Oscar-Kolumne: Nützliche Nagelarbeiten

Martin Luther war ein Reformator vor dem Herrn. Daher feiern wir seine Nagelarbeit an der Pforte des Wittenberger Gotteshauses 2017. Gut möglich, dass deshalb Holger Poppenhäger den Reformierer in sich entdeckte.

Luther brauchte 95 Thesen, die Welt in Aufruhr zu versetzen.
Thüringens Innenminister reichte eine Landkarte.

Und so wird eine Wölfiser Ackerscholle Ihr, unser, mein neuer Lebensmittelpunkt, weil geografische Mitte eines neuen Kreises. Dank der Gebietsreform in den Grenzen von Oktober 2016.

Noch ist die nicht besiegelt. Doch schier unabwendbar.

Denn nach Friedrich Nietzsche haben die Zusammenschließer und Entgrenzer die Peitsche dabei, gehen sie zu den Landräten: „Stört uns unsere neuen Kreise nicht!“, lautet deren Botschaft – auch an frei gewählte Mitglieder der Kreistage. Und dies ausgerechnet in der einstigen „Republik der Landräte“, angeführt vom Gothaer Dr. Dieter Reinholz.

Den Städten und Gemeinden indes kredenzen Poppenhäger & Co. Zuckerbrot. Hochzeitsprämien der Eheanbahner – immerhin 100 Euro pro Kopf und so maximal 1 Mio. pro Kommune – winken jenen, die freiwillig miteinander ins Bett gehen. Näher besehen, entpoppt sich aber dies Geschenk als gallebitteres Gift.

Ein Beispiel: Crawinkel, Gräfenhain, Luisenthal und Wölfis erkoren sich Ohrdruf als „erfüllende Gemeinde“. Das Kommunalquartett (er)sparte sich so Personal, im Ohrdufer Rathaus wurde seither effizient(er) verwaltet. Obendrein behielten die Dörfer ihre Schulzen, einen Gemeinderat und eigene Finanzen – und so triftige Gründe, warum sich Bürger um (Lokal-)Politik scherten und ehrenamtlich mitmachten. Wunderbar, oder? Im Übrigen das, was rotrotgrüne Gebietsreformer verhießen: Verwaltung fitter machen, möglichst mit den Kosten dafür runter. Und dabei keine Abstriche an der Bürgernähe. Warum aber nun „erfüllende Gemeinden“ übern Jordan gehen, weiß allein der flotte Dreier in Erfurt.

Zudem ist die Paarungspenunze nicht so sicher, wie weisgemacht wird: Passt die Partnerwahl nicht ins Planerpuzzle, wird schon mal zwangsverheiratet.

Doch warum sich deshalb aufreiben? Wirklich Wichtigeres ist zu klären: Wie etwa, wie Ihr, unser, mein neuer Landkreis heißen soll. Gotha-Ilmkreis? Argonau als Extrakt aus Arnstadt, Gotha und Ilmenau? Oder doch gleich lieber Mittelerde?

Egal. Fürs Kind findet sich schon ein Name. Und wenn nicht, dann hat eben der Landtag einen Job mehr und muss nicht nur die künftige Kreisstadt küren.

Das kommt: Niemand wird „seine“ Hauptstadt auf Poppenhägers Altar opfern. Dafür gibt es nämlich statt ministerieller Beischlafmittel nur Volkes Zorn.

Also hören wir Signale: „Auf zum letzten Gefecht!“ Fürs Finale wird mobilisiert. Zwar muss keiner Gold für Eisen geben, aber möglichst alle ihre Stimme für Petitionen wie „Gotha soll Kreisstadt bleiben!“. Dabei stehen unsere Chancen gut – hierzulande leben 20 % mehr Männlein und Weiblein als beim östlichen Nachbarn.

Und nächtliche Nagelarbeit vorausgesetzt, ließe sich dies binnen neun Monaten verbessern, mit der potenziellen Popp-Prämie sogar veredeln.

In dem Sinne: Licht aus!

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 28. Oktober 2016)

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