Das Wort zum MUTwoch (62): Irroyal

Die singende Sonnenbrille Heino schnettert seit 1999 immer wieder mal „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben …“

Mit echter Inbrunst tut das der deutschtümelnde Heinz-Georg Kramm, wie der schwarzbraune Haselnuß-Konditor und gebürtige Düsseldorfer heißt.

Sicher auch, weil er keinen blassen Schimmer davon hat, wie diese Verse zur martialischen Militärmusik kamen, die Richard Henrion 1893 als „Fehrbelliner Reitermarsch“ komponierte.

Ein Gassenhauer wurde das Stück nämlich erst nach 1918. Nachdem Wilhelm II. abdanken musste. gab es einen neuen Text – vermutlich zugleich als Zeichen eines nostalgisch-verklärenden wie auch eines kritisch-ironischen Umgangs mit der „guten alten Zeit“.

Der letzte deutsche Regent Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen – so der komplette Name – war übrigens schlicht getürmt: Er hielt sich im deutschen Hauptquartier im belgischen Spa auf, bis die Entente seine Auslieferung als Kriegsverbrecher verlangte. Da ging er in die nahen Niederlande, weil ihm Königin Wilhelmina nach 2 Tagen Bedenkzeit Asyl gewährte und seine Auslieferung verwehrte. Der Ex-Kaiser blieb bis zu seinem Tode 1941 im niederländischen Doorn.

Und damit kriege ich die Kurve dazu, dass Dienstag vor einer Woche laut dpa über vier Mio. Zuschauer in deutschen Wohnstuben saßen und zuschauten, wie die Niederlande einen neuen König bekamen. Willem-Alexander ist übrigens der Urenkel der Kaiserasyl gewährenden Königin Wilhelmina …

ARD, RTL und n-tv waren beim Krönungs-Spektakel live dabei, kamen zusammen auf eine Einschaltquote von fast 40 %.

Vor allem der „Adelsexperte“ der ARD, Rolf Seelmann-Eggebert, sammelte dabei die meisten Blaublut-Jünger ein – nämlich drei Viertel aller Zuschauer. Darunter auch das „Provinzschnatterinchen“ Pauline Werner …

Und weil Paulinchen so gern Prinzessinnen mag und eine Ader fürs Literarische hat, galt bei ihr: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über …“ Sie ist wirklich loyal royal, wie ihre amüsante Sonntags-Kolumne bewies.

Auch davon, dass eine n-tv-Umfrage ermittelte, 70 % der Deutschen würden einstimmen und „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben …“ singen. Was allerdings kein Wunder war – das telefonische Votum fand während der Krönungs-Übertragung des Nachrichtensenders statt.

Für den „Stern“ fragte das Meinungsforschungsinstitut FORSA ebenfalls – und repräsentativ, wie es immer so schön heißt: Demnach möchten trotzdem weiterhin 87 % der Bundesbürger am Bestehenden festhalten und auf eine konstitutionelle Monarchie verzichten.

Schade nur, dass bei dieser wie bei anderen Meinungsumfragen bloß selten offengelegt wird, was genau gefragt wurde. Zudem hätten mich im konkreten Fall schon einmal die Gründe dafür interessiert, warum die „von und zu“s in deutschen Landen keine zweite Chance bekommen sollen …

Sicher nur ist, dass die meisten von uns an jenem Dienstags zwischen 13 Uhr und 16 Uhr unserem Job mehr Aufmerksamkeit widmeten als dem Oranje-Spektakel um Willem-Alexander. Wohl auch deshalb lag der Anteil der 14- bis 59-Jährigen am Fernseh-Volk nur bei bescheidenen 14 %.

Ich jedenfalls bin bekennend irroyal und meine deshalb „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm nicht wiederhaben

Habt Mut und genießt den Mittwoch!

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

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