Das Wort zum MUTwoch (63): Zivilcourage

Gothardusfest. Selbst noch am finalen Sonntag auf dem Hauptmarkt Hundertschaften von meist gut gelaunten Leuten. Und nicht nur, weil es Gerstensaft zur Genüge gab. Für Frierkatzer wie mich hatte der Winzer hinterm Rathaus sogar Glühwein …

An einem der Stände eine junge Frau. Wohlgenährt. Offenherzig gekleidet. Was Einblicke erlaubte, nicht nur aufs Arschgeweih. An ihrer Seite ein kleines Zopfliesl. Lustig, lachend und immer herumwieselnd um die Mama und deren Gefolge. Zwei Kerle, Bier bechernd, qualmend. Plötzlich brüllte einer der beiden: Das Kind war beim Hasche spielen ans Tischchen gestoßen, die Bierbecher kippten um. Der Brüller drehte sich und schlug dem Kind derart brutal ins Gesicht, dass es rücklings hinfiel. Das Mädchen tat kein Mucks, rappelte sich auf, hockte sich ein paar Schritte entfernt an einen Baum. Wie ein geprügelter Hund …

Die meisten Leute ringsherum nahmen die Szene gar nicht war. Wohl auch, weil das Kind wirklich beängstigend mit dem Schmerz umging. Lautlos mit dem von der Watsche. Lautlos auch mit der Seelenpein. Die aber sah man: Eben noch funkelten die Augen neugierig und fröhlich die Welt an. Jetzt waren sie erloschen.

Ich war wie versteinert. Kalte Wut kam hoch. Wollte diesem Arschloch sagen, dass es ein Arschloch ist. Tat es dann aber trotzdem nicht. Wohl auch aus Feigheit. Feigheit davor, dass die Sache eskaliert. Ich bin weder Hüne noch Held. Und auf Wirtshaus-Prügeleien stand ich noch nie.

Mir war hinterher der Tag vergällt. Ich trollte mich nach Hause. Noch abends lief wie in einer Endlosschleife diese Szene vor meinem geistigen Auge ab: Und ich schämte mich von Minute zu Minute mehr, dass ich – wie so viele andere – einfach weg gesehen hatte.

Nein. Ich werde jetzt nicht den Moralapostel spielen. Kann ich auch nicht – habe ja schließlich selbst gekniffen.

Aber dennoch: Wie oft im Leben kommen wir in Situationen, wo Zivilcourage gefragt ist? Und wie oft zeigen wir sie?

Der Vorwurf, die Klage ist allgegenwärtig, dass Egoismus, soziale Kälte diese Gesellschaft prägen. Was fehle, sei Herzenswärme. Und ich scheue mich nicht davor, auch von Nächstenliebe zu sprechen.

Es sind die kleinen Freundlichkeiten im Umgang miteinander, die es ausmachen. Sie kosten nicht Geld noch groß unsere Zeit. Sie zaubern ein freundliches Lächeln ins Gesicht des Gegenübers. Der oder die ist manchmal selbst erstaunt, dass sie das noch kann: Lächeln sei die schönste Art, sich die Zähne zu zeigen – diesen Aphorismus las ich vor langer Zeit und ich finde ihn noch heute zutreffend.

Habt also Mut dazu und genießt den Mittwoch!

P.S. Wenn ich das prügelnde Arschloch mal wiedersehe, werde ich es trotzdem nicht anlächeln …

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

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