Das Wort zum MUTwoch (129): Nass gemacht

Schon kalt geduscht?

Nein; ich meine nicht morgens und zum Wachwerden: Haben Sie sich schon einen Eimer Eiswasser übern Kopf gießen und dabei filmen lassen, um anschließend das Video ins Internet zu stellen?

Das passiert gerade gefühlt tausende Mal am Tag. Für einen guten Zweck. Die Kampagne will auf die „Amyotrophe Lateralsklerose“ (ALS) aufmerksam machen und Spenden für die Erforschung der Krankheit sammeln.

Es ist allerdings eine recht seltene: Laut „Süddeutscher Zeitung“ erkranken unter 100.000 Menschen pro Jahr etwa ein bis drei daran. Vor allem Männer jenseits der 50 sind davon betroffen – doppelt so oft wie Frauen. ALS befällt das motorische Nervensystem und ist unheilbar. Gerhard Knorz aus Darmstadt hat diese Krankheit – was sie bedeutet und wie er damit lebt, kann man in dem verlinkten „Echo“-Artikel lesen.

Seit knapp einem Monat ist keiner mehr sicher vor den Benässten (die ersten urkundlich erwähnten #IceBucketChallenger waren übrigens Laurel & Hardy…) Diese Welle schwappte wieder mal über den großen Teich. Der US-Golfer Chris Kennedy gab laut „Time“ mit seinem Dusch-Video via Twitter den Startschuss. Kennedy war es auch, der die feucht-fröhliche virale Kettenbrief-Lawine lostrat: Seine Cousine, deren Mann ALS hat, forderte er öffentlich auf, es ihm gleich zu tun. So ist es jedenfalls auf Wikipedia vermerkt.

Seither lassen sich Leute nicht mehr nur einfach einnässen – sie nötigen auch andere, es ihnen gleich zu tun.

Zum Eiswasser-Tsunami wurde die Aktion in den USA aber auch erst, nachdem die Profis der „Pittsburgh Penguins“ mitmachten. Den Eishockey-Cracks wird nachgesagt, dass sie die meisten Fans aller Mannschaften der NHL in den sozialen Netzwerken haben. Folglich schauten dem Duschbad von Sidney Crosby – einem „Pinguin“ und dem aktuell populärsten Eishockeyspieler der NHL – in kürzester Frist Millionen zu.

Kaltduscher aller Länder schwemmten bisher auf diesem Wege fast 80 Mio. Dollar aufs Spendenkonto.

Die an sich gute Sache hat Kritiker:
So gibt es Vorwürfe, die amerikanische ALS-Hilfsorganisation nutze umstrittene Tierversuche.
Zum anderen surfen immer mehr Promis und Politiker auf der Welle der Hilfsbereitschaft. Sie nutzen die breite öffentliche Aufmerksamkeit, vergessen aber, auf die Krankheit hinzuweisen und Fans ebenfalls um Spenden zu bitten.

Selbst der Thüringer Landtagswahlkampf wird so verwässert.

Und natürlich darf auch Oliver Pocher nicht fehlen: Der kleingeistige, kommerzielle Klamauker produzierte sich gleich in einer Mini-Serie. Erst parodierte er Karl Lagerfeld und Angela Merkel. Dann schreckte er nicht einmal davor zurück, auch als „Wladimir Putin“ aufzutreten.

Kaltwasser-Anwendungen sind eigentlich sehr gesund. Das wissen wir Thüringer seit Sebastian Kneipp. Ausnahmen wie Pocher bestätigen diese Regel.


Ein nachdenklicher Nachtrag:

Weltweit haben 1 Mrd. Menschen kein sauberes (Trink-)Wasser.
Statistiken zufolge verdursten täglich 5.000 Kinder.

Zu diesen beiden Fakten passt die Bitte von Gunter Völker, dem Ex-Tabarzer und jetzt Wirt des „Deutschen Hofs“ in Erbil (Irak). Auf Facebook schrieb er:

„Liebe Tabarzer,
ich habe euch bisher nie um etwas gebeten. Jetzt nur eine vorsichtige Anfrage:
In Europa schuetten sich alle Wasser ueber den Kopf. Hier in Kurdistan verdursten die Flüchtlinge bei über 40 Grad. Wenn moeglich, bitte ich euch alle um eine Sonder-Aktion. Eine Ladung Wasser – das sind 250 Karton a 60 Becher a 0,33 l kosten 450 €. Vielleicht koennt Ihr euch aufraffen zu helfen. Wenn jeder etwas dazu beiträgt, dann koennen wir Leben retten. Ich wuerde euch nicht fragen, wenn es nicht wirklich ganz wichtig wäre. (…)

edit, 29.8., 19 Uhr:

Das Spendenkonto:

Commerzbank Gera
DE21 8304 0000 0205 7032 00

Deutscher Hof International Wasser fuer Kurdistan / Name des Spenders 

 

 

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