Das Wort zum MUTwoch (30): Kontaktabzüge der Seele

Peter Lindbergh. Baujahr 1944, Fotograf. Vorigen Sonntag sah ich ein Porträt über ihn („Peter Lindbergh und die Frauen“, arte, Magazin „Square #30“).

Er ist einer, der mich immer wieder inspiriert. Nicht ausschließlich fürs Lichtmalern. Dieses Handwerk (und Fotografieren ist zunächst dies!) beherrsche ich schließlich nur unzureichend. Bin da noch Lehrling und für jeden Tipp, für jede Chance, mit den Augen zu stibitzen, dankbar …

Nein. Es ist vor allem die Art, WIE Lindbergh daran geht, Frauen ins rechte Licht zu setzen. Das berührt mich. Sie sind – selbst, wenn sie nackt sind – nie entblößt. Dafür macht sich Lindbergh jedes Mal sichtlich aufs Neue auf die Suche nach ihren wahren Wesen, nach ihrem Ich. Dem „INMIR“. Jenem Kontaktabzug der Seele. Den die meisten von uns – ich eingeschlossen – liebend gern vor fremden Augen verbergen wollen.

Er hat alle vor der Linse gehabt. Alle Stars. Alle Schönen dieser Welt. Aber er hat keine von ihnen geschönt. Photoshop verabscheut der Autodidakt. Seine Schnappschüsse bannen unglaublich oft den einzigen wunderbaren Moment, da selbst Supermodels wie Milla Jovovich, Linda Evangelista, Naomi Campbell, Claudia Schiffer nur ganz bei sich sind. Es muss des Fotografen unglaublich behutsame Art, sein nach- und mitfühlender, achtsamer Umgang sein, der selbst solchen Diven erlaubt, aus freiwilligen Stücken ganz und gar ihr Innerstes offen zu legen. Und sie lassen Lindberghs Kamera so nah an sich, dass man begreift: Tatsächlich sind die Augen eines Menschen der Spiegel seiner Seele. Ein Blick auf seine Homepage lohnt deshalb allemal.

Während ich mich also in der Mauerstraße auf dem Laufband physisch konditionierte, tat dies Lindbergh mit meiner Psyche. Mit gewisser Koketterie – wohl wissend darum, dass seine Kompetenz, seine menschliche wie künstlerische, inzwischen unangreifbar ist -, flocht er wie beiläufig zwei Sätze ein, die mich elektrisierten: „Man sollte es vermeiden, professionell zu werden. Ich bin ein Amateur geblieben, der jeden Tag versucht, so gut wie möglich noch einmal von vorne anzufangen.“

Jeden Tag versuchen, so gut wie möglich noch einmal von vorne anzufangen?

Lindberghs Worte ohrwurmten mich anschließend stundenlang. Ich bekam sie nicht aus dem Sinn. Sie purzelten durcheinander, pochten an die Stirne, kullerten mir manchmal halblaut über die Lippen.

Jeden Tag versuchen, so gut wie möglich noch einmal von vorne anzufangen. Genau das ist es, was wir tatsächlich tun sollten. Alle und jeden Tag. Raus aus eingefahr’nen Gleisen!

„Haben wir immer schon so gemacht …“ Kennt jeder, diesen Spruch, der wahlweise die Galle hochkommen oder die Schultern zucken lässt. Gewisse Routinen mögen nützlich im Alltag sein. Aber Routine macht blind und taub und stumm und verzehrt die Gier auf Neues, erstickt Kreativität. Routine ist kein Zeichen von Professionalität. Im Gegenteil. Routine schafft das Einerlei im Alltagsallerlei. Ich wusste schon öfter freitags nicht mehr, was ich am Montag getan hatte. Es kam sogar vor, dass abends die Erinnerungen daran verblasst war, was mich morgens noch bewegte. Hamsterradeln stumpft aber ab. Macht taub für die Signale des Nächstens, sogar der oder des Liebsten.

Deshalb habe ich mich schon vor einiger Zeit auf den Weg gemacht. Ich „erfinde“ mich nicht neu. Versuche nur, nicht mehr so oft in antrainierte Rollen zu fallen. Probe, das Irrlichtern zwischen selbstverordneten und fremd bestimmten Klischees einzugrenzen. Damit ich mich nicht weiter verlier’ dazwischen. Vermisse sehr den kleinen Hosenscheißer, den großen Staunemann, der ich mal war. Bin aber – auch dank Lindbergh! – optimistisch, dass ich ihm jetzt schon deutliche näher bin als noch vor Monaten.

Übrigens: Wer „Square“ mit Peter Lindbergh selbst sehen will – bis zum 30. September kann man das hier! Sehr zu empfehlen!

Mittwochs gibt es seit 29. Februar 2012 “Das Wort zum MUTwoch” im thueringen-reporter.

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

 

0 Kommentare

  • Bernd Seydel (#)
    26.09.2012

    Danke für den Film-Tipp mit Peter Lindbergh. Ja, der Mann ist einfach fantastisch. Und das schönste Detail: Er ist AUCH ein Canon-Fotograf.

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