Sensation: Die 1979 geraubten Bilder sind wieder da

Der Rückblick eines Kriminalisten

Es ist Freitag, der 6. Dezember 2019. Nikolaus. Gerd Schlegel im brandenburgischen Bernau bekommt kurz nach 12 Uhr eine Nachricht vom SPIEGEL, dem Hamburger Nachrichtenmagazin. Was er dann liest, klingt unglaublich und lässt für den gebürtigen Gothaer und Kriminalisten im Ruhestand die Zeit schlagartig um 40 Jahre zurückspringen…

Die Nachricht kündigt eine Sensation an, die wenige Minuten später „SPIEGEL online“ veröffentlicht und die sich wie ein Lauffeuer verbreitet: Die fünf wertvollen Gemälde, die 1979 in Gotha aus dem Schloss gestohlen wurden, sind aufgetaucht. Nicht nur das, sie sind sogar wieder im Besitz der Stiftung Schloss Friedenstein. Sie werden gegenwärtig sicher verwahrt und es wird deren Echtheit geprüft.

Nur Minuten nach der spektakulären SPIEGEL-Story bestätigt Marco Karthe, der Pressesprecher der Stiftung Schloss Friedenstein, per Pressemitteilung diese Geschichte. Die Bilder seien Ende September der Stiftung in Berlin übergeben worden. Wissenschaftliche Fachgutachter und das Berliner Rathgen-Forschungslabor nehmen sie derzeit unter die Lupe. Diese Einrichtung, 1888 gegründet, gilt als das älteste Museumslabor der Welt, gehört zu den Staatlichen Museen zu Berlin.

Dem gebürtigen Gothaer Gerd Schlegel (Jahrgang 1941) ist beim Interview mit „Oscar am Freitag“ (siehe auch das Video des Gothaer Lokal-TV vom 6. Dezember) auch Stunden nach der ersten Nachricht aus Hamburg noch anzumerken, wie aufgewühlt er ist. Was Wunder, denn seit dem Morgen des 14. Dezember 1979 hat ihn dieser spektakulärste Kunstraub der DDR-Geschichte nicht mehr losgelassen.

Schlegel leitete damals das Kommissariat III der Kriminalpolizei beim VPKA (Volkspolizeikreisamt) Gotha. Er war einer der ersten am Tatort. „Das war so gegen 7.10 Uhr. Wir bekamen einen Anruf vom Schloss, dass es einen Einbruch und Diebstahl gegeben habe. Ich war mit dem verfügbaren Personal sofort aufgebrochen. Eine weitere Streifenwagenbesatzung war ebenfalls schon vor Ort.“

Holbein, Hans d. Ä. (Augsburg um 1465 – 1524/1534 Basel oder Isenheim), Heilige Katherina, um 1509/10

Ungewöhnliche Spuren am Fenster
Schon die ersten Ermittlungen ergaben wichtige Details. Dass fünf Gemälde Alter Meister fehlten, war schnell klar. Die kahlen Stellen in drei der Ausstellungsräume zeigten das unübersehbar an. Schlegel und seine Kollegen sicherten auf Anhieb wertvolle Spuren wie ein Steigeisen an der Westfassade des Schlosses, ein aufgebrochenes Fenster im zweiten Obergeschoss, Reste eines Bilderrahmens unter diesem Fester und im näheren Umfeld in Richtung Schlossrampe und nordöstlich im Schlosspark. „Wir nahmen an, dass die Bilder an einem Strick herabgelassen wurden und dabei eines heruntergefallen war.“

Das Steigeisen war kein gewöhnliches, erinnert sich Schlegel. Vielmehr erwies sich bald, dass es speziell für diesen Einsatz konstruiert und hergestellt wurde: „Es war reine Handarbeit, so gebaut, dass man damit am Blitzableiter klettern konnte. Dafür wurden zwei Bügel so gefertigt, dass man sich mit dem einen direkt an der Wand abstützen konnte und mit dem zweiten einen direkten Kraftschluss am Blitzableiter hatte.“ So war es den Tätern möglich, die rund zehn Meter bis ins zweite Obergeschoss erklimmen zu können. Dass das trotzdem einen Anflug von Lebensmüdigkeit hatte, zeigte sich später, als man den Tathergang nachstellte. Dafür seien originalgetreu nachgebaute Steigeisen zum Einsatz gekommen, erinnert sich Schlegel. „Wir hatten zunächst Bergsteiger aus Tambach-Dietharz gebeten, die Steigeisen für uns zu testen. Aber denen war das zu heikel…“

Abhilfe kam aus den eigenen Reihen, aus Erfurt. Bei der übergeordneten Bezirksbehörde der Volkspolizei (BDVP) war wenige Monate zuvor eine Sondereinheit gebildet worden, das „Dezernat 9“: „Heute würden man diese Truppe als Anti-Terroreinheit bezeichnen“, so Schledel. Diese Spezialisten kraxelten mit den „Gothaer“ Steigeisen hoch und stiegen ebenso sicher wieder damit ab.

Damit waren aber noch nicht alle Unklarheiten bei den Ermittlern beseitigt: „Deshalb, weil wir am Fenster, durch das eingestiegen wurde, ungewöhnliche Spuren fanden.“ Das Fenster – wie alle anderen im 2. Obergeschoss – war einfach verglast, hatte einen Holzrahmen. Es bestand aus zwei Flügeln, deren Glasflächen jeweils noch einmal von einem Holzsteg geteilt waren. Sie konnten mit einem einfachen Wirbel geöffnet oder verschlossen werden. Der Wirbel wiederum war genau in der Mitte des doch recht großen Fensters. „Und deshalb löste es bei uns schon am ersten Tag Verwunderung aus, dass ausgerechnet am rechten Flügel, am rechten unteren Ende der verglasten Fläche die Scheibe eingeschlagen wurde.“ Das war gegen 2.30 Uhr, wie ein in der Nähe befindlicher Hygrometer bewies, der den plötzlichen Anstieg der Luftfeuchtigkeit nach Öffnen des Fensters dokumentierte.

Dafür hatten die Einbrecher zuvor die betreffende Scheibe erst mit einem Glasschneider bearbeitet, dann mit Klebeband von außen abgeklebt und schließlich nach innen gedrückt. Wie, fragen sich Schlegel & Co., konnte man es schaffen, auf dem schmalen Sims unter dem Fenster zu stehen, so weit nach rechts zu langen, um dann durch diese Öffnung an den Wirbel zu kommen? „Wir waren und sind uns deshalb ziemlich sicher, dass am Tag zuvor während der Öffnungszeit jemand das Fenster entriegelt hat und die zerschlagene Scheibe eventuell nur eine falsche Fährte liefern sollte, ein Ablenkungsmanöver war…“

Dies und dass die kürzlich installierte Alarmanlage erst drei Tage später aktiviert werden sollte, habe darauf hingedeutet, dass Insider ihr Wissen den Tätern zur Verfügung gestellt, eventuell sogar Beihilfe geleistet haben könnten. Das war ein solch heiße Spur, dass deshalb nicht nur die beiden Wachleute, die in der Tatnacht Dienst hatten, sondern auch „Schorsch“ T., der Sicherheitsbeauftragte des Schlosses, als Zeugen vernommen wurden. Doch das und die Befragung weiterer Mitarbeiter des Schlosses als Zeugen brachten keinen Erkenntnisgewinn.

Diese Vernehmungen waren allerdings nicht Sache von Schlegel und seinen Leuten. „Das machten Kollegen von der Erfurter BDVP.“ Die, so Schlegel, gehörten zum Kommissariat II. Deren Standort war die Gothaer Haftanstalt in der Steinmühlenallee. Drei dieser Kollegen hätten sich noch am Tag des Einsatzes gegen 9 Uhr bei ihm gemeldet und ihre Dienste angeboten, erinnert sich Schlegel.

Überhaupt habe sich an diesem 14. Dezember jede Menge getan. „Weil es ein solch kapitales Ereignis war, übernahm alsbald die BDVP die Leitung des Einsatzes.“ Als erster aus deren Führungsetage erschien nach Erinnerung Schlegels ein Major Grüner in Gotha, „der dann in der Reinhardsbrunner Straße, im VPKA, seine Führungsstelle einrichtete und dem wenig später Oberst Schneider, der Leiter der Abteilung Kriminalpolizei der Erfurter BDVP, folgte.“

Bis Ende April bleibt das auch so. Denn eines war klar: Es handelte sich bei der Angelegenheit um den spektakulärsten Fall von Kunstraub in der DDR bis dahin – und das war er bis zum letzten Tag dieses Staates am 2. Oktober 1990. Deshalb ermittelte eine Einsatzgruppe, der bis zu 100 Kriminalisten angehörten. Zudem gab es neben den polizeilichen Untersuchungen auch noch ausgedehnte Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit.

Doch retour zur Tat, zum Tag danach: Die übliche Tatortsicherung erbrachte einen gut erhaltenen Abdruck eines Schuhs und weitere Spuren. Fährtenhunde kamen zum Einsatz. „Wir haben zwei Führer mit ihren Hunden geordert, die beide – ohne voneinander zu wissen – zum Einsatz kamen.“ Beide Spürnasen fanden zweifelfrei eine Fährte, liefen durch den Park bis zum südlichen Ende an die Parkstraße, gegenüber dem heutigen „Alten Schlachthof“, erinnert sich Schlegel.

nach van Dyck, Anthonis (Antwerpen 1598/9 – 1641 London), Selbstbildnis mit Sonnenblume

Die Rosenheimer Fleisch-Laster
Dort endete zwar die Spur, aber nicht das Interesse des Kriminalisten. Deshalb, weil 1979 dort das Gothaer Fleischkombinat seinen Sitz hatte. Das verkaufte u. a. Schlachtvieh gegen harte Devisen in die BRD. Aus dem Grund fuhren dort auch LKW einer Firma aus Rosenheim vor, wurden beladen und anschließend verplombt. Und genau deshalb könnte es ja kein Zufall sein, dass die Täter mit ihrer Bilderbeute ausgerechnet vis-a-vis des Platzes auftauchen, auf dem die westlichen Fleischtransporter parkten und heute der NORMA-Markt steht.

Schlegel folgte dieser Vermutung, ließ sich von Walter Däberitz, dem damaligen Kombinatsdirektor, das „Exportbuch“ aushändigen. In dem wurde penibel festgehalten, wann welcher West-LKW mit welchem Kennzeichen und Fahrer ankam, wann und womit er beladen und anschließend verplombt wurde und wann er von dannen fuhr.

Und tatsächlich ergab der Blick in dieses Buch etwas Merkwürdiges: Ausgerechnet am 13. Dezember war ein Rosenheimer Brummi gegen 21 Uhr angekommen, am Abend beladen und – wohl nicht ganz üblich – noch des Nachts wieder fortgefahren. So stand es im Buch.

Dieser LKW war auch einem Funkstreifenwagen der Volkspolizei aufgefallen. Die observierten laut Schlegel regelmäßig das Gelände – nicht, um das Sicherheitsbedürfnis der Westlaster zu befriedigen. Vielmehr ging um andere Bedürfnisse und „Laster“. Schließlich besaßen die LKW-Fahrer aus dem Westen harte Währung, „was manch weibliches Wesen in Versuchung führte“, sagt Schlegel und schmunzelt heute darüber.

Wie auch immer – es ist durchaus denkbar, dass eben jener LKW mit Konterbande aus dem Gothaer Schloss die Heimreise in den frühesten Morgenstunden des 14. Dezember angetreten haben könnte. Bis zum damaligen Grenzübergang in Herleshausen dürfte er weniger als eine Stunde gebraucht haben. Das war dann auch der Grund, warum dieser Spur zwar zunächst Aufmerksamkeit geschenkt wurde, aber sie in späteren Tagen keine Priorität mehr hatte. Was Schlegel und seine Kollegen verwunderte: „Jedem von uns Ermittlern war klar, dass es für diese Bilder in der DDR keinen Markt gab.“ Fraglos, denn Irene Geismeier, die Direktorin der Berliner Gemäldegalerie, schätzte 1980 in ihrem Gutachten den Wert des Diebesgutes auf 4,5 Mio. DDR-Mark. Der heutige Wert indes ist nur schwer zu schätzen, dürfte aber um ein Vielfaches in Euro darüber liegen.

Übrigens: Das „Exportbuch“ des Fleischkombinates kam zwar zu den Akten des Falles. „…aber es ist nicht mehr bei den Unterlagen, die heute im Hauptstaatsarchiv Weimar lagern“, berichtet Gerd Schlegel.

Eines von vielen seltsamen Vorkommnissen, die vor und nach dem Raub passierten.

Lievens, Jan (Leiden 1607 – 1674 Amsterdam), Kopie nach Rembrandt Harmensz. van Rijn (Leiden 1606-1669 Amsterdam), Alter Mann

 „…fast wie Barschel“
Da sind die Umstände des Todes einer Schlossmitarbeiterin, die bis heute nicht geklärt sind. Frau N. war 1977 auf Dienstreise in Polen. Sie wurde tot im Bad ihres Hotelzimmers in Wrocław aufgefunden, „fast so, wie später dann im Fall Barschel“, so Schlegel.

Üblicherweise wäre nach den ersten Ermittlungen der polnischen Behörden zur Todesursache die Untersuchung dann an die zuständigen Stellen in der DDR übergeben worden, also auch an die Kripo in Gotha. „Das geschah aber in dem Fall nicht. Daher haben wir auch keine Ermittlungen geführt.“ Vielmehr habe Schlegel damals vom zuständigen Kreisstaatsanwalt die Information bekommen, dass es sich um Selbsttötung gehandelt haben solle. Noch heute, so Schlegel, bezweifele er diese Darstellung.

Was aber löste Schlegels Interesse an den mysteriösen Umständen des Todes der Frau zwei Jahre vor dem Kunstraub aus? „Sie hatte kurz davor ausgerechnet drei Bilder, die dann 1979 geraubt wurden, für eine Leihgabe zur Ausstellung nach Toruń begleitet.“ Ob und inwieweit diese beiden Ereignisse miteinander in Beziehung stünden, das wollten Schlegel und seine Kollegen herausfinden. Dazu kamen sie aber nie.

Drei Versuche – ohne Erfolg
Was ebenfalls jetzt erst wieder ins öffentliche Bewusstsein dringt: Es gab vor dem erfolgreichen Einbruch 1979 drei Versuche:

Das erste Mal im August 1978 gab der Blitzableiter nach, als jemand an ihm emporkletterte.

Beim zweiten Versuch wollte man mit einer selbst gebauten, auf ca. neun Meter
verlängerten Leiter ans Ziel der Begierde kommen. Da aber das Fenster nicht aufging, brach man das Vorhaben ab. „Beim Rückzug fielen die potenziellen Straftäter dann einer Streifenwagenbesatzung auf, ungefähr da, wo die westliche Schlossrampe auf die Parkallee mündet“, erinnert sich Schlegel. Die Polizisten sprinteten den dunklen Gestalten hinterher, fanden aber nur noch die zusammengebaute Leiter am Hang zum kleinen Parkteich.

Und schließlich folgte am 11. Oktober 1978 ein dritter Versuch. Da aber hatte ein Wachmann den Einbruch bemerkt und Alarm ausgelöst.

Im Zuge der Ermittlungen konnte die Polizei sechs Täter verhaften, denen dann der Prozess gemacht wurde.

Der Kriminalist Schlegel, der 2005 in den Ruhestand ging, weiß zu diesen drei Versuchen und dem Tätersextett eine spannende Geschichte zu erzählen: „1977/78 häuften sich in Gotha Einbruchsdiebstähle – so z. B. in die Katholische Kirche in der Südstraße. Da wurde ein Gemälde gestohlen. Aus der Evangelischen Kirche in Siebleben entwendeten die Täter einen aus Lindenholz geschnitzten Bildstock. Dazu gab es einen Einbruch ins damalige Uhrengeschäft Sauer in der Pfortenstraße und noch zahlreiche weitere Taten.“

Die Kripo habe damals die Täter ermitteln können. Alles in allem habe es sich um in Gotha recht bekannte Intensivtäter gehandelt.

Über einen von ihnen gab es dann eine heiße Spur, die in den Harz führte. „Deshalb sind wir Anfang November 1978 zu dritt zum VPKA Wernigerode gefahren.“ In einer Scheune auf einer Streuobstwiese in Westerhausen bei Blankenburg (Harz) fand man dann das Gothaer Diebesgut und weitere Beute: „Ich habe zum Beispiel den Bildstock aus dem Heu ausgebuddelt.“

Dieser Scheunenfund wiederum führte zu Otto W. aus Blankenburg. Der derweil Verstorbene war „eine schillernde Figur in dem realsozialistischen Land“, schrieb die ZEIT über ihn: „Er war unter anderem als Pferdehändler und Betreiber einer Kneipe tätig, war aber im planwirtschaftlich organisierten Staat auch durch Spekulationsgeschäfte mit Gold aufgefallen – und arbeitete mit der Staatssicherheit zusammen.“

Eben jenem Otto W. rückten dann Schlegel, seine beiden Kollegen aus Gotha und zwei weitere Kriminalisten vom VPKA Wernigerode auf die Pelle, machten eine Hausdurchsuchung: „Wir haben uns nicht getraut, uns zu bewegen. Wir dachten, wir sind in einem kunsthistorischen Museum. Dort standen die feinsten, edelsten Antiquitäten aus allen Kunstrichtungen und allen Jahrhunderten bis in die Gegenwart. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen ­ – das war frappierend.“ All das in einem ehemaligen Stallgebäude, das innen auf zwei Etagen ausgebaut war.

Brueghel d. Ä., Jan (Brüssel 1568 – 1625 Antwerpen), Landstraße mit Bauernwagen und Kühen

„Die Wernigeröder Kriminalisten hatten Otto W. länger schon auf dem Schirm, weil er u. a. ständig in den Westen fuhr.

Dass Otto W. allerdings auch mit den Serieneinbrüchen Gotha zu tun hatte, war zwar augenscheinlich, sollte aber vor Ort geklärt werden. „Deshalb haben wir ihn vorläufig festgenommen und sind über den Harz in einer wirklichen Nacht- und Nebelaktion nach Gotha zurückgekehrt. Das war damals wie Fahren in Watte“, erinnert sich Schlegel, der solch dichten Nebel seither nicht mehr erlebt hatte.

Eine andere Art von Nebel legte sich dann in der Folgezeit auf diese Geschichte. Kaum in Gotha angekommen, musste Schlegel das Verfahren und seinen Hauptverdächtigen Otto W. an die Erfurter BDVP abgeben. „Formell korrekt, weil es ab bestimmter Größe oder bestimmten Umfang von Kriminalität dann Sache der Erfurter war.“

Es kam – wie schon beschrieben – zum Verfahren. Im zeitigen Frühjahr 1979 wurde das diebische Sextett aus Gotha verurteilt und in Haft genommen. Allerdings kamen sie bald wieder frei, denn im Sommer gab es aus Anlass des 30. Gründungstages der DDR eine Generalamnestie.

Otto W. hingegen war schon kurz nach seiner Überstellung an die Erfurter BDVP seit November 1978 wieder auf freien Fuß und daheim. Und das, obwohl die Beschuldigten in ihrem Prozess Monate später ausgesagt hatten, er – jener Otto W. – habe den Auftrag erteilt, den „Zigeuner-Brueghel“ zu beschaffen: Das große Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen“. „Was da im Hintergrund gelaufen ist, weiß ich bis heute nicht“, sagt Gerd Schlegel 40 Jahre danach.

Hals, Frans (Antwerpen 1582 – 1666 Haarlem), Werkstatt, Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen

Eines aber ist für ihn sicher: „Es gibt viele Dinge im Leben eines Kriminalisten, die sich einprägen. Aber das unauslöschlichste Ereignis für mich war, ist und wird stets der Einbruchsdiebstahl auf Schloss Friedensteins sein“, kommentierte er, immer noch sichtlich bewegt, die aktuellen Entwicklungen im „Oscar am Freitag“-Telefoninterview.

ZEIT: Knut Kreuch hat „klug reagiert“
Es war, es bleibt also ein Krimi um den Kunstraub zu Gotha.
Das aktuelle Kapitel begann nämlich schon wesentlich eher: Juli 2018. Da klingelte bei Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch das Telefon. Es meldete sich ein Rechtsanwalt. Den kannte Kreuch. Er war schon einmal behilflich, verschollenes Kunstgut der Stiftung Schloss Friedenstein wiederzubeschaffen. Kreuch war damals Vorsitzender des Stiftungsrates.

Nun hatte dieser Anwalt eine Neuigkeit, die Kreuch bis ins Herz traf: Im Auftrag einer Erbengemeinschaft handele er. In deren Besitz seien die fünf Bilder der Alten Meister, die seit 1979 verschollen seien. Gothas OB blieb zwar skeptisch, signalisierte aber Gesprächsbereitschaft.

Nach dem Anruf habe Kreuch „klug reagiert“, bestätigte ihm die ZEIT. Zum einen wahrte Gothas OB absolutes Stillschweigen über diesen Anruf – vertraute sich allein Martin Hoernes, dem Generalsekretär der Ernst-von-Siemens-Stiftung, an. Deshalb, weil diese Stiftung als potenzielle Sponsorin mit der Stadt bereits zuvor einige Male zusammengearbeitet hatte. Unter anderem kam mit deren Hilfe der legendäre Elfenbeinhumpen 2018 wieder in den Besitz von Schloss Friedenstein (wir berichteten). Den bekam 1689 Gothas Friedrich I. (1646-1691) geschenkt. Das Kunstwerk war in den Kriegswirren verschollen und wurde – nach ähnlich abenteuerlichen Wegen wie nun die Gemälde – zurückgeführt.

Deshalb saß nach einigen Tagen jener Jurist aus Süddeutschland im Amtszimmer des OB in Gotha. Legte Fotos der fünf verschollenen Bilder auf den Tisch. Farbbilder zudem, was insofern außergewöhnlich war, weil es bis zu diesem Zeitpunkt nur Schwarz-Weiß-Reproduktionen gab. Zunächst soll es Kreuch den Atem verschlagen haben, schreibt der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. Denn schließlich habe er, Kreuch, zehn Jahre zuvor eine breit angelegte Medienkampagne gestartet, um auf den Raub aufmerksam zu machen. Vor allem, weil damals – 30 Jahre nach dem Raub – eine Verjährungsfrist ablief.

Es folgten monatelange diskrete Verhandlungen mit dem Anwalt, „der sich darauf spezialisiert hat, Kunstwerke aus dubiosen Quellen wieder in den legalen Kreislauf zu schleusen“, wie die FAZ schrieb. Kreuch signalisierte nach Rücksprache mit Martin Hoernes (Ernst-von-Siemens-Stiftung) Kaufbereitschaft. Der und Gothas OB überzeugten den Anwalt, alle Bilder zunächst in Berlin naturwissenschaftlich zu untersuchen, um ihre Echtheit zu prüfen. Nach SPIEGEL-Informationen wollten Kreuch und Hoernes eine gütliche Einigung.

Dann kam es zum Termin am 30. September 2019 im Rathgen-Forschungslabor der Berliner Museen. Übereinstimmend heißt es, dass nach der Unterzeichnung eines Vertrages, dessen Inhalt noch unbekannt ist, der Anwalt telefonierte und wenig später die Bilder gebracht wurden. Deren Zustand sei „recht ordentlich“. So zitieren ZEIT, ZEIT ONLINE und Deutschlandfunk jedenfalls übereinstimmend einen Insider. „Sie wurden beschädigt und nicht sehr gut restauriert; aber im Großen und Ganzen sind sie in Ordnung.“

Beim Termin in Berlin war aber auch ein verdeckter Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes dabei. Deshalb, weil Juristen der Berliner Museen Bedenken hatten und sich ans LKA wandten. Wegen der nicht geklärten Eigentumsfrage wurden dann neue polizeiliche Ermittlungen ausgelöst. Die hatten u. a. zur Folge, dass einen Tag vor Nikolaus bundesweit Hausdurchsuchungen stattfanden, u. a. bei dem besagten Juristen und jenem Arzt aus Ostfriesland, der laut SPIEGEL die Bilder in Berlin übergeben habe. Beiden werde Erpressung und Hehlerei vorgeworfen.

Noch sind die Bilder nicht in Gotha. Noch ist die Rechtslage nicht ganz eindeutig. Denn zwar kann nach Ablauf der dafür gesetzlich festgelegten Frist strafrechtlich nicht mehr gegen die immer noch unbekannten Diebe, deren Auftraggeber oder Mitwisser vorgegangen werden. Wohl aber gegen den oder die aktuellen Besitzer – schließlich wollen sie mit Ware handeln, die aus einem Diebstahl stammt.

Die Rechtsanwältin Dr. Friederike von Brühl aus Berlin, die die Stiftung Schloss Friedenstein vertritt, hat dabei in der Frage, wer der wirkliche „Besitzer“ ist, eine eindeutige Position: „Die Stiftung hat durch den Diebstahl von 1979 nie ihr Eigentum verloren, gleichgültig wie dieser Diebstahl genannt oder erklärt wird. Durch die Übergabe der Bilder befinden sich jene aber, falls es sich um die Originale – die 1979 gestohlenen Bilder – handelt, wieder in Besitz und Eigentum der rechtmäßigen Eigentümer.“

Rainer ASCHENBRENNER
Reproduktionen: Stiftung Schloss Friedenstein

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