Volkes Stimme

Mobilfunkmasten, Autobahnen, Startbahnen, Atommüll-Endlager, tiefer gelegte Bahnhöfe, Windräder, Truppenübungsplätze, Elbbrücken, Residenzstadt-Galerien, ICE-Trassen, 380-kV-Leitungen, Pumpspeicherkraftwerke, Müllverbrennungsanlagen, Kindergärten in Wohngebieten …

Es gibt nichts, das keine Bürgerinitiative hervorrufen könnte.

Spätestens „Stuttgart 21“ machte deutlich: Lang schon sind es nicht nur Berufsrevolutionäre und bezahlte Protestierer, die unversöhnlich ihr Contra artikulieren.

Trotzdem machten Schubladen-Liebhaber aus den Widersetzlingen „Wutbürger“. Zweifelhaft die Ehre für „Spiegel”-Journalisten Dirk Kurbjuweit, dieses Wort erfunden zu haben. „Wutbürger“ mutet wie ein Bastard aus Anti-„Gutmensch“ und „Weltbürger“ an. Kurbjuweit gebar dies Wort in einem Essay über den schwäbischen Widerstand gegen Stuttgarts größtes Groschengrab und die (erste) Sarrazin-Debatte.

Wut ist eine heftige, häufig impulsive und aggressive Emotion. Wut ist heftiger als Ärger oder Zorn, kaum zu beherrschen. Wer wütet, zerstört blindlings. Wer häufig in Wut gerät, gilt als Wüterich. Und deshalb finde ich heute noch, es war die schlechteste Wahl aller Zeiten, dass die Gesellschaft für Deutsche Sprache diese Schimäre zum „Wort des Jahres“ 2010 machte.

Denn aufstehen und sich widersetzen ist in diesem Land nötig. Eingeübte Beteiligungs-Rituale funktionieren nicht mehr. Schlechter noch: Die Spielregeln der Demokratie hier wie in den anderen führenden Industrienationen sind, was sie sind: Relikte aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts.

Wie die Gesetze, die sie flankieren.

Ob Mobilfunkmast, Autobahn, Stuttgart 21, 380-kV-Leitung, Pumpspeicherkraftwerk und auch Residenzstadt-Galerien … Sie alle können unbehelligt gebaut werden, wird deutsches Verwaltungsrecht erfüllt.

Das verzichtet vollends auf transparente, nachvollziehbare, ernsthafte Versuche, öffentliche Meinung zu ergründen, zu hören, geschweige denn, zu berücksichtigen.

Das ist auch der Schild, hinter dem sich Verwaltungen verstecken können, um Bürgerbegehren, -entscheide oder dergleichen abzuwehren. Auch in Gotha war das zu erleben, lange bevor die Debatte zum vormals „Glitzerpalast“ benannten Vorhaben entbrannte.

Und das macht mich ungehalten. Weil es wahlkampfgetriebene Lippenbekenntnisse zu Sonntagsreden über den mündigen Bürger macht.

Vor allem OB Knut Kreuch ist mir noch sehr gegenwärtig: Bei seinem fulminanten Wahlsieg 2006 warb er wortreich und überzeugend für mehr bürgerschaftliches Engagement.

Mit Blick auf die facettenreiche Geschichte des hiesigen Landes wünschte ich mir, dass sich die aufgeklärten Despoten der Gegenwart ähnlich mutig wie ihre Vorfahren zeigten: Schon zu früheren Zeiten galten die einfachen Gothaer als gelehriger als anderenorts die Edelleut’!

Insofern sollte sich hier also niemand vor Angst in die Hosen oder anderweitig nass machen, wenn Volkes Stimme erschallt, oder?

(Kolumne für “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, erschienen am 27. Juli 2012)

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