Oscar-Kolumne: Das ganze Universum in einem Tropfen

Ein Schritt zurück kann ein Fortschritt sein.

Wie im Fall von Michael Tallai. Der ist neuer Verlagsleiter der „Thüringer Allgemeine“ (TA). Solche Personalien bringen sonst nur ein paar dürre Zeilen in Branchenblättern. Herrscht doch ein Kommen und Gehen bei solchen Jobs – das Geschäft mit Tageszeitungen läuft schließlich nicht mehr so gut.

Nach eigenem Bekunden nagen die Eigner deutscher Verlage am Hungertuch. Das muss aus Samt und Seide sein, denn es wird auf astronomisch hohem Niveau gejammert. Die Funke-Gruppe (Essen), zu der die TA gehört, verbucht laut „Süddeutscher Zeitung“ immer noch zweistellige Gewinnmargen.

Könnten Deutschlands „Donald Ducks“ und Geldspeicher-Giganten Karl Albrecht und seine Neffen Bertolt und Theo jr. Albrecht sowie Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland) solche Ergebnisse verbuchen, dann würden sie orgiastische Partys feiern: Im Lebensmitteleinzelhandel ergötzt man sich schon an 2 bis 3 %.

Gerüchte vom baldigen Hinscheiden deutscher Zeitungsverleger sind also übertrieben.

Doch zurück zu Tallai: Ein Verlag ist sozusagen die Hardware einer Zeitung. Er sichert die technischen Voraussetzungen, kümmert sich ums Marketing, beschafft Anzeigen, organisiert den Vertrieb. Ein Verlagsleiter hat für das alles den Hut auf und zudem die Aufgabe, das dafür benötigte Geld aufzutreiben und sinnstiftend zu verteilen.

Die TA nun hatte seit mehr als 20 Jahren keinen eigenen Verlag mehr. Grund: Für gleich drei Tageszeitungen – die grüne TA aus Erfurt, die blaue „Thüringische Landeszeitung“ mit Sitz in Weimar und die rote „Ostthüringer Zeitung“ (einst lange Löbichau, nun Gera) – trat damals als Super-Service-Gesellschaft die „Zeitungsgruppe Thüringen“ (ZGT) auf. So unter einem (Verlags-)Dach vereint, bescherte das der ZGT eine überwältigende Auflage: Reichweite ist, was im Anzeigengeschäft zählt.

Kosten sparte zudem, dass statt eigenständiger Internetauftritte Online-Einheitsbrei serviert wurde. Ostern 2010 startete eine redaktionelle Text- und Foto-Tauschbörse – und damit das Projekt SED – „schlichtes Einheits-Druckwerk“ TATLZOTZ. So ließ sich außerdem weiter Personal abbauen.

Doch am Werbekuchen laben sich viele. Zunehmend wird daher das Geld der Abonnenten zum Gold der Printbranche. Doch selbst Leser mit Langmut reagieren mit Liebes- und Abbuchungsentzug, wird ihnen publizistischer Eintopf präsentiert.

Jetzt also kam Tallai. Der sagt Sätze wie: „Die Marke TA soll gestärkt werden.“ Ganz öffentlich. Was im tollen Thüringen eine kleine Revolution ist, hat anderenorts Schulterzucken zur Folge. Weil es eine Binsenweisheit ist: Zeitungen sollten immer Marken-Artikel sein. Profil haben. Unverkennbar im Inhalt, Stil und Aufmachung. So wie die „Thüringer Allgemeine“ einst einen Ruf hatte, ’ne Marke war. Bis sie im ZGT-Universum auf- und damit eher unterging.

In Tallais Adern fließt Journalisten-Blut. Er ist zwar kein Zeitungs-, aber wenigstens ein Nachrichtenmann: Der 46-jährige gebürtige Bochumer studierte in Bamberg. Seine Karriere bei diversen Nachrichtenagenturen führte ihn von Bonn nach Erfurt, wo er als Thüringen-Korrespondent arbeitete. Dann war er Chef des ddp-Landesbüros in Schwerin und ab 1998 Chefredakteur des neuen ddp-Börsendienstes in Frankfurt am Main. Ein paar Jahre später wechselte Tallai den Arbeitgeber und in den Vertrieb, übernahm die Verantwortung für das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für Osteuropa bei Dow Jones. Ab 2011 machte man ihn dort zu einem der Geschäftsführer.

Den Job als TA-Verlagsleiter – eigentlich ein Karriere-Knick – bezeichnet Michael Tallai als „Fügung des Schicksals“. Schließlich wohnt er schon seit 13 Jahren in Erfurt. Seine Frau und die beiden Kinder leben hier.

Tallais Erfahrungen beim Vermarkten digitaler Inhalte sollen nun die Bilanz der TA verbessern. Das Ende der Online-Kostenlos-Kultur naht: „Journalistische Inhalte sollte man nicht verschenken.“ Eine Bezahlschranke kommt. Nur wann? Tallai wehrt ab: Er sei noch nicht lang genug an Bord…

Aber er betonte immer wieder sein dringendes Interesse an „qualitativ hochwertigem Journalismus“. Das könne gern auf verschiedenen Kanälen angeboten werden. Die gedruckte Zeitung aber, die sei für ihn das Herzstück des Verlages, den er leite. „Das Lokale ist, wo wir stark sind. Und wo wir es bleiben müssen.“

Manchmal kann ein Schritt zurück auch ein Fortschritt sein.

Screenshot: Rainer Aschenbrenner

(Kolumne, veröffentlicht im “Oscar am Freitag”, Ausgabe Gotha, am 27. Juni 2014)

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