mag am Ende der 1960er-Jahre gewesen sein – ein „magisches Auge“ in seinen Bann schlug. Es leuchtete an einem gigantisch großen Holzkasten. Daraus dröhnten merkwürdige Melodeien und tönten betörende Stimmen.

Die dudelnde Kiste wirkte wie ein Zyklop, mit jenem smaragdgrünen Leuchten oben, unterhalb des Haarschopfes aus grobmaschigem Stoff. Eben daraus schienen die Stimmen zu kommen und die Musik.
Anstelle eines Mundes hatte der Holzkopf etliche elfenbeinfarbene Tasten. Die rasteten mit lauten Knacken ein, wenn man mit ausreichend Nachdruck darauf drückte. Rechts und links der Rastetasten prangten große gerändelte Räder.
Meine kleinen Rainer-Patschen konnten sie gerade so umfassen. Und wenn ich am rechten von den beiden Steuerrädern kurbelte, wanderte ein beleuchteter Strich im Feld dazwischen hin und her.
Breit grün grinste mich dann meist das magische Auge an, während aus seinem Dachstübchen gewaltiges Brummen, Rauschen, Knacken und Knistern schallte. Das war irgendwie faszinierend, irritierend, beängstigend. Was das wohl bedeuten mochte?
Manchmal aber kniff der grüne Glotzer seine Pupille zusammen. Immer dann, wenn aus dem großen weißen Rauschen plötzlich – mehr und mehr vernehmbar – eine Stimme wurde oder Musik erklang. Erwischte ich punktgenau die Quelle des Wohlklangs, machte das Katzenauge katzentypisch sich ganz schmal: Sind Stubentiger hellem Licht ausgesetzt, dann verengen sich ihre Pupillen und sie schauen uns mit fernöstlichen Mandelaugen an.
Das machte auch das „magische Auge“ am „Rema 2005“. „Magisches Auge“ nennt man umgangssprachlich eine Abstimmanzeigeröhre. Die lernte ich damals am Radio kennen, fand sie aber auch später noch als Pegelanzeige bei Tonbandgeräte und Verstärkern.
Erinnert habe ich mich, als ich Ende Oktober in Heiligenstadt war. Dort, im Heimatmuseum, gibt es eine sehenswerte Sonderausstellung zu 90 Jahren Radiogeschichte in Deutschland:

 „Mein lieber Enkel, erfind’ mal was …“
Heiligenstadt. Ein Freitagabend. Das Heimatmuseum. Ein langer Flur, ein großer Ausstellungsraum. Alles hell erleuchtet. Überall Radios und andere Apparaturen – sehr alte Radios und wirklich wundersam wirkenden Apparaturen. Aus allen Lautsprechern schallt „mdr Radio Thüringen“. Menschen flanieren mit Saft und Sekt zwischen den tönenden Teilen. Wie passend zur Eröffnung der Ausstellung „90 Jahre Radiogeschichte in Deutschland“.

131025 Liesenfeld 072„Die gehen alle, das ist doch Ehrensache“, brummelt Hans-Joachim Liesenfeld. Er ist der Mann, der diese technischen Raritäten vorm Sperrmüll bewahrte. Schon seit den 1980er-Jahren frönt er jener seltsamen Sammelwut.

Infiziert hat er sich als junger Bursche, „damals, in der Station Junger Techniker’“. Für damalige Zeiten politisch nicht ganz korrekt, schraubte er an einem Volksempfänger – besser bekannt als „Goebbels-Schnauze“. Das Relikt aus Deutschlands dunkelster Vergangenheit sollte eigentlich weggeworfen werden. Aber der junge Liesenfeld konnte seine Finger nicht von den summenden, brummenden Innereien des hässlichen Holzkastens lassen. Als der endlich wieder krächzende Lebenszeichen von sich gab, trug er stolz den wiederbelebten Propaganda-Apparat nach Hause – seine erste „Beute“.

Sein Hobby wurde zum Beruf. Liesenfeld lernte 1960 Rundfunk- und Fernsehmechaniker. Arbeitete gefühlte Ewigkeiten im selben Betrieb. Nach der Wende machte er sich schließlich selbstständig.

1983 entstaubte er erstmals seine Schätze. Präsentierte sie im Heimatmuseum. Seither passiert das immer wieder zu runden oder weniger runden Jubiläen jenes 23. Oktober 1923. Da verkündete erstmals im Äther ein Sprecher, dass die Berliner Sendestelle Voxhaus mit dem „Unterhaltungsrundfunk“ begänne. Die folgenden zwölf Musikstücke waren die erste Rundfunkübertragung in Deutschland.

Liesenfeld sammelt, repariert und stellt die alte Radio- und Fernsehtechnik aus, damit auch noch kommende Generationen erfahren, wie das Leben vor iPod & Co. war. „Die Leute werfen zu vieles zu schnell weg. Manches muss man für die Nachwelt aufheben.“

Vor allem Schüler und Studierende von Technikberufen würde er gern mit seiner Leidenschaft für Funktechnik und Physik anstecken. Das tapfere Technikherz grämt jedoch, dass sich weder Bildungsminister noch Universitätsrektoren dafür erwärmen wollen.

Trotzdem macht er unermüdlich weiter. Und hat dafür berühmte Unterstützer und Mitstreiter wie Jo Brauner. Der hatte am 9. November 1989 als erster Nachrichtenmann die Botschaft vom Fall der Mauer in der 20-Uhr-„Tagesschau“ überbracht. Der gebürtige Rudolstädter fand eher zufällig 2000 den Weg ins Eichsfeld, kommt aber seither immer wieder. Und immer wieder gern.

Auch Professor Joseph Hoppe, der stellvertretende Direktor der Stiftung Technikmuseum Berlin, gehört zu den Liesenfeld-Fans. Er hielt den aktuellen Festvortrag, „eben in Heiligenstadt, wenn in Berlin keiner ans Jubiläum denkt“. Und er rühmte Liesenfelds Sammlung als die wohl bedeutendste in Deutschland.

Des Sammlers Familie hat sich auch damit arrangiert. Gattin Gudrun gibt gelassen Geborgenheit. Enkel Til wächst seit dem ersten Quiekser im Dampfradio-Imperium auf. Er soll mal das Erbe antreten. Geübt hat er schon – als naseweiser Ausstellungs-Eroberer in einem der vielen Liesenfeld-Filme. Dieses Jahr gab’s vom Opa nun ein Exemplar von dessen neuestem Buch. Verbunden mit dem Wunsch: „Du musst was erfinden: So was Dünnes wie meine Zeitung, dass dann die Musike spielt, wenn man es aufklappt …“ Til hörte artig zu und nickte brav. Um wenig später außerhalb großväterlicher Hör-Reichweite zu schlaumeiern: „So was gibt’s doch schon …“

Egal. Seinen Opa liebt er über alle Maßen. Und schon deshalb darf man sich fast sicher sein, dass Til dann 2073 in Heiligenstadt einlädt zur Ausstellung „150 Jahre Radiogeschichte in Deutschland“.

(Die Ausstellung ist bis 5. Januar 2014 in der Kollegiengasse 10 in Heiligenstadt anzuschauen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10–17 Uhr, Samstag/Sonntag 14.30–16.30, Montag Ruhetag).

(Reportage, geschrieben für die Deutsche HandwerksZeitung im November 2013)

 

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

 

 

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