Oscar-Kolumne: Gastfeindschaft

Schwarze Schafe. Die gibt es überall. In Familien. In Firmen. In allen Berufen. Schwarze Schafe verderben den Ruf. Und ist der erst ruiniert … Naja, man kennt das Ende vom Lied.

Besonders tragisch, wenn Schwarzschafigkeit öffentlich ist und Wirkung zeigt. Wie etwa in der Gastronomie. Die ist schließlich ein Gunst-Gewerbe. Dort macht man nur dann Geschäfte, wenn Gäste bewirtet werden. Und weil die sich was gönnen wollen, sollten sie zumindest willkommen sein.

Das hat sich aber offensichtlich noch nicht überall herumgesprochen: Freunden aus Leipzig, die dieser Tage hier waren, ging es jedenfalls so. Sie wanderten vorigen Sonntag von Gotha übern Seeberg. Ohne mich. Als Wander-Muffel zog ich es vor, ein wenig Bürokram zu machen. Ich ließ sie also alleine ziehen – nicht ohne ihnen ein weithin bekanntes Ausflugslokal zu empfehlen. Weshalb sie quasi übern Düppel gezogen wurden

Weil der Frühling über Gotha hereingebrochen war, nahmen die beiden – wie andere – im Biergarten Platz. Weil Sonntag war, hatten sie es nicht eilig. Weil das auch fürs Personal galt, saßen sie nach gut 40 Minuten immer noch da – ohne Karte und ohne Getränke

Sachsen sind gemütliche Menschen – nicht wie Berliner, die weniger Herz, dafür meist mehr Schnauze haben. Deshalb forschten die beiden Sachsen vorsichtig bei mir per SMS nach, ob die Gastwirtschaft tatsächlich eine Gastwirtschaft sei. Um den guten Ruf der Thüringer Gastfreundschaft besorgt, ergriff ich die Initiative und das Telefon.

Der herzigen Dame am anderen Ende fehlten nicht die Worte: Der Saal sei voll. Man stünde zudem nicht herum, würde Pause machen und rauchen. Und in der Küche wäre die Hölle los. Da müsse man sich im Freisitz gedulden. Finaler Höhepunkt: „Nächstens stellen wir eben ‚Reserviert‘-Schilder auf den Tisch.“

Was dann wirklich getan wurde und allgemeinen Unmut erzeugte.

Heike und Thomas bekamen zumindest die Karte, bestellten ihre Radler. Als die nach weiteren 20 min. immer noch nicht auf dem Tisch standen, waren selbst nette Menschen am Nachbartisch peinlich berührt und wollten mit ihnen Speis und Trank teilen. Das überraschte die beiden angenehm. Sie lehnten dennoch dankend ab und entschieden, den Ort der Gastfeindschaft zu verlassen. Auch wenn sie sich nun hungrig und durstig auf den Rückweg machten, nahmen sie es sportlich: „Das schadet dann wenigstens unserer Figur nicht“, lautete ihre ironische Facebook-Nachricht. Ich dachte, ich muss im Erdboden versinken …

Wäre Greta, mein süßes Töchting, dabei gewesen, wäre sie vermutlich geplatzt: Selbst seit Jahren im Gast-Gewerbe aktiv, ist sie ein Vorbild an Service und Freundlichkeit. Sogar dann, wenn das „Ratscafe“ in Garmisch aus allen Nähten platzt und die Hütte brennt …

Dass Wiedlings allerdings nicht frustriert nach Hause fuhren, ist anderen Gothaer Gastwirten zu danken. So gönnte Stefan S. den Sachsen, mir und seinem sonstigen „Pub“likum nicht nur irre gutes irisches Bier. Er legte auch noch eine artistische Nummer vorm Schaufenster hin, um seine Gasthütte zu erleuchten.

Und Rino P. gehört nicht nur wegen seiner Mama und deren spezieller Pizza zu meinen Favoriten. Das ist er übrigens für viele andere, weshalb man gut beraten ist, zu reservieren. Was aber nicht heißt, dass man unangemeldet chancenlos wäre. Platz findet sich im kleinsten Restaurant. Wenn man will. Und Gastfreundschaft kostet nichts, im Gegenteil.

Gastfreundschaft ist ein Souvenir des Herzens. Daran erinnert man sich für immer.
An Gastfeindschaft allerdings eben auch.

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

0 Kommentare

  • paulinesschreibstube (#)
    25.04.2013

    Rainerle …. herrlicher Text!Wobei mir einfällt, dass ich meinen Oscartext auch nicht schlecht finde. Drum schicke ich ihn Dir zur freundlichen weiteren Verwendung 🙂 P.s. Zum besseren Verständnis hätte ich noch ein Bildchen anzuhängen… Grüße von Pauline

  • _Der|Aschenbrenner_ (#)
    29.04.2013

    Über solche Mails freut sich einerminer:

    „Sehr geehrter Herr Aschenbrenner,
    ein herzliches Dankeschön für Ihren Beitrag über die „Gaststätte Düppel“ in Seebergen —endlich mal jemand, der offen über dieses Ausflugslokal schreibt und die Dinge beim Namen nennt.
    Seit einigen Jahren meiden wir dieses Lokal, da wir bei einer lange vorangemeldeten Familienfeier (mit ca. 15 Gästen) ähnliches wie Ihre Bekannten erlebt haben. Wir und unsere Gäste mussten die Launen der Chefin, Frau Hasenstein, ertragen und wurden zudem noch von ihr beschimpft.
    Das Personal, dass unter dieser Leitung arbeiten muss, kann einem nur leid tun.
    Zum Glück können wir uns aussuchen, wo wir einkehren und zum Glück gibt es andere Lokalitäten, wo der Service stimmt –auch bei „vollem Haus“.

    Weiter so, sehr geehrter Herr Aschenbrenner!

    Liebe Grüße sendet Familie Rönnert aus GTH“

  • _Der|Aschenbrenner_ (#)
    29.04.2013

    Und noch eine Mail erreichte die „Oscar“-Redaktion:

    „Hallo an das Team
    Auf Seite 08 der letzten Ausgabe haben Sie mir aus dem Herzen
    gesprochen. Das gleiche Szenarium hatte ich im vergangenem Jahr
    in besagter Gaststätte „Düppel“ebenfalls. Lange Wartezeiten,
    unfreundlich überfordertes Personal, obwohl sich die Zahl der Gäste
    deutlich in Grenzen hielt.
    Die Schilder mit „RESERVIERT“ sollten wie zu DDR-Zeiten ergänzt werden
    mit „SIE WERDEN PLAZIERT“.Wir wollen aber nicht in die Vergangenheit
    abgleiten. Heute sollte es heißen „WEGEN REICHTUM GESCHLOSSEN“

    In diesem Sinne

    IHR treuer Leser ULLRICH SCHULZE“

Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.