Wort zum MUTwoch (19): Schlaflos in …

Schlaflos in Birkigt.

Das wird nicht die MDR-Version jener berührenden Filmkomödie von Nora Ephron: Deren Geschichte einer Liebe auf Distanz, von der Kraft der Hoffnung, auch wahre Liebe finden zu können, war 1993 ein Kassenknüller, in dem Tom Hanks und Meg Ryan brillierten.

Schlaflos in Birkigt war einermeiner.

Und deshalb machte ich mich Sonntag morgens, kurz nach 5 Uhr, auf die Socken, Selbige – als modische Erbsünde – in Sandalen, da es an wandertauglichem Schuhwerk mangelte.

Ich kehrte dem Dörflein, wo wir aus Gründen der sippeninternen sozialen Interaktion aus Anlass eines runden Geburtstages verweilten, den Rücken. Auf einem asphaltierten Sträßchen – keine 15 km östlich von Saalfeld – trabte ich munter in den Sonnenaufgang. Ein Froschkonzert in Schilf-Moll lockte mich ins Grün. Lange her, dass ich solch aufgeblasenes Naturvolk beim Soundcheck erlebte. Wenige Schritte über die taufeuchte Wiese reichten, um Sandalen und Socken patschnass zu machen. Barfüßig tastete ich mich weiter in die noch schläfrige Natur.

Hinterm Weiher, auf dem Feld, hatte die Sonne schon den Morgendunst vernascht. Hoch oben am Himmel jubilierte deshalb offensichtlich eine Lerche. Tatsächlich; es war wirklich eine! Ich kenne mich mit Vögeln nicht so besonders aus. Aber dieser Singsang aus meiner Kindheits-Sommer bei den Großeltern in der Magdeburger Börde scheint unauslöschliche Erinnerung.

Weiter oben, am Waldesrain, stand eine Bank. Nicht mehr die jüngste, nicht mehr die stabilste. Als ich mich darauf hockte und sie vernehmlich ächzte, musste ich feixen: „Der geht’s wie Dir …“, zuckte es mir durchs Hirn.

Ich saß da bestimmt ’ne halbe Stunde.
Saß dort und tat nichts.
Außer schauen.

Wie im leichten Morgenwind der Klatschmohn mir ’nen Kussmund machte. Feuerte einen blauschwarz glänzenden Käfer an, der auf dem Rücken lag, dass er wieder das Oberste zuunterst bekäme. Beobachtete irgendwie entrückt-entzückt, wie ein Mücken-Weib sich begeistert auf meinen Arm stürzte. Der Mini-Vampirin Blutrausch war enorm. Ich ließ ihr eine Weile die Lust am Saugen. Dann habe ich sie dennoch erschlagen …

Verschiedenen Düften forschte ich nach, die meine Nase kitzelten. Nicht jeden konnte ich deuten, zuordnen: „Mein Gott“, dachte ich: „Wie ahnungslos bist Du bloß geworden!?!“

Fast benommen vom Sehen, Riechen und Fühlen trabte ich dann irgendwann Richtung Pension. Rechtzeitig genug eintreffend, denn mein Weib zeigte sich leicht beunruhigt, entwickelte erste Pläne für eine Rasterfahndung: „Stadtmensch bei Muttern Natur verloren gegangen“.

War er nicht.

Und die gut 5 km Naturparcour hinterließen zudem einen bleibenden Eindruck: Jetzt warte ich darauf, schlaflos in Gotha zu sein.

Mittwochs gibt es seit 29. Februar 2012 “Das Wort zum MUTwoch” im thueringen-reporter.


Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im „Oscar am Freitag“ in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – „Der Aschenbrenner hat das Wort“; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

 


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