Oscar-Kolumne: Fluch des Friedensteins

„Friede ernehret, Unfriede verzehret.“
Das steht auf der Plakette überm Nordportal von Schloss Friedenstein. Ernst I. ließ 1650 diese Botschaft aus Anlass des Westfälischen Friedens anbringen – vier Jahre vor Fertigstellung seiner neuen Residenz. Symbolträchtig hieß das Zierrat „Friedenskuss“, um nach dem Dreißigjährigen Krieg ein Zeichen zu setzen (Foto: Autor).

Friede ernehret, Unfriede verzehret„Friede ernehret, Unfriede verzehret.“
360 Jahre nach Vollendung des Schlosses ist der Spruch aktueller denn je. Scheinbar lastet ein Fluch auf unserer Kultur-Trutzburg.

In 278 Jahren Herrschaft blaublütiger Schlossherren gab es von 1640 bis 1918 – von Ernst I. bis Carl Eduard – elf Regentschaften.

Ich zähle schon elf in den 24 Jahren, seit ich 1990 Gothaer Gast-Arbeiter wurde.

Zunächst lernte ich Michel Hebecker kennen. Der war seit 1987 Chef und ging 1992, „um Diskussionen über seine zwangsläufige Nähe zu den Staatsorganen der DDR zu vermeiden“, wie „Art – Das Kunstmagazin“ schrieb.

Schon die Hebecker-Nachfolge war nicht ohne: Erst winkten zwei Kulturmanager aus den alten Bundesländern dankend ab – der Dotierung wegen. Dann trat Rudolf Funk an. Der Ex-Museumsdirektor-Vize aus Meiningen warf nach vier Monaten das Handtuch. Die Chemie stimmte nicht, hieß es.

Vorübergehend leitete das „Triumvirat“ der drei Museumschefs dann die Geschicke. Bis 1995 Klaus Roewer kam. Der führte ein eigenwilliges Regime, wurde zwei Jahre später entlassen. Elisabeth Dobritzsch, die Direktorin des Museums für Regionalgeschichte und Volkskunde, übernahm mit Dr. Ulrich Mahlau. Der „Mann der Zahlen“ gehörte seit 1996 zum Team. 1998 klagte sich Roewer zurück, der dann im Jahr darauf – kurz vor einer Revolte der Schlossmannschaft – förmlich zum Nordportal hinausgetragen werden musste.

Wieder folgte eine Interimslösung: Diesmal hatten Naturkundemuseumschef Rainer Samietz und Dr. Ulrich Mahlau das Sagen. Vorübergehend stand ab 2001 dann sogar der damalige OB Volker Doenitz (SPD) dem Eigenbetrieb vor. Dann versuchte sich ab 2004 Dr. Katharina Bechler. Aber ihr fehlte es an überzeugenden Konzepten. Als sie 2006 Gotha verließ, übernahm Dr. Mahlau und führte fortan mit ruhiger Hand. Bis 2007 Dr. Martin Eberle antrat.

Hatte die Führungsspitze auf dem Schlossberg Stallgeruch, war das Miteinander fast reibungslos. Zumindest hörte man kaum Gegenteiliges. Noch weniger aber auch, was über die Stadtgrenze hinaus wahrnehmbar war.

Das änderte sich radikal. Eberle sichtete u. a. auch frühere Ideen und Konzepte. Dann präsentierte er 2010 seinen Masterplan: Das „Barocke Universum“ sollte nun Gothas Stern leuchten lassen. Und den seinen.

Alles ordnete er dem unter: Die Museen mussten ihre strukturelle Unversehrtheit opfern. Neue Hierarchien und Zuständigkeiten, personelle wie inhaltliche, entstanden.

Mit dem „Barocken Universum“ wollte Eberle auch Mauern in den Köpfen der Mitarbeiter einreißen, um über bisherige Denk-, Organisations- und Sammlungsstrukturen hinaus Neues, Größeres zu schaffen. Eine überwältigende Vision!

Die aber nur umsetzen kann, wer Antoine de Saint-Exupérys Rat folgt:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst,
so trommle nicht Männer zusammen,
um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten,
Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen,
sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“

Doch Eberle und seine Jünger preschten davon unbeeindruckt voran. Und hatten trotzdem Erfolge: Friedensteins Wahrnehmung wuchs, damit auch die Bereitschaft, dringend nötige Gelder zu geben. Millionen sind es geworden – und das Herzogliche Museum ein Solitär.

Aber er strahlt, weil andere Gothaer Pretiosen zu Asche zerfielen. Weil Eberle Gleichberechtigung wie Gleichklang von Natur-, Regional- und Kunstwissenschaften dafür opferte. Weil Weimar Maß der Dinge wurde.

Anders als Weimar hat aber Gotha mehr als nur Kunst und Kultur zu bieten. Deshalb eilte dem Herzogtum über Jahrhunderte der Ruf voraus, Mekka der Naturwissenschaften zu sein: Dafür stehen Namen wie die der Astronomen von Zach oder Encke, des Begründers der Paläobotanik, Ernst Friedrich von Schlotheim, jene der Kartografen Paul Langhans, Hermann Haack oder August Heinrich Petermann, der die deutsche Nordpolarforschung begründete.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Sie sollte zudem Namen jener nennen, die hier Wirtschaftsgeschichte schrieben. Die Aufzählung Gothaer Persönlichkeiten, wie sie z. B. auf Wikipedia zu finden ist, beeindruckt wirklich!

Doch genau die Missachtung dieser Traditionen bleibt Eberles zweifelhafter Verdienst. Vor allem, weil es ein wissenschaftliches Leben in Gotha VOR jener Epoche gab, die er als „Barockes Universum“ ausgab. Und selbstverständlich auch DANACH. Dass er zuletzt die Ursaurier-Forschungen für verzichtbar erklärte, ist unbegreiflich. All das schadet dem musealen und Wissens-Standort Gotha.

Dr. Eberles Regentschaft ist jetzt im siebten Jahr. Das verflixte in Ehen. „…bis dass der Tod Euch scheidet“, bedeutet statistisch 14 Jahre. 37 % der Ehepaare teilen zudem Tisch- und Betttuch noch vor der Silberhochzeit.

Nicht zuletzt fordert das „Bermuda-Dreieck von Gotha“ Tribut: Jahre währte der Streit, den das Haus Sachsen-Coburg-Gotha mit Thüringen um Schadensersatz oder Rückgabe seines einstigen Eigentums führte. 2004 entstand die „Stiftung Schloss Friedenstein Gotha“ unter Trägerschaft der Stadt Gotha und des Freistaats. Sie vereinte die Sammlungen des Schlossmuseums, des Regionalmuseums und des Museums der Natur mit dem Auftrag, die Sammlungen zu erhalten und öffentlich zugänglich zu machen. Parallel dazu wurden das Schloss, der Park und die Orangerie an die „Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten“ übertragen.

Eine Lösung mit Geburtsschaden: Demnach haben gleich drei Hausherren das Sagen – derzeit OB Knut Kreuch, Prof. Dr. Martin Eberle und Prof. Dr. Helmut-Eberhard Paulus.

Offenes Geheimnis ist, dass sie nicht ein Herz und eine Seele sind. Was Kreuchs naheliegenden Plan, beide Stiftungen zu vereinen, derzeit vereitelt.

Schlagzeilen zur gescheiterten Probezeit des Pressesprechers der Friedenstein-Stiftung und über einen „Sonnenkönig“, der auf Friedenstein herrsche, haben jetzt nur zu deutlich gemacht:

„Friede ernehret, Unfriede verzehret.“

(Kolumne veröffentlicht im „Oscar am Freitag“, Ausgabe Gotha, am 25. April 2014, ergänzt am 27. April 2014)

0 Kommentare

  • Thomas Fischer (#)
    28.04.2014

    Sehr geehrter Herr Aschenbrenner,

    Ihr Artikel ist sehr interessant und sehr informativ. Er enthielt viele Informationen, welche durch meinen beruflichen Wegzug (nach München und Rückzug nach Erfurt), mir entgangen sind.

    Vielen Dank

    Thomas Fischer

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