Tischlers Meister-Elf mit Biss

„Wir haben heute Samstag, falls das einem nicht gewärtig ist …“, frotzelt Rüdiger Treihse, um die Spannung noch zu steigern. Seine Tischlermeister-Elf steht in „Hab acht“-Stellung, wartet ungeduldig auf die Verkündung der Prüfungsergebnisse. Aber man grinst auch brav zu den Späßchen, die sich der Leiter der Staatlichen Gewerb-lich-Technischen Berufsbildende Schulen Gotha erlaubt. Wissen die Burschen doch, dass sie sich bald bei ihm revanchieren.

Zwei Jahre Meisterkurs liegen hinter ihnen. „Eine anstrengende Zeit des Ausprobierens, des Versuchens und des Verwerfens“, wie Treihse erinnert. „Sie haben sich durchgekämpft – und durchgehalten.“ So sind die elf Tischler zugleich die ersten Absolventen der Gothaer Schule nach der 2008 neu erlassenen Meisterprüfungsverordnung. Nicht mehr in einzelnen Fächern, sondern in vier Handlungsfeldern erfolgte die Qualifizierung.

Drei der elf hatten alle Hürden genommen – zuletzt die Präsentation des Meisterstücks – und bekamen deshalb gleich den begehrten Brief. „Die anderen acht schaffen ’s aber auch“, beruhigt Katrin Treihse, die Lehrgangsleiterin. Alle hätten viel investiert: Zeit, Geduld, Nerven. Und nicht zuletzt auch Geld. Einen hohen fünfstelligen Betrag, so schätzt zumindest das nagelneue Meister-Trio Andreas Heß, Stephan Beck und Matthias Schmerbauch.

Der Tabarzer Heß konnte es gar nicht erwarten, endlich die Strapazen vergolten zu bekommen. Mit den Worten „Ich halt ’s nicht mehr aus …“ stürmte er auf Treihse zu, um ihm seinen Meisterbrief förmlich aus der Hand zu reißen. Der 1987 geborene Andreas war sich seiner Sache schon vorm Prüfungs-Samstag absolut sicher, „weil ich es drauf habe“ und setzt jetzt in vierter Generation die familiäre Handwerkstradition fort. Ein Kompaktkomfort-Waschplatz war sein Meisterstück. Den Waschtisch fertigte er aus dem „Wundermaterial“ Hi-Macs. Das ist nicht nur unkaputtbar, sondern zudem ausgesprochen reinigungsfreundlich. Es bleibt kaum etwas an dem mineralischen Werkstoff haften, aus dem sonst Küchenarbeitsplätze oder Krankenhauseinrichtungen gebaut werden. Weitere Schmankerl am Heß-Minibad, das demnächst seine Wohnung zieren wird, waren eine versteckte Schublade sowie gebogte – im Laien-Deutsch: gewölbte – Koffertüren ohne Griffe („Die stören bloß die Optik.“), die auf sanften Druck den Zugang zu jeder Menge Stauraum öffneten.

Stephan Beck war als Ältester (Jahrgang 1982) und zudem Seiteneinsteiger der Exot in der Meister-Elf: Ohne familiäre „Vorbelastung“ hatte er sich für den Beruf des Tischlers und – relativ spät – für den Meisterkurs entschieden. Jetzt will er sich selbstständig machen. Für seine Hauseingangstür erweckte er eine alte Fügetechnik – den Doppelzapfenverbund – zu neuem Leben. Die und die penible Verarbeitung fand das Wohlwollen der Prüfungskommission.

Dritter im Meister-Bunde: Matthias Schmerbauch. Der 1985 geborene Eichsfelder hatte bereits – mit Ausnahmeerlaubnis der Handwerkskammer – drei Jahre Verantwortung im elterlichen Betrieb in Westhausen übernommen: Matthias’ Vater war so schwer erkrankt, dass er nicht mehr weiterarbeiten konnte. Mit Mutter Annette schulterte der junge Mann diese nicht zu unterschätzende Last für den seit drei Generationen bestehenden Handwerksbetrieb und dessen Beschäftigte.

Seine schlicht anmutende Hauseingangstür hatte es faustdick hinterm Griff. Der wird bald bis zu 99 Personen schlüssellosen Zugang zum Büro gewähren. Den regelt ein wärmeempfindlicher Sensor, der Fingerabdrücke optisch auslesen kann. Bis zu acht verschiedene Finger pro Person werden abgespeichert: „Deshalb, weil man ja mal eine Verletzung, die Hand im Gips oder den Finger im Pflaster haben kann“, erklärt der Tüftler den sensorischen „Sesam öffne Dich“. Das System funktioniert ohne PC – bei Stromausfall kommt allerdings der gute alte Schlüssel zum Einsatz.

Die Tischler-Meisterklasse war voll des Lobes für die hervorragende Ausbildung in Gotha. Einstimmig hoben sie die Kompetenz der Schau- und sonstigen Lehrmeister hervor, dass die technische Ausrüstung auf dem neuesten Stand der Technik wäre und nannten auch das besonders aufmerksame, familiäre Klima. Als Dankeschön bekam Schulleiter Rüdiger Treihse einen pflanzlichen Doppelgänger. „Rüdiger, die japanische Zierkirsche“ ähnele dem Original immens, fanden die Burschen: Das Bäumchen sei rank und schlank wie er. Obendrein blühe es weiß und erinnere so ans graumelierte Kopfhaar des Berufsschulleiters.

(Artikel für die „Deutsche HandwerksZeitung„, im Auftrag der Handwerkskammer Erfurt)

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