„Oscar“-Kolumne: KommuniKatastrophe

Ein Gespenst geht um in Gotha – das Gespenst des Gigantismus.

Vor drei Wochen ließ TA-Mann Thomas Ritter die Katze aus dem Sack. Oder den Kreuch von der Leine. Gothas OB – immer gut für atemberaubende Visionen – skizzierte das Projekt eines 23.000 qm großen Konsum-Tempels. Da überlegten manche Stadträte noch, ob das Ex-Finanzamt in der Erfurter Straße als Standort für einen Saturn-Markt taugt …

Elf Tage verschlug es auch dem „Händlerring_Gotha e. V.“ die Sprache – die neue Heimat etlicher der rund 200 Gewerbetreibenden der Innenstadt, die dem sanft entschlafenem Förderverein „Von Gotha für Gotha“ verdrossen den Rücken kehrten. Händlerring-Vorsitzende Gudrun Schatz konterte Stadtoberhaupts Glitzerpalast-Glamour mit schaurigem Schreckens-Szenario. Nicht gerade den Untergang des Abendlandes, doch den der Innenstadt prophezeite sie.

Immerhin: Die „Kö von Gotha“ zwischen Hutten- und Suttnerplatz, Moßler- und Gartenstraße vergrößerte auf einen Schlag die Verkaufsfläche in der Residenzstadt um ein Sechstel. Laut jüngster Standortanalyse der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA)* hatten 510 Handels-Unternehmen in Gotha knapp 124.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die Besonderheit: Zwei Drittel der Geschäfte gehörten Einzelhändlern, waren aber kleiner als 50 qm. Das 2005er GMA-Gutachten sah dennoch kaum Grund für neue Groß-Ansiedlungen. Es summierte aber auch, dass Gothaer mit rund 35 Mio. Euro reichlich ein Viertel ihres Geldes woanders ausgeben.

Nicht kleckern, sondern kreuchen – pardon: klotzen – schien daher die Devise des OB: Er setzt auf die magische Anziehung der Mega-Einkaufs-Meile und die gewaltige Kaufkraft. Satte 60 Mio. Euro pro Jahr wären realistisch – bei solchen Groß-Bauten gehen Fachleute von rund 3.000 Euro Umsatz pro Quadratmeter aus. Kreuch liebäugelt natürlich auch mit entsprechend sprudelnden Steuereinnahmen. Kann ich gut verstehen. Und auch ich fände die Mall schick.

Noch aber wiegelt der OB ab. Offiziell zumindest. Alles bisher nur eine Idee. Ein neues Standortgutachten, wieder von der GMA gefertigt, läge im Dezember vor. Dann werde mit den Gewerbetreibenden geredet. „Ein Stuttgart 21 wird es bei uns nicht geben“, zitierte ihn mein geschätzter Kollege Ritter. Alle sollten demnach alles wissen und Pro und Kontra abwägen dürfen.

Schön und gut.

Doch schon vor mehr als vier Monaten hörten die Händlerring-Kämpfer die Nachtigall trapsen, respektive den Investor. Die Saller-Gruppe aus Weimar baute und betreibt u. a. die „Neue Mitte“ Jena, das „Atrium“ Weimar und das „Ilmkreis-Center“ Arnstadt – allesamt mit der „Kö von Gotha“ vergleichbar. Und es pfiffen nicht nur Spatzen von den Dächern der Plattenbauten in der Moßlerstraße, dass Saller auf Grundstücks-Einkaufstour ist. Karten im Katasteramt sprechen auch dafür.

Das löst Misstrauen aus, weil Gudrun Schatz, Andreas Dötsch, Matthias Goldfuß & Co. in den letzten Monaten deutlich das Gefühl vermittelt bekamen, ihre Ansichten seien nicht von Belang.

Auch Stadträte stochern eher rat- und wortlos in den Schwaden aus Vermutungen, Halb- und sonstigen Wahrheiten.

Ausgerechnet Knut Kreuch – der große Kommunikator, der Meister des (Selbst-)Marketings – mauschelt hinter den Kulissen? Ich will’s nicht glauben!

Doch es wäre nicht das einzige Desaster: Öffentlicher Aufreger Nr. 1 ist derzeit der Plan, aus dem Ekhof- einen „Platz der deutschen Einheit“ zu machen. Selten nur gab es solch  breite und einmütige Ablehnung. Zahllos die Leserbriefe, die mit der angeblich initiierenden CDU-Stadtratsfraktion hart ins Gericht gehen.

Nur: Da schlägt man den Sack (Verzeihung, Frau Götze-Eismann!). Sollte aber den Esel meinen. Nämlich Knut Kreuch. Der räumte unumwunden auf meine Nachfrage ein, dass es seine Idee gewesen wäre und er sich damit an die CDU-Frontfrau gewandt habe.

Die brachte die Anregung in den Stadtrat ein, ließ offensichtlich ihre acht Fraktionskollegen im Dunkeln und jetzt obendrein im Regen stehen: Weder Frau G.-E., noch Herr K. hatten bisher den Arsch in der Hose, öffentlich dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Was für eine KommuniKatastrophe!

Anmerkungen:

* als pdf zum Herunterladen unter www.gotha.de, Rubrik „Wirtschaft“, Navigationspunkt „Wirtschaftsraum Innenstadt“

(Kolumne im „Oscar am Freitag“, Ausgabe Gotha, vom 29. Oktober 2010)

2 Kommentare

  • […] Ein Gespenst geht um in Gotha – das Gespenst des Gigantismus.Vor drei Wochen ließ TA-Mann Thomas Ritter die Katze aus dem Sack. Oder den Kreuch von der Leine. Gothas OB – immer gut für atemberaubende Visionen – skizzierte das Projekt eines 23.000 qm großen Konsum-Tempels. Da überlegten manche Stadträte noch, ob das Ex-Finanzamt in der Erfurter Straße als Standort für einen Saturn-Markt taugt … […]

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