Das Wort zum MUTwoch (28): Palaisianische Fantasien

Royal Collection 1840 verklAls ich dieser Tage am Gothaer Winterpalais vorbeilief, kamen ganz viele Erinnerungen hoch: Schließlich begann hier alles für mich, an einem schönen Spätherbsttag. An jenem 15. Oktober 1990 setzte ich erstmals meinen Fuß in dieses Gemäuer. Schon zu jener Zeit war es arg in die Jahre gekommen, hatte Schürfwunden und blaue Flecken an Dach- und Fassadenhaut und auch das Innenleben wirkte kaum noch aristokratisch. Dennoch spürte ich den ursprünglichen Charme, ahnte Geschichte und Geschichten dieses Hauses (Repro: Heinrich Schneider – Winterpalais, ca. 1840, Sammlung Prince Albert, Royal Collection Windsor Castle)

An diesem Tag, keine Stunde zuvor, hatte mir Sergej Lochthofen, der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“, den Ritterschlag verpasst und mich zum neuen Gothaer Lokalchef gemacht.

Nach sieben Monaten im Eichsfeld als Redakteur war Gotha eine wahre Herausforderung: Zum einen hatte ich nun die Verantwortung für die zweitstärkste Lokalausgabe. Damals bekamen noch rund 35.000 Abonnenten das Blatt. Manche erst am späten Nachmittag, weil zu den Zeiten noch die Postfrau die Zustellerin vom Dienst war.

Obendrein kabbelten sich just in Gotha mehrere Verlage im Kampf um Leser und Anzeigenkunden:
Die „Thüringer Allgemeine“ – meist noch „Volk“ geheißen – hatte es traditionell mit der TLZ zu tun – dem Blatt des kulturbeflissenen Bildungsbürgertums.

Neu vor Ort war zu jener Zeit – als beinahe goth’sches Eigengewächs – die „Gothaer Neue Zeitung“, die GNZ. Zunächst wöchentlich erschienen, wagten Geschäftsführer Horst Dünkel und seine Gießener Partner ab September 1990 den Start der Tageszeitungs-Ära.

Mit viel Grün als Schmuckfarbe hatte zudem die „Gothaer Tagespost“ als Abkömmling des Bielefelder „Westfalenblatts“ Fuß gefasst.

Und schließlich gab es die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ (HNA), die zu ihren Thüringer Hoch-Zeiten als „Mitteldeutsche Allgemeine“ (MA) in Gotha und auch in Eisenach, Mühlhausen und dem Eichsfeld erschien.

Fünf Tageszeitungen!
Nur Eisenach durfte kurzzeitig mit sechs Gazetten protzen.
So vielen wie sonst nirgendwo und nimmermehr im grünen Herzchen.

Es war der helle Wahnsinn, die blanke Freude, denn „Konkurrenz belebt das Geschäft!“ – für keine andere als die Medienbranche ist dieser Spruch zutreffender (siehe dazu auch meine „Oscar am Freitag“ Kolumne „Vielfalt adé“ vom März 2010)!

Zum anderen kam ich Grünschnabel mit gerade einmal 28 Jahren zur Ehre, ein recht großes Redaktions-Team leiten zu dürfen.

Ich erinnerte mich auch daran, dass schon sehr bald die Zeitungsgruppe Thüringen mit der Stadt verhandelte. Das Winterpalais kaufen, sanieren und als Pressehaus ausbauen – das war der Plan.

Deshalb, weil schon viele Jahre das Gemäuer die Lokalredaktion beherbergte wie auch dann ab 1990 die erste ZGT-Geschäftsstelle, in der Eddi Zelmer das Sagen hatte, den ich als Lokalchef beerbte.

Das Engagement für das Winterpalais war vielen TA- und ZGT-Leuten ernst. Ihr hartnäckiger Wille war es, das Haus vorm Verfall zu bewahren.

Aber die Vorstellungen darüber, wie hoch dafür der (Kauf-)Preis sein sollte, lagen zwischen der Stadtverwaltung und der ZGT weit auseinander. Die zog deshalb nach langem Verhandeln ihr Angebot zurück und wir fanden schließlich 1992 in den sanierten Räumen an der Ecke Garten- und Lutherstraße ein neues Zuhause.

Mit dem Winterpalais verbindet sich auch Kurioses: So hatte ich schon nach einer Woche die erste richtige „Story“ hier in Gotha: Am 27. Oktober 1990 blies Bürgermeister Werner Kukulenz außerplanmäßig zum medialen Sammeln. Den Grund dafür gab ein Mann namens Hans Weselowski. Der hatte einen Scheck über 7,2 Mio. DM für Kukulenz. Mit besten Grüßen seiner 87-jährigen Frau Mama, die in Gotha geboren, nun in Essen lebe und gern ihrer Heimatstadt was Gutes tun wolle.

Wir alle, die wir Zeugen des großmütigen Gebens aus dem Westen für den armen Osten wurden; wir alle waren gerührt. Und nicht im mindesten von Zweifeln geschüttelt: Schon Ende der 1960er-Jahre habe Weselowskis Mutter diese Schenkung testamentarisch fixiert, stand tags darauf in meiner Meldung. Die schaffte es gar auf Seite 1 der „Thüringer Allgemeinen“ und hatte eine Auflage jenseits der 300.000. Das war dann auch ein Grund, warum die Geschichte vom millionenschweren warmen Regen für Gotha ihre Kreise zog …

Auch der in Gothas Landen wohl bekannte Maik Sch. sorgte für palaisianische Aufregung, als er mit dem Shiguli seines Bruders die Hofeinfahrt erweitern wollte. Eine verbeulte Beifahrertür, ein herausgebrochener Sandsteinquader, ein erboster Denkmalschützer waren die Folgen. Was Maiks Bruder dazu sagte, ist nicht überliefert. Allerdings sind wir zwei beiden seit jenem Dezembertag 1990, als er als Volontär bei uns in der TA aufschlug, eine Art Gothaer „Ziemlich beste Freunde“.

Ein alternatives Jugendzentrum hatte im Winterpalais ebenfalls sein Zuhause. Unser Verhältnis war nicht immer das Beste. Zu verschieden die Auffassungen über Ordnung, Sauberkeit, Hygiene und Lautstärke der Musik. Einst kündete davon tagelang ein Transparent, gehisst zur Friedrichstraße hin: „Presse, halt die Fresse!“ verkündete es.

Dort im Winterpalais, vorn im Sekretariat, stand bis zuletzt ein Fernschreiber. Darauf setzten wir in den frühen 1990er-Jahren noch Meldungen an die Erfurter Redaktion ab.

Zu dieser Zeit packten wir übrigens unsere mit Schreibmaschine getippten Manuskripte, die Papierabzüge der Fotos und den Seitenspiegel in einen Umschlag, den unser Fahrer Siegfried, so er anwesend war, dann um die Mittagszeit zum Zug fuhr. Mit Bahnpost ging alles zum Erfurter Bahnhof und von da dann ins Verlags- und Druckhaus am Gagarin-Ring. Das hieß aber auch, dass die Montagslieferung erst am Mittwoch zu lesen war …

Die Blei-Zeit endete bald. Noch im Winterpalais erlebten wir die ersten Segnungen der digitalen Welt: Das erste Fax-Gerät löste Verzückung aus. Das Analog-Modem allerdings nicht: Damit sandten wir Texte. Stunden vergingen, um die für eine Seite zu übertragen. Nicht immer klappte das zu 100 %. Dann musste wieder von vorn angefangen werden.

Im schlimmsten Falle wurden die vorsorglich getippten Manuskripte in einen Umschlag getan und ein „reitender Bote“ sattelte seinen PKW und fuhr sie nach Erfurt …

Winterpalais_Entwurf_02All das ging mir durch den Kopf, als ich an der schicken Plane von MB Design (mit Winterpalais-Wurzeln!) vorbeiging, die eine Ahnung des künftigen Schmuckstücks gibt, die das Gemäuer bald wieder sein wird (Abb.: Entwurf, veröffentlicht auf gotha.de).

Das alles aber sollte nicht nur in Köpfen bleiben. Gebäude verschwinden. Mit ihnen diese Geschichten, die ein ganz eigenes Stückchen unseres kollektiven Gedächtnisses sind.

Ohne das werden wir aber einst nicht mehr wissen, woher wir kamen.
Nicht sicher sein, wer wir sind.

Und am Ende keinen Plan haben, wohin wir gehen wollen, sollen.

(Bilder vom Abriss des „alten“ Winterpalais hat Michael Neue aka noise auf seiner Seite noise-fotografie.de veröffentlicht.)

 

0 Kommentare

  • Heidje (#)
    18.09.2012

    ist es denn wünschenswert, dass eine Lokalredaktion fürstlich logiert? Die Presse-Mitarbeiter neigen doch dazu sich für was besseres zu halten. Und dann noch in dem edlen Ambiente?

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