Stille ist mörderisch

Vor ein paar Wochen schrieb ein geschätzter Kollegen in seinem Blog, er habe sich eine neue Geliebte zugelegt. Eine, die voller Charme, obwohl sie nie etwas sage. Er sei bis über beide Ohren verliebt. Ich habe diese Geliebte jetzt auch einmal ausprobiert, und – ganz ehrlich – ich kann diese Euphorie nicht teilen. Die Geliebte heißt Stille, und ich finde Stille mörderisch.

Trotzdem muss ich mich bei Kollege Aschenbrenner bedanken. Wenn ich auch mit Stille noch nicht klarkomme, mich viel mehr von ihr bedrängt, beengt und vorwurfsvoll angeschwiegen fühle, hat seine neue Affäre mich doch auf den rechten Weg gebracht. Um die Stille zu suchen, bin ich wandern gegangen. Das erste Mal nach 17 Jahren. Trotz eines noch nicht aufgearbeiteten Kindheitstraumas. Auf der schwäbischen Alb. Stille ist mir da nicht begegnet – auch weil ich nicht allein unterwegs war und ihr so gut aus dem Weg gehen konnte. Dafür etwas anderes: Ruhe. Nicht die Äußere, die Zwillingsschwester der Stille, sondern die innere. Die, die auf der Kopfautobahn Tempo-30-Schilder und Radarfallen aufstellt, die dafür sorgt, dass einem auffällt, dass der Wasserfall bei Bad Urach wie ein lauernder Drache wirkt, die gelben Blätter in der Sonne wie Messing glänzen und die bewaldeten Hügel der alten Vulkane wie rundgelutschte Kegel aussehen. Die Ruhe, die für euphorische Hüpfer im Bauch sorgt, wenn die Muskeln zittern.

Ich glaube, mit der Ruhe gehe ich ab sofort auch eine Affäre ein. Das ist auch besser. Ich weiß ja nicht, ob der Kollege Aschenbrenner nicht eifersüchtig wäre, müsste er seine Geliebte mit mir teilen.

0 Kommentare

  • Torsten (#)
    13.10.2012

    Hallo Anita, tolle Bilder von unserem Wasserfall und der Burgruine in Bad Urach. Und der Text ist auch super! Vielen Dank. Darfst uns gerne wieder besuchen 😉

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