„Oscar“-Kolumne: Reichsparteitag

Wie wird eine Fußballmannschaft unbesiegbar? Durch jüdische Stürmer. Die dürfen nicht verfolgt werden …

Sie lachen nicht? Können Sie aber. Dieser Witz ist koscher. Weil ihn der jüdische Komödiant Oliver Polak erzählt. Polak (Jahrgang 1976) macht seit 2006 „Stand up“-Comedy, sein aktuelles Programm heißt „Jud süß-sauer“. Auch das hat sein Aufwachsen als deutscher Jude im norddeutschen Papenburg zum Thema, befasst sich selbstironisch mit dem Verhältnis von nichtjüdischen und jüdischen Deutschen (hier ein 7 min.-Video von Polaks Lesung 2009 aus seinem Buch „Ich bin Jude – ich darf das“). Beispiel gefällig? „Lassen Sie uns unverkrampft miteinander umgehen: Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust. Und Sie verzeihen uns Michel Friedman.“

Macht sich ein Türke über Nazis lustig, dürfen auch wir das lustig finden. Seit 14 Jahren mindestens. Denn 1996 startete einer mit seiner szenischen Lesung ausgewählter Texte aus „Mein Kampf“, hatte damit über 1.500 Auftritte vor mehr als 250.000 Zuschauern: Serdar Somuncu – Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler und Kabarettist.

Somuncu (sprich: Ssomundschu), geboren 1968 in Istanbul, buchstabiert seinen Nachnamen so: „Siegfried, Otto, Magda, Untergang, National-Mannschaft, C Vitamin-C, U-Boot-Krieg“ – und klingt dabei wie der Anstreicher Adolf H. (zum Nachhören hier ein youtube-Video).

Er bezeichnet sich selbst als „eingedeutschten Kanaken“. Bis 2002 hatte er einen türkischen und einen deutschen Pass. Seither ist er nur noch deutscher Staatsbürger. Er lebt in Düsseldorf, dem „Gaza-Streifen des Rheinlandes“.

Polak, Somuncu und andere bieten damit derbe, herbe, herzerfrischende Satire.

„Reichsparteitag“ ist und war das nicht.

Man erinnert sich: Halbzeit beim WM-Auftakt von Jogis Jungs gegen Australien. Es steht 2:0. Es herrscht sonntäglich und deutschlandeinheitsweit Friede, Freude, Eierkuchen. Bis die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein meint, für Miroslav Klose müsse sein Kopfball-Tor wie ein „innerer Reichsparteitag“ gewesen sein.

Unverzüglich entlud sich Empörung – zunächst auf Twitter, Facebook und in diversen Blogs, später auch in den „klassischen“ Medien: Die ZDF-Moderatorin habe Nazi-Vokabular gebraucht.

Das ist allerdings falsch. Weil „innerer Reichsparteitag“ – wie Tilman Krause tags darauf in der „Welt“ bemerkte – eher eine Persiflage auf den Sprach-Bombast der Nazis ist.

Erst recht Recht hat aber deshalb Henryk Goldberg, Feuilleton-Redakteur der TA. Er schrieb, dass es nicht um eine unterstellte rechtsextreme Haltung von Müller-Hohenstein gehe, sondern vielmehr um „eine nicht vorhandene historische Sensibilität“, die Wissen voraussetze.

Wissen zum Beispiel darüber, dass „Jedem das Seine“ seit Plato und dem antiken Griechenland Rechtsgrundsatz ist. Seit diese Wendung aber am Lagertor von Buchenwald pervertiert worden sei, sollte sich jede politische Kampagne damit verbieten. „Im privaten Sprachgebrauch wird sie ihren Platz wohl behalten – wenn auch möglichst nicht gerade in Thüringen. Arbeiten bis ,zur Vergasung’ ist ein ungleich anderes, ein zynisches Wort – und dennoch wird es gelegentlich gebraucht von Menschen, die sich nichts dabei denken. Und genau das ist es. Es ist vor allem ein Mangel an Sensibilität gegenüber der Geschichte und einer an Respekt gegenüber den Menschen, die sie erlitten. Es ist ein fehlendes Grundgefühl dafür, Teil eines Volkes zu sein, in dessen Namen und mit dessen Sprache vor einem runden Menschenalter die Welt in die Barbarei zurück fiel.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Außer eine weitere Kostprobe Oliver Polaks jiddischen Humors: „Ich bin bei ebay. Verkäufer bekommen dort Kundenbewertungen. Für zehn positive gibt es einen Stern. Einen gelben. Wie sich doch die Zeiten ändern!? Vor 70 Jahren hätte schon eine negative Bewertung vom Nachbarn dafür gereicht …“

Mehr Erheiterndes und Nachdenkliches zum Nachlesen:

– Oliver Polak mit Jens Oliver Haas: Ich darf das – ich bin Jude. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN 978-3-462-04050-0

– Serdar Somuncu: Nachlass eines Massenmörders. Lübbe Belletristik, 2002, ISBN 3-4046-0513-6.

– Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen. Aufbau Verlag, Berlin, 1947. Jüngere Ausgabe, Reclam, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-020149-7

(erweiterte Kolumne aus dem „Oscar am Freitag“, Ausgabe Gotha, vom 25. Juni 2010)

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