Thüringens Zunft der Glasveredler (1): Der Libellen-Mann

Glück und Glas… Der Tag wird kommen. In naher Zukunft. Wenn dann Falko Eichhorn, Karl Kutzer und Albert Bienert ihr Werkzeug aus der Hand legen und in den Ruhestand gehen, wird Thüringen um ein Handwerk ärmer. Die Drei gehören zu den Letzten ihrer Art. Sie sind Glasveredler.

Libellen gebaut  – und trotzdem nie abgehoben
Falko Eichhorn gibt gern den Ton an. Immer noch. Und hat dazu auch allen Grund: In dritter Generation und seit 113 Jahren gibt es seinen Handwerksbetrieb in Schmiedefeld. Das ist in Thüringen so einmalig wie die Produktion, mit denen die Eichhörner seit 1896 allen Widrigkeiten trotzten. Aus Schmiedefeld kommen Libellen.

Nein, nicht die filigranen Mini-Hubschrauber, deren graziler Tanz uns begeistert. Das lateinische „libela“ weist sozusagen den ausgewogenen Weg, denn es bedeutet „kleine Waage“. Libellen sind jene kleinen Helferlein, die man braucht, damit nix windschief und alles schön gerade wird. Es sind mit diversen Flüssigkeiten gefüllte Glasröhrchen oder Dosen, in denen eine Luftblase augenscheinliche Schieflage dokumentiert.

060707 Eichhorn 030 quer1896 gründete Großvater Ernst eine Werkstatt zur Herstellung von Präzisionsinstrumenten aus Glas, nachdem er die Idee gehabt hatte, die bis dato ausschließlich genutzten Wasserschlauchmessungen durch ein mit Alkohol gefülltes, gebogenes Glasröhrchen zu ersetzen. Die Nachfrage war so hoch, dass Schmiedefeld bald zur Libellen-Hochburg wurde.

Das änderte sich später dramatisch. Nachdem 1946, zum 50. Betriebsjubiläum, Ernsts Söhne Wilhelm und Fritz Eichhorn den Betrieb übernommen hatten, herrschte in den 50er Jahren Auftragsmangel im Osten. Die Libellen-Macher zogen gen Westen, die meisten nach Mainz oder Wertheim, „was deshalb ,Klein-Schmiedefeld’ hieß“, erinnert sich Falko. Mehr als 1.100 Einwohner verlor der Rennsteig-Ort zwischen 1948 und 1951.

Nur Falkos Vater Fritz blieb; „aus Heimatverbundenheit“ meint sein Sohn. Der eigensinnige Fritz machte zudem seine Meisterprüfung, was den Eichhornschen Betrieb vor der Verstaatlichung rettete.

Fortan ging es aufwärts; mehr als 600 Kunden hatte man zu besten DDR-Zeiten hier und in allen RGW-Staaten. Zehn Beschäftigte – mehr durfte damals ein Privatunternehmen nicht haben – sorgten mit Präzision a la Eichhorn dafür, dass Maurer gerade Wände bauten, Verkäuferinnen korrekt das Pfund Mehl abwogen, Stative von Fotografen senkrecht standen, Krane trotz Tonnenlast nicht umkippten. Zupass kam dem Familienbetrieb, den Sohn Falko 1984 übernahm, dass ohne sie selbst die Landesverteidigung in Schieflage geraten wäre; nicht nur deren Panzer oder Geschütze…

Nach der Wende schien aber auch Falko Eichhorns Geschäft aus dem Lot zu kommen. Wie unzähligen anderen brach ihm die Kundschaft fast komplett weg. Doch wie schon Vater Fritz widersetzte sich Falko mit der den Eichhorns offenkundig eigenen Dickschädeligkeit den widrigen Umständen und wagte 1995 seine West-Erweiterung. Er kaufte einen Libellen-Betrieb in Bamberg. Dieser Wa(a)gemut wurde belohnt und mit dessen Kundenstamm und Technik war er wieder im Geschäft. Bis heute ist das so.

Derweil hat sich sowohl die Technologie zur Herstellung als auch die Sortenvielfalt geändert. Zudem entdeckten immer mehr Firmen Libellen als Erzeugnisse für Werbung und Repräsentationsobjekte: „Wir haben deshalb Libellen jeder Größe mit jeder Art von Füllung gefertigt – sei es Blut, Alkohol, Wasser etc. und mit beliebigen Aufdrucken. Besonders kurios war der Auftrag eines jungen Vaters. Der ließ ein Stück der Nabelschnur seines Sohnes in eine mit Alkohol gefüllte Libelle als Weihnachtsgeschenk für seine Frau einschmelzen!“

Libellen-Macher sind Präzisionsarbeiter. Maximal eine Bogensekunde Abweichung ist erlaubt. Das sind 0,005 mm oder ein Zehntel eines menschlichen Haares. Ausgleich für dieses, große Exaktheit verlangende, Handwerk findet Falko Eichhorn seit Jahrzehnten in der Musik. Er spielt Posaune in der Stadtkapelle Schleusingen.

Eigentlich ist Falko Eichhorn ja seit 2005 Rentner. Eigentlich wollte er schon damals kürzer treten. Wenn da nicht der Ehrgeiz wäre: Wer will schon bei einem solchen Traditionsbetrieb einfach still und leise den Schlüssel im Schloss herumdrehen? Doch die wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre haben auch den Letzten seiner Art getroffen. „Und ich werde dieses Jahr 70. Dann ist definitiv Schluss…“, kündigt Eichhorn jetzt seinen Abschied an.

Dann endet nicht nur die Geschichte eines Familienbetriebes. Das ist zugleich der Abschied von einer Handwerkstradition, die unwiederbringlich verloren geht.

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