Oscar-Kolumne: Von Brüsten und vom Brüskieren

Tarnen und Täuschen. Das ist eine militärische Strategie. Sie findet aber auch im Alltag Anwendung. Wie beim Kampf der Geschlechter…

Ich weiß nicht, ob Sie es wissen: Der „Wonderbra“ wird 20 Jahre alt. 1994 – just im Wonnemonat Mai – brachte das US-Unterwäsche-Unternehmen „Sara Lee“ das erste Modell dieser harmlosen Art der Brustvergrößerung auf den Markt.

Star der Werbekampagne war das bis dato unbekannte Model Eva Herzigová, die wenig später „Miss Wonderbra“ hieß. Und auch das Wort „Wonderbra“ kam zu Ehren, fand im selben Jahr Aufnahme in englische Wörterbücher.

Doch wie so oft im Leben ist auch der „Push up“-BH ein alter Hut. In der Tat eine „Cover-Version“, denn bereits 1961 ersann die Designerin Louise Poirier jene erhebende Idee für die kanadische Firma „Canadian Lady“. Damals aber hielt man(n) Miss Twiggy & Co. mit ihren eher knabenhaften Figuren für sexy. Deshalb fiel Madame Poiriers Erfindung dem Vergessen anheim.

Bis die 1990er-Jahre, „Baywatch“ und Pamela Anderson kamen. Seit dem Oberweiten-Wunder gilt auch in Sachen Dekolleté: „Big is beautiful“. Und seither lässt man(n) sich was vormachen.

Doch das Tarnen und Täuschen auf diese Art ist verzeihlich. Schließlich schauen wir Männer ja Frauen vor allem in die Augen, zählen für uns bei der Partnerwahl eh nur die inneren Werte.

Unverzeihlich ist für mich hingegen Tarnen und Täuschen in der Politik. Wie zum Beispiel bei Wahlen.

Rein zufällig haben wir ja dieses Jahr auch wieder gleich dreimal das Vergnügen, unser Kreuz zu machen.

Vor allem bei den Kommunalwahlen, wie sie Ende Mai anstehen, setzen Wahlkampf-Manager gern und fast ausnahmslos aufs Prinzip „Wonderbra“.

So kandidieren Landräte für den Kreistag und Bürgermeister für den Stadtrat. Diese Polit-Promis sahnen nämlich ab. Wie der Rattenfänger zu Hameln sammeln sie oft ein Drittel, zuweilen sogar noch mehr aller Stimmen für ihre Parteien.

Ein Ergebnis von Tarnen und Täuschen.

Vielen Wählern ist nämlich nicht klar, dass die Promis nur zum Schein kandidieren: Konrad Gießmann (CDU) wird auf Listenplatz 2 ganz sicher in den Gothaer Kreistag gewählt. Sein Amt als Landrat hingegen gibt er nicht auf.

Das wird auch Petra Enders (LINKE) nicht tun. Die Landrätin im Ilmkreis ließ sich sogar auf Platz 1 setzen.

Der „Wonderbra“ kaschiert mangelnde Oberweite. Schein-Kandidieren hingegen zeugen von einem gravierenden Mangel an politischem Anstand und Moral.

Doch es gibt Hoffnung. Weil es Ausnahme gibt.

Im Landkreis ist das z. B. Michael Brychcy. Waltershausens Bürgermeister lehnte es ab, sich für die Stadtratswahlen aufstellen zu lassen. Das ließ manchen braven CDU-Parteisoldaten ratlos zurück. Und brachte Brychcy nicht nur Komplimente ein.

Einen völlig anderen Weg ging Hartmut Holzhey. Der parteilose Saalfelder Landrat kandidierte für Listenplatz 1 der CDU für den Kreistag. Er wurde (ergänzt am 28.3. – auf diesen Listenplatz 1) gewählt – und erklärte prompt seinen Rücktritt als Landrat.

Apropos Tarnen und Täuschen: Der Siegeszug des „Wonderbras“ ließ Mode-Macher in ihrem Männlichkeitswahn nicht ruhen. Daher gibt es jetzt den sexy Knackarsch per „Push up“-Jeans.

Fehlende politische Moral lässt sich hingegen nicht nachrüsten.
Die kann man nur abwählen.

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