Oscar-Kolumne: Mit (k)einem braunen Auge davon gekommen

D0R0003795635_Snapseed-750x200.jpg

Schwarz-weiß-Fotos. Immer noch erliege ich deren Faszination. Die ersten 20 Jahre meiner Weltanschauung via Kamera bannte ich auf Filme, die den Moment festhielten – zwischen Nachtschwarz und Reinweiß. In 256 Grautönen. Erst das ergab das ganze Bild.

Dann kam Farbe ins Spiel. Ich war begeistert. Und dennoch: Immer wieder wurde, wird es mir zu bunt. Weil so das Wesentliche nicht mehr sichtbar ist.

Während des Studiums lehrte man uns: Im Auge des Fotografen liege lang vorm Auslösen das fertige Bild. Ich brauchte, dies zu verstehen. Ich mühe mich immer noch, diesem Leitspruch zu folgen. Nicht nur beim Fotografieren.

So schärft sich der Blick fürs Wesentliche. Das zeigt sich nur in Bruchteilen einer Sekunde. Um dann für alle Zeiten verweht, im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit unkenntlich geworden, im Lärmen der Marktschreier untergegangen zu sein.

Dieser Tage auf allen Kanälen: Beklemmende, beschämende Bilder aus einem kleinen Dorf im Erzgebirge – Clausnitz. Ein Bus mit Flüchtlingen. Begrüßt von jenen, die vorgeben, das christliche Abendland vor diesen Fremden retten zu wollen. Die ihre ganz und gar nicht von Nächstenliebe getragene Aktion auf Video festhalten. Deren dumpfer Hass in jeder Sekunde zu sehen, zu hören ist.

Auf diese Szenen folgen nicht nur SPIEGEL-Kolumnen. Deshalb debattieren anschließend Wissenschaftler, Politiker, Empörte vor Fernsehkameras über die besondere Empfänglichkeit für rechte Parolen, für Fremdenfeindlichkeit – der Clausnitzer, der Sachsen, der Ostdeutschen. Mutmaßten, dass dies wohl eine Hypothek verordneter Völkerfreundschaft und antiimperialistischer Volksbildung im Arbeiter- und Bauernstaat sei. Dabei scheint auch noch die Statistik zu helfen: Jeder fünfte fremdenfeindliche Angriff deutschlandweit erfolgte im letzten Jahr in Sachsen. Aber nicht nur dort.

Gotha, im November. Die gleichen Szenen wie in Clausnitz in der Residenzstadt, vorm ehemaligen „Praktiker“. Auch hier ein Bus mit Flüchtlingen. Auch hier unwillkommen geheißen von jenen, die sich fürs Volk halten und doch nichts weiter als völkisch sind. Diese prahlerischen, beschämenden Sequenzen aus Gotha bekommen zehntausende Klicks und Likes in den sozialen Netzwerken. Nicht aber die Aufmerksamkeit der Hauptnachrichten. Gotha kam wohl mit einem braunen Auge davon…

Nein. Gar nicht. Nicht zuletzt, weil die DDR seit 25 Jahren Geschichte ist. Weil Asylheime bundesweit brennen. Weil es Parallelgesellschaften in Marxloh, Kreuzberg, Neukölln und in Gotha-West gibt. Weil Rassismus alltäglich ist wie Gewalt gegen Kinder, in der Familie. Weil der Ellenbogen wichtigstes Fortbewegungsmittel wurde. Weil „Sozialstaat“ nicht automatisch einen sozialen Staat bedeutet: Wer selbst keine Achtung erfährt, wird sie auch keinem anderen gewähren.

7,5 Milliarden Menschen hat diese Erde. 99 % all ihrer Gene gleichen sich. DAS ist wesentlich.

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 26. Februar 2016)

Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.