Püschbier-Party

Morgen ist Blasen- und Nierenspülen angesagt. Nicht mit Tee. Wohl aber als Folge dessen, dass wir im Verlaufe des Abends allesamt im selben sind. Hoch offiziell; versteht sich. Und vor allem aus einem wirklich wunderbaren Grund: Meine Nichte Anika gebar vor Tagen ein Mädchen. Und weil der Papa Andreas heißt, sollte das Kind in der „A“-Ahnenreihe Aufnahme finden. Deswegen wurde der eher seltene Namen Annemieke auserkoren.

Der ist niederländischen Ursprungs; kombiniert das allbekannte „Anne“ mit der „Mieke“; einer dort üblichen Variante von Maria. Bekannte Namensvetterinnen meiner brandneuen – und zudem einzigen – Großnichte sind übrigens Annemieke Kiesel, eine niederländische Fußballspielerin (wie das gerade passt!?) und die Musicaldarstellerin Annemieke van Dam.

Nun also lud die stolze Mama, der stolzere Papa und die noch stolzeren Großeltern ein. Das ist allemal „ein Grund, sich sinnlos zu besaufen“, wie es beim „Hasen im Rausch“ heißt. Gut ostthüringisch-saalfeldisch feiern wir also eine „Püschbier-Party“.

Als ich DAS das erste Mal vernahm, stutzte ich. Zwar sind Thüringer keine Sachsen, wohl aber mindestens solch großzügig’ Volk. Auch im Umgang mit unserer Sprache. Deshalb mutieren meist die Mitlaute. So wird aus dem pingeligen „p“ ein brabbelndes „b“, das knallige „k“ geht als gemütliches „g“ von der Zunge und das tüttelige „t“ dreht sich drollig ins daunenweiche „d“.

Daher verblüffte mich das prinzipiell eher pikierte „p“ beim „Püschbier“ dann doch. Zumal meist hinter Büschen das befreiende Blase-Entleeren stattfindet!?! Oder?

Ja doch! Männer mögen zwar meist Stehpinkler sein. Aber viele haben zumindest so viel Anstand, schlagen nicht vor aller Öffentlichkeit ihr Wasser ab und sich deshalb hinter Büsche. Zum „büschen“ …

Das würde doch etymologisch und semantisch wunderbar passen, oder?

Tut es aber nicht. Jene Weisheit der Vielen, kurz auch Wikipedia genannt, unterrichtete mich nämlich, dass ich auf dem Holzwege war mit meinen weichen und harten Mitlauten.

Allerdings bekam ich so einen prägnanten Überblick über diese Art des kollektiven Besäufnisses, dass andernorts eher schlicht und ziemlich derbe als Babypinkeln, Babybier, Kindpinkeln, Kinderpinkeln, Pinkelparty oder Pullerparty umschrieben wird.

Die Nordhessen nennen den Brauch „Pullerschnaps“ oder „Pullerschoppen“. Dabei gibt es „kurze“ klare Schnäpse und Bier. Im Hunsrück heißt das Ganze platt „Pissparty“, auf Otto-ostfriesisch „Kindskiek“: Dabei wird ein Getränk aus Branntwein, Rosinen und Zucker konsumiert. Zum Beinahe-Blasensprung kommt dann also noch höllischer Haarwurzelkatarrh. Aber die haben ja dort ständig frischen Wind, um die zugedröhnten Birnen durchzulüften …

Nordthüringer laden zum Brunsbier oder Sächbier. Südthüringisch wiederum heißt es „Pisch-“ oder eben auch „Püschbier“. Hessen freuen sich aufs „Baasche wäsche“ oder „Baasche nass mache“.

Und eigentlich braucht es ja keines besonderen Brauchs, um im Familien-, Freundes- und Nachbarschaftskreis die Pullen kreisen zu lassen. Geschieht das hingebungsvoll genug, erreichen dann gewisse innere organische Hohlkörper einen solchen Füllstand, das Männlein wie Weiblein nach Druckausgleich lechzen …

Und genau dies ist der tiefere Sinn des Trinkgelages: Nach Überlieferungen soll dieser zelebrierte Umtrunk samt seiner Folge – eben jenen schier unaufhaltsam fließenden Fluten – dem Neugeborenen symbolisch beim Wasserlassen helfen, damit es keine Schmerzen erleidet.

Und war hat es erfunden? Na? Nicht die Schweizer. Die Fischköppe sollen ’s gewesen sein.

Regional scheinen sich aber Betrink-Besonderheiten herauskristallisiert zu haben (wehe, einer denkt jetzt an Nierensteine!): Oft trinkt nur der Vater mit Freunden und Nachbarn – so wie es auch der furchtbar berauschte Hase tat – „aufs Wohl der lieben Kleinen“, während die Mutter mit dem Neugeborenen noch im Kindsbett – vulgo: Krankenhaus – verweilt.

Wie in unserem Falle, ist es aber auch nicht unüblich, die Feier später, in Anwesenheit von Mama und Baby, auszurichten. Immer aber soll das „Babypinkeln“ vor der Taufe stattfinden.

Typisch ist, dass die süffelnde Sause in einem der Elternhäuser über die Bühne geht. Dann zeigt zuvor ein gehisstes Bettlaken oder eine Fahne Freunden und Nachbarn an, dass ein besonders Trinkgelage dräut. Eine explizite Einladung ist dann nicht mehr erforderlich …

Also dann: Prost!

Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.