Das Wort zum MUTwoch: Malträtierter Mundwerker

Klar: Als manischer Mundwerker gelte ich manchem als Maulheld. Ist nicht ganz falsch. Deshalb stört es mich kaum. Eine große Lippe zu riskieren, gehört zum Beruf. Zum Aschenbrenner sowieso.

Das schon, als der noch ein Hosenscheißer war und „Klug“ hieß. Damals gab es einen „Konsum“ gegenüber. Dort erledigte ich gelegentlich Einkäufe. Mit Nebenwirkungen. Die Konsum-Girls waren über jedes familiäre Detail bestens informiert. Ich war der Mark Zuckerberg von Bernsdorf.

Ein Hang zur Geschwätzigkeit assistierten mir anschließend Zeugnisse. Doch das focht „die Brillenschlange“, wie die freundlichste aller Schulhof-Hänseleien hieß, nicht an. Man kann auch sagen: Ich war beratungsresistent. Trotzdem wurde ich kein Politiker, sondern – auf Umwegen – Wortdrechsler und Satzfädeler.

Das Maul aufzureißen, vergeht mir nur, gerate ich in die Fänge von Dentisten.

Zahnärzte verursachen mir schweißtreibende Alpträume. Feuchte Hände. Rasenden Puls. Angstgeweitete Pupillen. Ihre Folterhöhlen lösen unbändigen Fluchtreflex aus: Da können Innenarchitekten feng-shuiisieren, wie sie wollen. Mein Ying und Yang pendelt dort niemals auf „ommm“-Niveau ein.

Manchmal aber muss es sein. Wie Montag. Die erste Halbzeit meines Lebens ist gemeistert, für die zweite rüste ich mich. Damit ich auch morgen noch Biss habe, sind Sanierungsarbeiten nötig. Der Verlust von Zähnen ist zu beklagen: Nicht, weil aus Mangel an verbaler Selbstverteidigung mir einer die Kauleiste tiefer gelegt hätte. Zuerst hatte ich kein Glück und dann kam noch Pech dazu …

Der fehlende Eckzahn war bisher problemlos, weil überbrückt. Jetzt aber empfahl mir die Zahnärztin meines Vertrauens ein Implantat.

Ich hörte und gehorchte. Schließlich ist sie auch die Schwester meiner Gattin. Und Aschenbrenner-Weibern widerspricht man nicht.

Voruntersuchungen und Krankenkassen-Papierkrieg waren erledigt. Also suchte ich nach schlafloser Nacht, nüchternen Magens und mit einem flauen Gefühl dort den von ihr empfohlenen Kieferorthopäden auf.

Zunächst verpasste mir eine müde und deshalb brillant gelaunte Schwester blaue Überzieher für die Straßenschuhe. Dann hieß sie mich, auf einer Liege Platz zu nehmen. Die ähnelte dem edelstählernen Seziertisch des Münsteraner „Tatort“-Pathologen Professor Boerne – allerdings verunstaltet mit einem schwarzen Kunstleder-Kondom. Ich suchte eine wenigstens nicht schmerzhafte Liegeposition. Während dies erfolglos blieb, ratterte die giftgrün gekleidete Häubchenträgerin runter, welche Dinge ich nach der kleinen OP in den nächsten 14 Tagen zu unterlassen hätte.

Da sie so ziemlich alles andere explizit nannte, was üblicherweise erwachsene Menschen tags wie nachts treiben – außer Sex -, fragte ich genau dies nach. Ich denke, Dr. W. hätte sich seine Lokalanästhesie sparen können – ihr Blick gefriertrocknete sämtliche Körpersäfte.

Dr. W. piekste mich dennoch. Nur gut! Alsbald erreichte mein rechter Mundwinkel das Niveau eines Merkel-Lächelns. Augenwasser rann grundlos, die Nase schien verstopft. Die Zunge wirkte – nach Miroslaw Klose – wie ein Kadaver. Dann begrub das freundliche Schwestermonster mein Gesicht unter einer moosgrünen, geschlitzten Stoffmaske. Nicht aus ästhetischen Gründen, wie sich bald herausstellte.

Zumindest sah ich so nicht, welche Baumarkt-Artikel zum Einsatz kamen. „Pfff-pff-dong“ machte die Sauger-Pumpe. Die Schwester rammte mir das Teil gefühlt bis in den Dünndarm. Noch während ich würgte, knirschte etwas in meinem Kopf. Das Geräusch brechender Knochen kenne ich. Unmittelbar neben mir wurde einem Fußballer das Schienbein durchgehauen. Das war zwar vor Jahren. Aber dieses besondere Bersten ist mir seither unvergesslich. Nach dem Einsatz eines Meisels kam die Stunde des Bohrers. Niedrigtourig laufend, fräste er sich knirschend in meinen Oberkiefer. Im routinierten Ballett testete abwechselnd der Doc die Belastbarkeit meines Knochen und hernach die unbarmherzige Saugerin meinen Brechreiz. Dann versenkten Hammerschläge etwas in mir. Rrricks, rrricks, rrricks – eine Ratsche gab dem Ganzen nötigen Halt. W. vollendete dann nadel- und fadenführend seine Handarbeit.

Noch während er sein Werkzeug verstaute, hieß mich Schwester Erbarmungslos, aufzustehen. Pudding in den Knien erschwerte das. Aber ich wollte mir keine Blöße geben. Noch ein Röntgenbild zum Schluss, das den handwerklich perfekten Eingriff dokumentierte. Dann wurde ich mit neuem Termin in drei Monaten und einer Handvoll Schmerztabletten entlassen.

Fast 48 Stunden danach sind beide Gesichtshälften von nahezu identischer Größe. Der Rest-Montag und der gestrige Tag sind mir nur verschwommen in Erinnerung. Die erste Nahrungsaufnahme seither heute Morgen war göttlich: Ich wusste gar nicht, welch Köstlichkeit in lauwarmen Kaffee getunkter Weißbrotteig sein kann.

Ich frage mich mit abklingenden Leiden nur eines:
Eigentlich finde ich Zahnlücken sexy.

Warum – zur Hölle! – nur nicht an mir?

(Mittwochs gibt es “Das Wort zum MUTwoch” im thueringen-reporter)

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