Thüringens Zunft der Glasveredler (2): Auf den rechten Schliff kommt’s an

Glück und Glas… Der Tag wird kommen. In naher Zukunft. Wenn dann Falko Eichhorn, Karl Kutzer und Albert Bienert ihr Werkzeug aus der Hand legen und in den Ruhestand gehen, wird Thüringen um ein Handwerk ärmer. Die Drei gehören zu den Letzten ihrer Art. Sie sind Glasveredler (Teil 2).

Auf den richtigen Schliff kommt’s an…
„Kutzer, Karl. Mit K. C – das sind die Künstler.“ Seine Biographie steht für die meisten hier, die ihr Glück mit dem Glas versuchten. Geboren wurde er 1942 im Sudetenland, in Böhmisch-Leipach. Der Glashochburg schlechthin. Damals. Es gehörte zum guten Ton, dass sich der ganze Familien-Clan – Eltern wie Geschwister von Klein-Karl – dem zerbrechlichen Werkstoff verschrieben hatte.

Wie die Geschichte weiter geht, ist bekannt. Als der Krieg zu Ende, der deutsche Größenwahn am Boden lag, gingen auch Kutzers auf den Treck. Für sie endete der 1946 in Thüringen, in Schleusingen-Neundorf.

Ganz zufällig war das nicht: Glas aus dem Thüringer Wald hatte auch schon zu früheren Zeiten einen guten Ruf. Doch weniger die schönen Dinge wurden aus dem transparenten Stoff gefertigt. Ilmenau, der Region ’drum herum eilte der Ruf voraus, bestes technisches Glas zu fertigen. Kolben, Rohre, Laborgefäße.

Als Kutzers Neu-Thüringer wurden, war Karl vier. Und seine Eltern mussten sich vorerst ein neues berufliches Auskommen suchen: schöne Dinge aus Glas brauchte zu den Zeiten kein Mensch. Wirklich nicht. „’ne Kohlenbrennerei haben sie. Das hatte wenigstens noch ein bissel ’was mit Glas zu tun…“ Eine mühsame und schwere Arbeit.

Als Karl seinen Schulabschluss hatte, schrieb man das Jahr 1956. Er wurde Stift bei der Firma Brückner in Ilmenau. Der Name hatte Klang. Aus Gablonz war der Firmenchef gekommen. „Über 100 Leute waren wir damals dort in der Firma“, erinnert sich Kutzer. Heute leben noch zwei oder drei; er mag sich nicht so genau festlegen. Er erlernte den Beruf eines Glasveredlers. Das sind jene, die aus Rohlingen, wie sie aus Glashütten kommen, all jene Dinge machen, die uns im Alltag begleiten und deren Schönheit das Auge erfreut. „Viel zu wenigen heute“, wie Karl knurrt, wenn er auf das Thema kommt.

Für die nächsten 35 Jahre wurde „Brückner Kristall“ Kutzers Heimat. Hier machte er 1974 auch seinen Meister.

Dann kam die Wende. Und das drohende Ende. Zumindest für die Firma Brückner. Karl – mehr der Not als der Vernunft gehorchend – machte sich deshalb schon 1990 selbstständig. „Ich wollte nicht der letzte sein, der ’s Licht ausmacht.“ Er baute sich sein eignes fragiles Reich, herrscht seither über seine Schleiferei.

Seine Spezialität ist der Flächenschliff. Aus dem vollen, runden Rohling werden mit den unterschiedlichsten Werkzeugen prismische Strukturen herausgearbeitet. Bis zu sechs Arbeitsgänge sind nötig, damit anschließend die bearbeiteten Flächen wieder transparent sind. Neben reinen Schmuckstücken wie Stelen, deren Schliff dem Betrachter dreidimensionale Bilder offenbaren, entstehen Vasen und Karaffen. „Das hat viel mit Optik zu tun, der Kunst, die Lichtbrechung an geschliffenen Flächen und Kanten zu nutzen.“

Eine besondere Sache sind die Flakons, die Kutzer für Parfümerien anfertigt. Hier ist der Stopfen das Entscheidende. Sitzt er nicht passgenau auf den Hunderstel eines Millimeters, dann taugt das Stück nicht, würde der edle Duft ungewollt entfleuchen können. Von solcher Präzisionsarbeit fühlt sich der Flächenschleifer Kutzer geadelt.

Viel Bleiglas verarbeitet seine Schleiferei. Und jede Menge kommt wieder aus der ehemaligen Heimat, aus dem Böhmischen. „Nach der Wende hatten die hiesigen Hütten keine Überlebenschance.“

Produkte made in Ilmenau schmücken weltweit manch’ edle Unterkunft. In die Emirate gegen sie, ins Land der aufgehenden Sonne. Nur im eignen Land gilt der Prophet halt nichts. Von der Binnennachfrage könnte Kutzer nicht leben – auch wenn sein Werkstattverkauf ein Geheimtipp unter den Glasfreunden ist. „Wir sind in der Region vielleicht noch fünf, sechs, die das Handwerk ausüben. Ausgebildet werden gegenwärtig zwar noch zwei junge Leute. Aber was wird, wenn wir Alten aufhören?“

Die Frage steht im Raum, auch wenn Kutzer seine eigene, trotzige Variante gegen das Aussterben seiner Gilde praktizieren kann. Tochter Kerstin hat sich nach ihrem ersten Berufsleben entschieden, die väterliche Firma weiterführen zu wollen. Dafür machte die 42-jährige gelernte Wirtschaftskaufffrau eine zweijährige Lehre. Seit 2006 führt sie nun die Firma.

Karl Kutzer ist guter Dinge. Immer noch kann er zwar Glas nicht Glas sein lassen. Aber die Tradition weiß er in guten Händen. Und ein wenig mehr Zeit für sich und Branko hat er jetzt auch. Branko – das ist Kutzers Boxerrüde. Mit dem ist der Mann, der ein Leben lang tagaus, tagein in der Werkstatt gestanden hat, „möglichst viel und lange an der frischen Luft.“

Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.