„Oscar“-Kolumne: DSDS – Deutschland sucht den Demagogen-Star…

’ne Westerwelle rauscht durchs Land. Als ob ein gieriger Greif überm Hühnerhof kreist, spektakelt deshalb alles durcheinander. Guido sollte man wegen seiner verbalen Hartz VI-Holzereien zum „Sturmgeschütz der Demagogie“ ernennen.

Rudolf Augstein – hoch droben im Publizisten-Himmel – möge mir vergeben: 1963 erkor er schließlich seinen SPIEGEL zum „Sturmgeschütz der Demokratie“, weil das Hamburger Nachrichtenmagazin Adenauer & Co. ordentlich (und vor allem öffentlich!) Feuer unterm rheinisch-selbstgefälligen Hintern machte.

Ganz anders Guido. Dem geht Demokratie keineswegs am Allerwertesten vorbei. Das sollte man dem liberalen Vorturner nicht unterstellen. Sicher wie’s Amen in der Kirche ist aber auch, dass der PR-Profi genau wusste, welch Hunde er von der Leine lassen würde.

Was üblicherweise in der heißen Jahreszeit im „Sommerloch“ das scheinbare Defizit an tatsächlich Berichtenswertem stopft, taugt jetzt zur schrägen gesamtdeutschen Winterfrust-Therapie. Dafür wird selbst CDU-Sozialromantiker Heiner Geissler reanimiert. Dass er allerdings den Esel mit dem FDP-Chef gleichstellte, ruft nun auch noch Tierschützer auf den Plan.

Westerwelle gibt mit Freuden den „Agent provocateur“. Weil seine außenpolitischen Missionen nicht halb so glanzvoll sind wie etwa die Choreographien des neuen CSU-Superstars Guttenberg. Der Theodor, der gute, schmeichelt der kämpfenden Truppe. Und streichelt zudem die Seele der geschundenen Bayern-Volkspartei, scheint schon deren künftiger Kanzler-Kandidat…

Der liberale Alleinvertretungsanspruch namens Westerwelle will innenpolitisch gegenhalten. Da schien das Thema Hartz IV genial. Absichtlich verzichtete der sonst so smart Daherkommende auf jede Diplomatie. Und deshalb geht jetzt jeder gegen jeden los: Vorzeige-Faulpelze tingeln durch Talkshows und machen sich über die malochende Mehrheit lustig. Leiharbeits-Sklaven klirren kriegerisch mit ihren Knebelvertrags-Ketten. Hartz IV-Armut wird voyeuristisch und einschaltquotenträchtig zur Schau gestellt. Geharnischte gewerkschaftliche Profi-Proteste tun gleiches mit der vermeintlich allgegenwärtigen hässlichen Fratze des nackten Kapitalismus. Das passiert selbst öffentlich-rechtlich. Volkes Seele kocht. Sogar gebührenfinanziert. Und wie erwünscht.

Die politische Un-Kultur Deutschlands zeigt sich aber nicht an Westerwelle. Vielmehr krankt dies Land seit Ende der 1960er Jahre daran, dass die politische Debatte verkommen ist. Man darf eigener Meinung sein. Aber nicht gegen jene, die zur öffentlich korrekten erklärt wurde: Wer der militärischen Strategie des Pentagons im Irak und Afghanistan nicht applaudiert, ist antiamerikanisch. Wer Israels Siedlungspolitik kritisiert, ein Antisemit und wer nicht für Minarette sammelt, ein Neonazi.

Und ich bin ein herzloses, egoistisches, kapitalistisches Ausbeuterschwein. Ein überzeugtes zudem. Schließlich beute ich mich als Freiberufler selbst aus…

Ich will, dass es sich lohnt, zu arbeiten. Deshalb sollten sittenwidrige Löhne ein Straftatbestand werden. Mindestlöhne taugen auch was. Aber nur, wenn Arbeit zu geben, sich ebenfalls rechnet: Seit Jahr und Tag steigen die Lohnnebenkosten. Deshalb werden Arbeitsplätze zum Exportgut großer Unternehmen. Kleine(re) können das nicht. Sind aber schon gleich gar nicht in der Lage, solch Aderlass an Arbeitsplätzen wett zu machen. Im Gegenteil; Schwarzarbeit boomt. Immer noch, immer mehr. Und die letzten, die beißen also die Hartz IV-Hunde. Wobei: Mancher, manche findet das nicht wirklich grausam…

Das nagt an allen öffentlichen Kassen. Deren Schwindsucht heilt scheinbar nur hemmungslose Schuldenmacherei. Auch meine Töchter werden’s ausbaden müssen…

Was also tut Not?

Eine offene Debatte. Eine, die möglichst alle Stimmen berücksichtigt wie jene, die keine Lobby haben. Denn die Lautesten sind selten die Lautersten. Neues, Anderes zu denken, darf kein Tabu sein.

Doch Debattieren allein nutzt nichts. Radikales ist nötig. Klientel beruhigende Kosmetik taugt schon lange nicht mehr.

Wissen wir alle! Wissen wir’s wirklich? Fehlte doch der Mut, es zu sagen, die Kraft, es zu wagen. Sollten wir aber haben. Sonst bleibt am Ende nur, dass eine Westerwelle durchs Land rauschte.

Und tags darauf war alles beim Alten.

(veröffentlicht im „Oscar am Freitag“, Ausgabe Gotha, am 26. Februar 2010)

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