Oscar-Kolumne: Das Kreuz mit dem Kreuz

61,5 Mio. Wahlberechtigte gibt es. 40 %, so Umfragen, seien noch unentschlossen, ob sie am Sonntag ihr Kreuz machen – und dann für wen.

Das kann ich verstehen: Ich las die Wahlprogramme der sechs Parteien, die im neuen Bundestag sein werden. Korrekter: ich scannte nach Schlüsselworten und –themen.

Deshalb brauchte ich keine 17 Stunden, wie Nicolas Merz vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) ermittelte. Auf „Zeit Online“ findet sich sein Resümee der Wahlprogramme, die mit 225.000 Worten gut doppelt so lang wie das Neue Testament sind.

Wahlprogramme zu lesen, ist also nicht vergnügungssteuerpflichtig, zumal sie seit Jahr und Tag umständlich formuliert sind und voller Phrasen.

Doch es gibt „Wahlprogramme light“. Zusammenfassungen, so komprimiert, dass es keine Stunde braucht, zwei oder drei dieser Extrakte zur Kenntnis zu nehmen – wie zum Beispiel jenen bei SPIEGEL Online, den der „Südeutschen Zeitung“ oder unseres Heimatsenders mdr. Unschlagbarer Vorteil: So bieten sich verschiedene Perspektiven. Schlauer ist man(n und frau) hinterher allemal. Lesen bildet eben. Immer noch.

Alternativ dazu bemühte ich auch wieder den Wahl-o-maten. Und bestätigte meine Erinnerungen an frühere Visiten. Klickte wieder (m)einen parteipolitischen Cocktail zusammen, den leider kein Wahlzettel ermöglicht: Mal waren meine Ansichten sozialdemokratisch gefärbt, mal ökologisch einwandfrei gras„grün“ und im gleichen Moment links. Schien sogar liberal und konservativ zugleich. Abhängig davon, ob ich eher entschieden oder unschlüssig war.

Also checkte ich auch deinwal.de. Deren Macher wollten sich zum Bundestag und dem politischen System in Deutschland schlau machen. Sie analysierten aber nicht die Programme, sondern die Voten von Abgeordneten in mehr als 200 Abstimmungen der aktuellen Legislatur. Deshalb fehlen zwar FDP- und AfD-Positionen. Mir war es trotzdem eine echte Entscheidungshilfe, die 42 Fragen zu beantworten, die für mehr Sachkunde weiterführende Quellen anbieten.

Und ich habe jetzt eine klare Position, weshalb deinwal.de meine Empfehlung an Sie ist! Denn ich bitte Sie nachdrücklich darum, wählen zu gehen. Dank des Zwei-Stimmen-Systems kann man übrigens potenzielle Koalitionen abwählen – oder auch ermöglichen.

Ganz zum Schluss ein Rat von Alan Moore. Der hat einen besonders anarchischen Humor – und nicht nur, weil er Comics wie „Watchmen“, „V for Vendetta“ und „From Hell“ produziert: „Eine Protestwahl ist, wie wenn man eine Nacht in einem Hotel verbringt, einem das Zimmer aber nicht gefällt und man deshalb aus Protest in das Bett kackt. Nur um dann festzustellen, dass man im vollgekackten Bett schlafen muss.“

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 22. September 2017)

 

 

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