Touristen-Tipp (2): Auf den Spuren von Rapunzel und der Mundharmonika

Friedrichroda hat ’was! Warum sonst kommen Filmemacher immer wieder in dieses kleine Städtchen? Wie das ZDF, dass die gelungene Neuauflage von „Hänsel und Gretel“ hier drehte. 1957 ließ „Rapunzel“ aus dem Turm des Schlosses Reinhardsbrunn für die DEFA ihr goldenes Haar herab. Und „Holländer-Michel“ Erwin Geschonneck vermachte 1950 in der Marienglashöhle dem armen Köhlerjungen Peter Munk „Das kalte Herz“.

Dass Touristen nach Friedrichroda strömen, liegt aber weniger an der von Cineasten begehrten Kulisse. Vielmehr findet sich hier Thüringens Ursprung. Es mag ein wunderbarer Sommernachmittag des Jahres 1039 gewesen sein, als der Legende nach aus dem Mainfränkischen Ludwig der Bärtige in die Gegend kam. Von einer Bergeshöh’ genoss er die wunderbare Aussicht und befahl, an dieser Stelle eine Burg zu bauen. Dazu musste einer seiner Vasallen namens Friedrich den dichten Wald roden. Und so bekam der Ort seinen Namen.

Einer der neun ausgeschilderten Wanderwege rings um Friedrichroda führt nun hinauf zur ehemaligen Schauenburg, dem 1044 vollendeten Stammsitz der Ludowinger, wie sich das Geschlecht der Thüringer Landgrafen nannte.

Deren erster, Ludwig der Springer, wurde hier geboren. Ihm ist auch zu verdanken, dass die Wartburg auf Friedrichrodaer Grund und Boden steht. Denn als er erwachsen war, hielt ihn der Vater an, nahe des Stammsitzes zu bleiben. So nahm der Pfiffige der Überlieferung nach heimatliche Erde mit und ließ darauf 1067 seine Burg auf dem Warteberg errichten.

Auch der Erfinder der Mundharmonika ist ein Friedrichrodaer. Christian Friedrich Ludwig Buschmann hatte zwar im Berlin des Jahres 1821 die geniale Eingebung. Er ist aber hier geboren und sein Vater Johann war weit über die Grenzen des kleinen Städtchens als begnadeter Orgelbauer bekannt.

Ein anderer Prominenter begründete Friedrichrodas Ruf und Ruhm als Kurort. 1837 kam der Gothaer Buchhändler Friedrich Christoph Perthes – schwer erkrankt – hier her. Er schrieb einem Freund: „Sie kennen Friedrichroda, und ich habe nicht nötig, Ihnen die Herrlichkeit der Lage zu beschreiben. Alles begünstigt uns – der Himmel ist blau, die Wälder dunkel, die Wiesen grün.“ Perthes genas und kehrte von Stund’ an regelmäßig zurück. Er empfahl das Waldidyll mit seinem heilenden Klima weiter. Immer mehr Kurgäste kamen – 1889 sollen es schon 8000 gewesen sein.

Friedrichrodaer haben nicht am, aber auf Wasser gebaut: Seit 2001 sprudelt aus 58 Metern Tiefe die Ludowingerquelle und daraus Heilwasser. An drei Trinkpavillons kann man es genießen.

Doch schon lange davor war der Ort wegen des Schilfwassers gerühmt. Dieses liebliche Bächlein aus den Tiefen des Thüringer Waldes quert das Städtchen. Sein besonders reines und weiches Wasser nutzten die Friedrichrodaer vor vielen Jahrhunderten fürs Bleichen und Waschen. Als Tourismus und Kur aufblühten „und edle Fräuleins hier flanierten, fanden sie wohl an der besonders weichen und weißen Bettwäsche Gefallen.“ Jedenfalls fügte es sich mit der Zeit, dass aus ganz Deutschland Wäsche zum Waschen nach Friedrichroda geschickt wurde. Die Lohnwäscherei war eine harte Arbeit, sorgte aber bei den Menschen für deren Auskommen.

Wer gut zu Fuß ist und etwas mehr Zeit hat, sollte sich auf den Benediktiner-Pfad machen. Der führt vom Start am Wandertreff im 1867 nach englischen Vorbildern angelegten und eben frisch sanierten Kurpark vorbei an den Reinhardsbrunner Teichen. In denen werden wie im Mittelalter Fische gezüchtet, die man im benachbarten Forellenhof kaufen kann. Die dortige Restauration ist ein Geheim-Tipp (wie auch der Bratwurst-Stand vis a vis, dessen knusprig-braunen Köstlichkeiten vom Fleischer Oschmann aus Finsterbergen stammen)!

Widersteht man den kulinarischen Gelüsten oder will sich anderenfalls nach ausgiebigem Mahl die Beine vertreten, geht es auf dem Pfad weiter nach Waltershausen. Hoch droben thront dort Schloss Tenneberg, das mit seinem Puppenmuseum lockt und mit einem kleinen, feinen Heimatmuseum. Vom Burgberg führt der Pfad durch die Wälder auf die Deysingslust nach Tabarz. Von dort geht es weiter durch den Lauchagrund, an der Märchenwiese vorbei, zur Marienglashöhle, einer der schönsten und größten Gipskristallgrotten Europas, und wieder nach Friedrichroda. Rund 15 Kilometer sind es, die man so unter Schusters Rappen nehmen kann.

Der Name des Rundwanderweges erinnert an die ersten Bewohner des eingangs erwähnten „Rapunzel“-Schlosses Reinhardsbrunn. Dies gründete Ludwig der Springer 1089 als Kloster, in dem sich 12 Benediktinermönche aus dem schwäbischen Hiersau niederließen.

Übrigens: Die Klostergründung war eine Sühnetat, weil Ludwig den Pfalzgraf Friedrich von Sachsen ermorden ließ, um dessen schöne Frau Adelheid heiraten zu können …

Wieder so eine der Geschichten, auf deren Spuren man sich in Friedrichroda machen kann.

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