Oscar-Kolumne: Plakatives

Wir befinden uns im Jahre 2017 n. Chr. Ganz Deutschland ist mit Wahlplakaten vollgepflastert… Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Menschen bevölkertes Dorf im Landkreis Gotha verwehrt sich dieser lästigen Lichtmast-Last.

Langenhain war’s. Um den Waltershäuser Ortsteil sollten die Politplakat-Patrouillen einen möglichst großen Bogen machen. Das erbat der Ortsteilrat in einem offenen Brief an alle Parteien und Direktkandidaten. Und weil es keine Posse, sondern der volle Ernst der Langenhainer ist, plakatieren sie selbst an der einzigen offiziellen Zufahrt zum Ort – und gegen das Plakatieren.

Sie seien dafür, dagegen zu sein, weil sie Wahlplakate für unnütz hielten, konnte man jüngst den lokalen Printmedien entnehmen. Und ähnlich wie Asterix und seine Gallier die Römern dank Zaubertrank und grausamen Gesang von Troubadix in die Flucht schlugen, ersannen die Langenhainer eine List, um ihr Ziel zu erreichen. Den „gebrieften“ Kandidaten unterbreiteten die Plakat-Abstinenzler ein ganz und gar nicht unmoralisches Angebot: Die wahlkämpfenden Parteien und jene Frauen und Männer, die sich auf Bundestagsdiät setzen lassen wollen, sollten doch viel lieber das Geld, was sonst fürs Herstellen, Auf- und Abhängen samt späterem Entsorgen der Wahlplakate aufzubringen wäre, dem Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz spenden.

Wie ich finde, eine wirklich so lobens- wie nachahmenswerte Idee! Und die hätte sich obendrein lohnen können. Schließlich bewerben sich im Freistaat am 24. September 15 Parteien um die Zweitstimme. Dazu kommen noch sieben Direktkandidaten im Wahlkreis 192 Gotha-Ilmkreis, die um die Wählergunst buhlen.

Die listigen Langenhainer hatten aber offenkundig die Rechnung ohne die politischen Laternenpfahl-Bezwinger der „Deutschen Mitte“ (DM) gemacht: Die nagelten ungerührt kurze Zeit später ihre Blick- und Wahlstimmenfänger an die erstbeste Laterne.

Nun, diese Partei ist noch jung an Jahren, wurde 2013 von Christoph Hörstel gegründet. Der war zwischen 1985 und 1999 als Journalist für die ARD rund um den Globus unterwegs. Inzwischen hält er es mehr mit Verschwörungstheorien. Wohl aus deshalb lautet das Motto der DM-Partei und deren derzeit 2.000 Mitglieder „Politik geht anders…“. Nur des Lesens schienen Hörstels Helferlein nicht zu sein. Mal schauen, wie es damit bei den anderen steht.

Unbesehen davon haben aber die Langenhainer Rebellen meine ganze Sympathie. Auch mir hängen die einfallslosen und unansehnlichen Dinger samt der nichtssagenden, inhaltsleeren Spruchblasen á la „Für Sie im Bundestag“ zum Halse heraus.

Ich denke, die Idee der Sackgassendorfbewohner sollte eine noch viel breitere Öffentlichkeit finden. Schließich werde eine Idee zur materiellen Gewalt, alsbald sie die Massen ergreife, meinte schon Marx. So fänden sich dann gewiss auch noch viel mehr Kommunalkommunarden, die auf die Barrikade und gegen die Plakatierer (vor-)gehen würden. Und dies alles ließe sich organisieren, lange bevor die Plakate gedruckt werden.

Denn dann könnte es dank der Langenhainer demnächst heißen: „Wir befinden uns im Jahre 2019 n. Chr. Und ganz Thüringen ist ohne ein einziges Wahlplakat…“

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 25. August 2017)

P.S. Ober-„Oscar“ Maik Schulz hielt gegen meine Argumente:

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