Der Samenraub zu Gotha – ein Drama in drei Akten

von Rainer Aschenbrenner

 Nein, es war nicht der 1. April. Und auch kein Scherz, als ich am letzten Tag des Märzes in der TA las: Die Orangerie wird 2017 blütenbefreite Zone.

Ganz unverblümt lautete die offizielle Begründung: Das Budget der zuständigen Stiftung „Thüringer Schlösser und Gärten“ mit Sitz in Rudolstadt reiche nur für 3.000 Pflanzen. Nicht einmal genug, um jene Blöße zu bedecken, die man sich geben würde: Die komplette originalgetreue, nach historischen Plänen erfolgende Gestaltung erfordert nämlich 15.000 Früh-, Spät- und Dauerblüher. Sehr spezielles Grünzeugs, das weder ein Baumarkt noch die Gärtnerei um die Ecke hat. Was daher auch ordentlich Kohle kostet: Auf gut 8.000 Euro bezifferte Parkverwalter Jens Scheffler den Fehlbetrag. Die mussten aber bis Ende April aufgetrieben sein, um rechtzeitig bestellen und ab 15. Mai das große Pflanzen beginnen zu können.

„ Что делать? – Was tun?“

Das sprach einst Lenin. Meinte sinngemäß in seiner Schrift, dass das Bildungsbürgertum der Arbeiterklasse beispringen müsse, wenn man wirklich den Aufstand wagen wolle.

So richtige Revoluzzer sind Gothas Grünflächengestalter aber nicht – auch wenn der stiftungsverordnete Samenraub quasi den Bock zum Gärtner machte. Zumindest aber gaben sie sich so gar keine Mühe, die gähnend leeren Rabatten zu tarnen. Eine Form des stillen Protests? Wer weiß…

Wie auch immer: Widerstand ist nicht zwecklos. Zumal, wenn die Widersacher nicht Weltraum-Wüstlinge vom Kaliber der Borg sind, jener Aliens aus „Star Trek“.

Als bekennender Fan dieser SciFi-Kultserie(n) packte mich ein gewisser Wahnsinn: „Make peace, not war!“ – daran berauschten sich die Hippies in den 1960er-Jahren. Ein halbes Jahrhundert später sammelte ich „Gothaer Blumenkinder“ unterm Banner der Blütenträume im virtuellen Widerstandscamp auf Facebook: „Make flowers, not desert!“ Neudeutsch: „Lasst Blumen sprechen! Kampf der Wüste!“

So spontan diese Spendenaktion am 3. April ihren Anfang nahm, so spontan flossen die ersten Euros für blühende Landschaften – auch wenn zeitweise sogar tatsächlich der Gedanke aufkam, Kohl in Gotha anzupflanzen. Gothas größtes Gemüsebeet verwarf man auf Rat der Gärtner vorläufig. Sie bleibt aber eine wünschenswerte Vision der „Blumenkinder“.

Geben ist seliger denn Nehmen

Dass Geben seliger denn Nehmen ist, wissen offensichtlich nicht nur die Bibelfesten unter gebürtigen, den Gast- und Ex-Gothaern. Schon nach fünf Tagen waren daher gut 2.000 Euro auf dem Spendenkonto. Darunter einige dreistellige Beträge ­– von privat, von Gothaer Handwerkern, Geschäftsleuten, Unternehmern. Selbst Vereine zeigten sich solidarisch mit den „entwurzelten“ Gärtnern um Jens Scheffler.

Bislang den dicksten Brocken steuerte Gothas größter privater Arbeitgeber zu – die Brauerei. Logisch eigentlich; ein Bier taugt ohne Blume nix. Ohne Blume eben aber auch keine Orangerie. Also eroberte Astrid Kollmar Herz und Schatulle der OeTTINGER-Geschäftsführung. So flatterte unmittelbar vorm „Tag des Bieres“ ein Tausender aufs Konto.

Das Gros machten aber kleinere Summen aus: Und ganz sicher waren unter diesen etwas mehr als 100 noblen Spenderinnen und Spendern nicht wenige, die jene 5 oder 10 Euro mindestens dreimal umdrehen mussten, ehe diese Guten sie ins Töpfchen für den Blütentraum taten.

Fulminant dann ein Zwischenspurt am vorigen Samstag: Dreizehn JägerInnen und SammlerInnen gingen in einer Charme-Offensive auf Gothas Volk los. Die drei Büchsen jener kostümierten Klapperdosen-Kolonne, die sich garantiert nicht zum Obst, dafür aber zu echten „Blumenkindern“ gemacht hatten, waren nach zwei Stunden rappelvoll: Mit einem Sensationsergebnis von 978,91 Euro knackten wir so sechs Tage vor Ablauf der selbst auferlegten Frist die 8.000-Euro-Grenze. Und weil noch weitere Anfragen offen, weitere Taler-Transfusionen mündlich zugesagt sind, wird der Kontostand weiter wachsen.
Welch sensationelles Ergebnis!
Welch eindeutiges Bekenntnis der Gothaer zu ihrem duften Blumenparadies!

Neuauflage fällt aus

Ganz klar ist aber auch: Diese Spendenaktion war, ist und bleibt ein Solitär. Es gibt keine Wiederholung. Keine Neuauflage. Weder 2018, noch sonst wann.

Und weil es wiederholt Besorgnis gab, dass das Geld NICHT für die Orangerie genutzt werden könnte: Ich verbürge mich dafür, dass der Zweck der Sammlung erreicht wird. Dafür wird transparent und öffentlich abgerechnet. Ich werde zudem mit der Stiftung „Thüringer Schlösser und Gärten“ schriftlich vereinbaren, dass das „überschüssige“ Geld im Einverständnis mit Parkverwalter Jens Scheffler und Ora-Cheffreundin Heike Henschke der Orangerie und damit uns allen in Gotha von Nutzen sein wird. Mir gefällt im Übrigen ausnehmend gut die Idee vom „essbaren Paradies“. J

Deshalb bleiben wir Macher aber auch am Hauptgrund der Misere dran, unterstützen Mitspender Matthias Hey. Der SPD-Landtagsabgeordnete und Finanzfuchs seiner Fraktion will für ein solches Budget der Stiftung „Thüringer Schlösser und Gärten“ sorgen, das solche Feuerwehreinsätze wie den der „Blumenkinder“ obsolet macht.

Heißt, er will auf parlamentarischem Wege Finanzministerin Heike Taubert überzeugen, der Stiftung künftig 1 Mio. Euro mehr zuzuweisen. Das wäre ein Plus von 20 %. Das ist also ein ganz dickes Brett.

Das braucht jede Menge Überzeugungsarbeit. Und öffentliche Aufmerksamkeit für die aktuell missliche Lage – die im Übrigen nicht nur Gotha trifft.

Schließlich hat die 1994 gegründete Stiftung eine Sisyphos-Arbeit ohne Gleichen zu leisten: 31 Schlösser und Gärten gehören ihr.

Finanziert wird sie mit eben jenen 5 Mio. Euro jährlich aus dem Landeshaushalt. Eine Summe, die seit Jahr und Tag konstant blieb. Macht im Durchschnitt 160.000 Euro pro Einrichtung.

Stiftungsdirektor seit 23 Jahren ist Professor Dr. Helmut-Eberhard Paulus. Ein vernetzter und umtriebiger Mann, der daher immer wieder eine Verdreifachung der Summe durch Mittel aus Bundestöpfen oder der EU schaffte. Und dennoch wäre es dann „nur“ eine knappe halbe Mio. pro Standort, die zu verteilen, möglichst Mehrwert erzeugend, auszugeben ist.

Selbst Laien erkennen die unzureichende Finanzdecke. Die ist allemal zu kurz, um alle lokalen Bedürfnisse und Befindlichkeiten jener 31 (Ober-)Bürgermeister, Parlamente und Bürgerschaften auszutarieren, mit denen es die Stiftung zu tun hat.

Und noch ein Fakt, der die Winzigkeit des Haushaltes der Stiftung illustriert: Seit die Stiftung 2004 Schloss Friedenstein samt Englischem Park und Orangerie übernahm, bezahlt Gotha das Personal und Pflegemaßnahmen etc. Laut OB Knut Kreuch sind das 2,5 Mio. Euro im Jahr. Ein Betrag, der 50 % der Landeszuweisungen an die Stiftung entspricht.

Ein drohender Bienen-Stich

Doch zurück zu Hey und seinem Kampf gegen den Rotstift: Ihm hilft ganz bestimmt, wenn das Gothaer Kampfdrohnen- und Bienengeschwader im Fall aller Fälle in voller Ausrüstung Finanzministerin Heike Taubert „heimsucht“, um ihr auf ironisch-satirische Art und Weise ihre Zwangs- und Gefährdungslage deutlich zu machen – falls sie sich nicht erweichen lässt.

Ganz sicher würde uns „Blumenkindern“ eine solche Aktion viel Spaß machen. Und ganz sicher liebt das „Thüringen-Journal“ des mdr solche Bilder…


Für Spenden:

Spendenkonto der “Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten”
IBAN DE62 8208 0000 0611 8999 00
BIC DRESDEFF827

Bitte UNBEDINGT den Verwendungszweck angeben:
“Blumen Gotha 2017”

Bildunterschrift: Jäger & Sammler unter sich: Vorm Start zur heutigen „Euros für Blüten“-Sammeltour drückte uns „Erdbeere“ Heike Henschke (5. v. r.) von den Orangerie-Freunden die Daumen. Dann machten Silke Heinemann, Evelin Spittel, Ute Wilk, Evamaria Reinig, Sabine Walter, Matthias Jung, Martina Landau, Livia Schilling, Enrico Stiller, die kleine Blumenfee Sarah Buttler (8) sowie ihre Mama Sandra und ich die Innenstadt unsicher und „erklapperten“ uns das Sensationsergebnis von 978,91 Euro.
© Foto: Peter Mildner

(veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 28. April 2017)

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