Oscar-Kolumne: Dumm macht braun

„Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus. Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi.“

Der österreichische Kabarettist Gerhard Bronner (1922-2007) sagte dies bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Gunskirchen (der Wortlaut der Rede).

Dieser Tage in Gotha: Drei junge Burschen streifen durch die Gassen, kommen einem Radfahrer in die Quere. Der stört sich an der Hautfarbe des einen und daran, dass er ihn anschaut. Grund genug, den 14-Jährigen zu schlagen.

Ende April: Mit rechtem Beistand aus Sachsen, Sachsen-Anhalt bekommt das „Bündnis Zukunft Landkreis Gotha“ 300 Leute auf die Straße. Leute, die keinen Hehl aus ihrem Rassismus machen. Die offen Hass und Gewaltbereitschaft zeigen. Und so ihre Menschenfeindlichkeit.

Beim einen applaudieren, beim anderen laufen Leute mit, von denen ich das nicht erwartet hatte.

Was bedeutet das? Haben sie alle eine rechte Gesinnung? Sind sie Nazis?

Es bedeutet zunächst, das ich Abstand nehmen muss, um Details zu verstehen.

Es bedeutet, dass meine Vorstellung davon, wie tolerant wir sind, unzutreffend ist. Da müssen Gerichte entscheiden, ob spielende Kinder und deren „Lärm“ nach Bundesimmisionsschutzgesetz „verboten“ gehören. Da bekriegen sich Nachbarn wegen streunendem Laub, Zigarettenrauch oder jenem vom Bratwurstgrill. Da wird auf Facebook, Twitter, in den Kommentarspalten von Online-Portalen gemobbt, beleidigt, sogar zur Fahndung oder zur Lynchjustiz aufgerufen. Da werden zwar keine Mauern mit Selbstschussautomaten errichtet – aber Maschendrahtzäune. Und da kauft Otto Normalo beim „Fidschi“ Klamotten oder unverzollte Zigaretten. Und im Internet Pfefferspray und Elektroschocker.

Das bedeutet schließlich: ich bin naiv und habe eine falsche Vorstellung vom Bildungsgrad vieler meiner Mitmenschen. Nicht jenes „Bildungsgrades“, der sich mit Zeugnissen und Schul-, Berufs- oder Studienabschlüssen belegen lässt. Vor allem hatte ich eine falsche Vorstellung vom Grad der Herzensbildung. Von der Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden und es auch auszudrücken.

Deshalb sind nicht alle rechts oder Nazis, die gegen jene sind, die nach Europa strömen. Sie sind im schlechtesten Sinne des Wortes allerdings „fremdenfeindlich“.

Was sind die Ursachen?
Ich denke, deutsche und europäische Politik war in den letzten 25 Jahren in Sachen Kriegsflüchtlinge, Asyl, Zuwanderung halbherzig, falsch und kam deshalb keinen Millimeter weiter. Das aber ist nicht Grund allein.

Ursache allen Übels ist ein Defizit an Vernunft. Dieser Mangel an Vernunft ist allerdings keine Folge von Chemtrails oder anderem weltverschwörerischen, globalen Tuns der Bilderberger, Illuminaten, Freimaurer & Co.

Diese Unvernunft speist nicht selten ein geringer IQ und ein niedriger Schulabschluss. Hier im Osten außerdem ein dramatischer Mangel an Lebenserfahrungen mit dem und den „Fremden“. Auch 25 Jahre nach der DDR rächt sich, dass Antifaschismus und Völkerfreundschaft kaum mehr als wohlklingende Losungen waren. Verordnete Begegnungen jeder Art haben kaum Herzen und Hirne der Massen erreicht, nicht Gefühle bewirkt noch Vernunft gefördert. Trifft nun fehlende Vernunft auf Unwissen, kommen Emotionen ins Spiel: Minderwertigkeit, Vernachlässigung, Zu-kurz-Gekommen-Sein. Und Angst. Angst aber steckt an, infiziert Massen.

Farin Urlaub, Ikone des deutschen Spaß-Punks und Sänger bei den „Ärzten“, sieht das so:

„Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendetwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie und halten sich für besser.“ (aus einem Interview mit dem Magazin „frizz“)

Gotha ist keine Insel der Glückseligkeit.

Gotha ist wie der Rest der bunten Republik.

Aber Gotha hat auch ein ganz besonderes Erbe zu bewahren: Einst hieß es, dass hierzulande die Bauern klüger waren als andernorts die Edelleut’. Weil 1642 Ernst I. als erster deutscher Fürst seinem Volke die allgemeine Schulpflicht verordnete.

„Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist.“

Das stammt von Samuel Langhorne Clemens. Besser bekannt ist der US-amerikanische Schriftsteller unter seinem Pseudonym Mark Twain.

Mögen dies auch jene bedenken, die in Gotha Bildungspolitik betreiben, über Schulstandorte entscheiden. Und so auch darüber, ob Generationen „anständig und intelligent“ im Sinne vom eingangs zitierten Gerhard Bronner werden.

P.S. am 5. August, 14 Uhr:
Vielleicht habe ich für manche zu pointiert formuliert, deshalb noch ein paar Anmerkungen: 

1. Es hat ohne Zweifel mit einem Mangel an Bildung zu tun. Vor allem der des Herzens. Ich beobachte folgendes Verhalten: Man schaut, ob es jemand gibt, der gefühlt in der Nahrungskette unter einem steht. Den macht man dann für alle tatsächlichen oder vermeintlichen Übel seines Lebens verantwortlich. Das passiert gerade bei diesem Thema Zuwanderung/Flüchtlinge. Unzweifelhaft sind Bundes- und EU-Politik armselig in der Art, WIE reagiert wird und WANN das passiert. Aber genau deshalb sind nicht die „schuld“, die kommen.

2. Es hat ganz entscheidend etwas mit Anstand zu tun: Schwächere bedürfen unseres Schutzes. Das gilt zunächst grundsätzlich. Wenn unter denen, die kommen, welche sind, die kriminell sind/werden, so bietet bestehendes Gesetz Möglichkeiten, sie abzuschieben. Wessen Asylantrag abgelehnt wurde, der hat eine zweite Chance; nämlich auf Einzel- und Härtefallprüfung. Fällt auch die negativ aus, hat Abschiedung zu folgen.

Wenn dieser reiche Staat und seine politischen Eliten es wollen, haben wir genug Geld, ganz schnell genug Mitarbeiter einzustellen, die Anträge prüfen.
Wir hätten auch Geld für Sozialarbeiter, die in den Asylauffanglagern und -heimen – und auch außerhalb! – an der Sozialkompetenz und der Herzensbildung arbeiten könnten.
Ganz zu schweigen von der Bereitschaft und Fähigkeit, im Eilverfahren Gesetze zu ändern., die hindern, dass schnelle Hilfe gewährt wird – z. B., wenn es um den Neubau von menschenwürdigen Unterbringungen geht. Für jene, die kommen. Und ganz logisch auch für jene, die hier leben.

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 31. Juli 2015, erweitert und bearbeitet)

1 Kommentare

  • Jürgen (#)
    05.08.2015

    Kluge und breite Analyse eines Problems, an welchem ich selbst schon lange herumdenke. Ich teile sie, weil ich glaube, dass sie zutrifft.
    Ja, es hat mit Bildung zu tun, wenn Fremde ausgegrenzt werden, weil Untergebildete tatsächlich einen schmaleren Blick auf die Dinge haben. Die Samen der Fremdenfeindlichkeit sehe ich aber hauptsächlich in der Angst, die aufkommt, wenn man befürchtet, von seinen Pfründen abgeben zu müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese gross oder klein sind. Und ich verstehe diese Haltung, total! Nationalsozialistische Themen, wie Rassenhass, Arisierung, „Deutschland den Deutschen“ etc. hingegen sehe ich weniger, denn auch Menschen mit eigenem „Migrationshintergrund“ -ich hasse dieses Wort- blasen ins gleiche Horn.
    Was ich problematisch finde ist, dass die Mehrheit, einschliesslich unserer Politik, Lösungen in einer Abschottung sucht und sieht. Ob das aus Dummheit oder wider besseres Wissen geschieht, mag ich gar nicht beurteilen. Ich führe hier auch nicht die gescheiterte DDR als Beispiel dafür an, dass sich Menschen nicht einsperren lassen. Es gibt nur einen Grund: Der Homo Sapiens ist was er ist, weil er seit einer Million Jahren genau so handelt: Er geht, wo die Bedingungen für seine Entwicklung nicht gut sind.
    Zeltlager und die mit den vielen Zuwanderern zwangsläufig auftauchenden Probleme könnten wir uns leicht ersparen, wenn die Gegenden, aus denen die Flüchtlinge kommen, wenigstens ein Minimum an Leben zulassen würden. Ich war dieses Jahr in Tansania. Dort gibt es Plätze, an denen „kann“ niemand leben. Und doch müssen es die, die keine Kraft haben wegzugehen.
    Wer gegen Fremde protestiert, muss das wissen. Wer will den Weggehern die Flucht verdenken, wenn sie ansehen müssen, wie ihre Angehörigen sterben? Sie ziehen nicht in die Welt, um in Saus und Braus zu leben, sondern unterstützen ihre Familien zu Hause. Fragt mal womit Western Union das meiste Geld verdient. Die grosse Mehrheit der Flüchtlinge tut nur, was der Rest der Welt nicht auf die Reihe kriegt: Den Hunger und das Sterben zu mildern.
    Dabei wären Lösungen so einfach. Afrika und Teile des Nahen Ostens, müssten ein eigenes „korruptionsfreies“ Staatswesen errichten und lernen mit den Gegebenheiten in ihren Klimazonen umzugehen. Man könnte grossartig leben auf dem Schwarzen Kontinent. Sobald die, die es können, es schaffen, dass Hilfe nicht mehr als Geld in den Taschen von Despoten verschwindet, dass die Schätze der Länder nicht mehr von Konzernen geplündert werden und dass Bildung die Mehrheit in die Lage versetzt für sich selbst zu sorgen, entziehen wir der Fremdenfeindlichkeit in allen Zuwanderungsländern den Boden. Denn dann und nur dann bleiben die Araber und Schwarzen bei ihren Familien und in ihrer Heimat. Wer will schon Haus und Hof und seine Lieben verlassen?

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