Wort zum MUTwoch (22): Quassel, Dümmer, Kummer, Gammelin

Zeit war ’s, dass das Lebenspendel wieder seinen eigenen Rhythmus findet. Also wurde die Wortdrechslerei für ein paar Tage geschlossen.

Aufbruch zu den Meck-Pommes. Wortkarge Zeitgenossen. Nicht nur die echten Fischköppe; jene, die dem Meer Nahrung und Land abringen, dafür Liebe und Leben geben.

Auch das platte Hinterland bevölkert ein Menschenschlag, der kernig ist, tief in sich ruht. Oder kernig wird, wurzelt er lang genug hier. Wie Günter.

Günter ist Michaelas Mann – meine Freundin aus alten Studientagen. Nicht vor Gott oder einer Standesbeamtin versprochen, sondern einander. Einfach so. Aus Zuneigung und Liebe und all solch romantischer Herzenssachen, mit denen heute weder Geld, noch Staat zu machen ist.

Günter ist Künstler. Schon sein Leben lang. Doch jetzt erst, wenn auch seit ein paar Jahren, malt er Bilder. Die kaufen manchmal auch Leute. Aber dafür färbt Günter keine Leinwand. Er schmettert Farbe aufs Weiß, damit seine Gedanken, Ideen, die Fantasien und Befürchtungen Gestalt bekommen. So lässt es sich besser mit ihnen, wegen ihnen und über sie staunen. Reden mag er nämlich nicht, warum und wieso es ist, wie es scheint (http://www.kunstgriff-mueller.de).

Günter ist eigentlich Brandenburger, gebürtig aus Wusterhausen. Gründe, banale wie wirkliche, gab es in seinem Leben, dass er 1974 nach Gammelin kam.

Gammelin heißt nur so.

Und ist alles andere als das. Ein kleines, ordentliches Straßendorf, keine 20 km südlich Schwerins. Eines wie viele. Die heißen auch schon mal „Quassel“, „Kummer“ oder „Dümmer“.

Nach Eingemeindung des Nachbarfleckens hat Gammelin jetzt wohl 400 Einwohner. Eine schnuckelige Grundschule, für die die Kinder aus dem Umkreis angekarrt werden. Eine Freiwillige Feuerwehr, deren Rasen vorm Depot ausdrücklich NICHT als Hundetoilette ausgewiesen ist. Ein Dorfhotel „Zum Hahn“ mit einem Wirtinnen-Gatten, der besser kocht, als kommuniziert. Ein Dorf ohne Supermarkt und Bäcker, nicht mal einer Tankstelle. Dafür mit großer Tierpension. Und Kindern auf der Straße, die „Guten Tag!“ sagen zum Fremden auf der Bank, dessen Finger über seines Klapprechners Tastatur flitzen.

Gammelin ist für ein paar Tage das Auge des Hurrikans. UMTS kommt hier nicht vor und nach DSL fragte ich den „Hahnen“-Wirt erst gar nicht. Das spartanische Zimmerchen ist keine Klosterkemenate. Aber dicht davor.

Es stört mich aber nicht.

Zeit war ’s nämlich, dass das Lebenspendel wieder seinen eigenen Rhythmus findet. Was für ein Luxus, in der Zeiten Strom einzutauchen und sich hier treiben zu lassen?!? Auf dem Rad sich abzustrampeln. Katzen beim Rumbalgen zuzusehen. Und den Schwalben, die im Kunst- und Tiefflug all die kleinen Quälgeister wegfangen, die sich sonst an meinem Blut gütlich getan hätten.

 


Zeit auch, mit Günter über seine Bilder zu schweigen. Oder mit Michaela – ein klein wenig nur – der alten Zeiten zu gedenken: „Gibt ’s doch nicht; vor 30 Jahren hatten wir unseren Studienbeginn?“ Über unsere Kinder zu reden, wie sie groß geworden sind, über die Jahre.

Und dann reden wir endlich auch mal über uns. Was vom Leben wir noch erwarten. Was zu tun wäre und was zu unterlassen.

Zeit ist ’s nämlich, dass das Lebenspendel wieder seinen eigenen Rhythmus findet.

Mittwochs gibt es seit 29. Februar 2012 “Das Wort zum MUTwoch” im thueringen-reporter.

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

 

0 Kommentare

  • freudefinder (#)
    01.08.2012

    ja, da haben Lebenspendel wirlich eine Chance mal wieder gehört zu werden. Da ist wirlich die Zeit so wundersam stehen geblieben – irgendwie – herrlich

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