Oscar-Kolumne: „(M)ein Königreich für ein Pferd!“

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Der Klassiker des Rauschebarts Marx aus seinen „Thesen über Feuerbach“ (MEW 3,7) fiel mir dieser Tage ein. Als es darum ging, wie das Pferd in der Lasagne kam.

Offensichtlich haben auch die Engländer ihren Haus- und Hofdramatiker Shakespeare über Jahrhunderte falsch interpretiert: Sein „A horse! A horse! My kingdom for a horse!“ bedeutete schlichtweg, dass Richard III. Hunger hatte …

Achtung: das war Satire!

Nicht zum Lachen hingegen ist das typische Verhalten der Medien nach dem Auftauchen dieses Etikettenschwindels. Von „Skandal“ war zu lesen und von „Ekelfleisch“. Nun ja; ist mir nach Thüringer Rostbratwurst, will auch ich keine Ross-Bratwurst. Klarer Fall.

Aber: Mir geht diese Sensationalisierung auf den Zeiger. Alle Nase lang dräuen Jahrhundertstürme, immer steht der nächste GAU bevor. Der allgegenwärtige Superlativismus erreicht derweil selbst öffentlich-rechtliche Trutzburgen des traditionellen Journalismus’ wie „Tagessschau“ oder „Heute-Journal“.

Schlagzeilen sollen für Aufmerksamkeit sorgen. Folgt ihnen aber keine Substanz, taugt die ganze Chose nix.

DAS macht auch, warum mein, unser Berufsstand öffentlich so an Ansehen verliert.

Deshalb regt auch kaum auf, dass ein Zeitungsverlag die komplette Redaktion entlässt und künftig nur noch Material von Nachrichtenagenturen kauft – und von eigentlich konkurrierenden Lokalzeitungen. Das schafft Medieneinfalt 2.0.

So geschehen bei der „Westfälischen Rundschau“, die zum WAZ-Konzern gehört. Und der wiederum hat eine Thüringer Tochter namens ZGT, unter deren Dach drei Zeitungen erscheinen. Ein Schelm, der an Rationalisierung denkt …

Doch ich schweife ab, erinnere mich der Kritik von Kerstin D. aus G. und kehre deshalb zum Thema zurück:

Wie also kam das Pferd in die Lasagne?!?

Kaum mehr als 10 % unseres Einkommens geben wir Deutschen für Lebensmittel aus. So wenig wie noch nie. Landwirte singen davon ein Lied. „Geiz ist geil!“ steckt uns so was von im Portemonnaie …

Supermarktketten drücken deshalb die Abnahmepreise. Die meisten Agrarier setzen in Folge auf Industrialisierung ihrer Produktion. Das geht fast nur mit der chemischen Keule – sehr zur Freude der Düngemittel- und Pestizid-Produzenten. Und mancher greift halt zu illegalen Methoden, etikettiert um oder falsch. Auch die boomende Bio-Branche hat schwarze Schafe.

Man ist, was man isst. Für Motorenöl geben wir deutlich mehr aus als für jenes, was in unserer Küche landet: Da haben wir den Salat …

Aber weil der „Oscar am Freitag“ nicht BILD, sondern ein Bildungs-Institut ist, hier ein paar Fakten zu der Deutschen Verhältnis zum verwursteten Hottehüh:

Statistiker bleiben keine Antwort schuldig. Die im Bundesamt in Wiesbaden sowieso nicht. Also wissen sie, dass von Juli bis September 2012 etwa 2.600 Pferde geschlachtet wurden. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum ließen 882.000 Rinder und 14 Millionen Schweine in Schlachthäusern ihr Leben.
I
Klare Botschaft der Bundes-Erbsenzähler: Pferdefleisch gilt hierzulande nur Gourmets als Delikatesse. Dabei gibt es Traditionsgerichte, die ohne Pferdefleisch nicht „echt“ wären – wie z. B. wie Rheinischer Sauerbraten.

Pferdefleisch ist besonders mager, enthält viel Eisen und mundet tatsächlich. Kulinarische Selbstversuche aus den frühen 1980er-Jahren in Leipzig stehen dafür. Die Pferdebockwurst nach dem Studentensport war echt lecker …

In der Schweiz und in Frankreich findet sich Pferd gleichberechtigt neben Lamm und Schwein in jedem Supermarkt-Regal. Dort isst man folglich Pferd öfter als in Deutschland – auch wenn es in Frankreich neuerdings sogar eine Protest-Bewegung gibt. „Non, un cheval ça ne se mange pas!“ („Nein, ein Pferd isst man nicht“) lautet deren Wahlspruch und der findet sich auf Websites, Aufklebern und T-Shirts.

Die (Ab-)Scheu vorm Pferdefleisch hat allerdings historische Wurzeln: Im Mittelalter gab es ein päpstliches Verbot, von Gregor III. 732 erlassen.

Und wer hat Schuld?

Die Thüringer!

Schließlich war Bonifatius hierzulande unterwegs – als Glaubens-, Stadt- und sonstiger –Stifter. Er übersandte dem Papst aus den heimisch-heidnischen Gefilden eine Reisereportage, die offensichtlich Gottes Stellvertreter Gregor graute, wie seiner Antwort zu entnehmen ist:

„Unter anderem hast Du auch erwähnt, einige äßen wilde Pferde und sogar noch mehr äßen zahme Pferde. Unter keinen Umständen, heiliger Bruder, darfst Du erlauben, dass dergleichen jemals geschieht. Erlege ihnen vielmehr um alles in der Welt eine angemessene Strafe auf, durch die Du mit Christi Hilfe imstande bist, es zu verhindern. Denn dieses Tun ist unrein und verabscheuungswürdig.“

Vatikan-Kenner streiten nun seit 1.300 Jahren: Die einen meinen, dem Papst stieß nur die Esskultur unserer Vorfahren auf. Andere führen pragmatische Gründe an. Der Verzehr der Wiehertiere habe zu einem Engpass an Streitrössern geführt. Wertvolles Kriegsmaterial gehöre aber nun einmal nicht in den Kochtopf, soll Papst Gregor gemeint haben.

Das Pferdefleisch-Verzehrverbot hielt sich fast ein Jahrtausend. Offiziell wurde es von der Katholischen Kirche nie aufgehoben. Mit einer Ausnahme: Als die Isländer christianisiert wurden, erlaubte der Vatikan den Insulanern den Genuss von Pferdefleisch – tierisches Leben war und ist rar auf der Vulkan- und Geysir-Insel. Mit knurrendem Magen fällt es aber schwer, gottesfürchtig zu sein …

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.