Das Wort zum MUTwoch (98): Es grünt so grün …

In den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren sammelten die Gothaer Geld. Viel hatten sie nicht. Dennoch trugen sie ihren Beitrag dazu bei, um einen Traum wahr werden zu lassen: Das Stadttheater sollte wieder aufgebaut werden .(1)

Anderes war damals auch wichtig. Sogar viel wichtiger, denn es ging oft ums tägliche Überleben.

Trotzdem zückten sie die schmalen Geldbeutel und taten Groschen für Groschen dazu.

Kleinvieh macht auch Mist.
Und eine gemeinsame Vision schweißt zusammen.

Der Wunsch, dass Theater aus Ruinen auferstehen zu lassen, war nämlich nicht zuerst ein demonstrativer Akt, kulturelle Traditionen aufrecht zu erhalten. Ich glaube vielmehr, er hatte damit zu tun, die Identität zu stärken, das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Und sicher war auch der Wunsch Vater des Gedanken, die „guten, alten Zeiten“ wiederauferstehen zu lassen. Dieses Ansinnen begegnete mir oft in der Generation meiner Großeltern. Auch, weil es schien, dass man auf diese Art etwas ungeschehen machen könne, was dennoch nicht ungeschehen zu machen war.

Sonntag morgen musste ich an die Groschensammler und –geber von einst denken. In einer meiner Facebook-Lieblingsgruppen „Du bist Gothaer, wenn …“ postete ein ausgewanderter, gebürtiger Gothaer eine Postkarte. Sie zeigte die Gartenstraße vom heutigen Suttnerplatz aus. Als sie diesen Namen noch verdiente (Foto oben).

Seit 1990 hat sich viel in der Stadt getan:
Es wurde entkernt und neu gebaut.
Es wurde saniert und restauriert.
Es wurden große Träume geträumt und auch wieder begraben.

Anstelle des 1958 abgerissenen Stadttheaters hatte man in den 1960er-Jahren ein Hochhaus gebaut. Das sollte ursprünglich ein Hotel werden – für das ehrgeizige Vorhaben, die Olympischen Winterspiele nach Oberhof zu bekommen.

Das klappte nicht.

Die „Wermut-Säule“ wurde Wohnhaus. Eine eher ungeliebte Landmarke. 1998 knabberten sie Bagger weg. Doch kein Kunst-, sondern ein „Konsum-Tempel“ entstand an ihrer statt. Wie bezeichnend! Dass das Kaufhaus obendrein wie eine verunglückte, hässliche Imitation einer einst großartigen Architektur aussieht, sei nur am Rande erwähnt.

In den 1960er-Jahren beraubte man auch der Gartenstraße das Grün. Dass sie eine breite Magistrale werde, auf der man noch schneller in die gelobte sozialistische Zukunft gelange. Dafür starben Bäume, wurden auch Hausfassaden beschnitten. Ein Frevel ohnegleichen, wie sich z. B. unschwer an jenem kastrierten Gebäude sehen lässt, in dem heute die Raiffeisenbank Gotha eG sitzt.

Man kennt die Gartenstraße derweil nicht anders: Eine Schneise quer durch den Stadtleib. Eine Drainage für den Individualverkehr, den – wie eine Rechtfertigung für die ÖPNV-„Vernunft“ – schamhaft die Straßenbahngleise spalten dürfen.

Wäre der „Glitzerpalast“ gekommen, hätte die Magistrale zumindest an ihrem westlichen Ende den (An-)Schein eines weltstädtischen Quartiers dank nächtlichen Neonscheins bekommen – als Gothas Kuh-Damm.

Nun scheinen die Karten neu gemischt.

„Großgrün“, wie Stadtplaner-Sprech Bäume nennt, sollte ja schon einmal die Narbe im Stadtgesicht kaschieren. „Zu teuer“, hieß es damals. Hat der Stadtrat tatsächlich darüber mal in Ruhe und mit Weitblick beraten?

Was wäre, wenn wir uns und der Stadt die Gartenstraße zurückgäben, wie sie einst war? Nicht auf einmal, sondern immer dort, wo es gerade die Grundstücks- und Eigentümerlage erlaubt. Es wird auch auf beiden Straßenseiten nicht nahtlos gehen.

Was wäre, würde die Stadtplanung mal kühn und anders denken? Und brauchen wir tatsächlich noch eine Autobahn inmitten der Stadt?

In den frühen 1990er-Jahren gab es die Idee eines Einbahnstraßenrings um die Altstadt. Kaum geboren, hieß es: „Geht nicht.“ Angeblich würde dies mehr Verkehr erzeugen als wir ohnehin schon haben, weil die Leute – im Kreis fahrend – Parkplätze suchen würden.

Heißt es nicht, „Gotha adelt“? Ihro Durchlaucht Herzog Ernst I. lobpreiste seine Untertanen einst über den grünen Klee: Im Gothaer Land seien selbst die Bauern schlauer als anderenorts die Edelleut’. Fühlen sich da nicht Stadt-, Verkehrs-, Grün- und sonstige Planer an der Ehre gepackt?

Einen ersthaften Versuch ist es doch wert, zu heilen, was andere zerstörten: Würde man z. B. Patenschaften für Bäume ausschreiben – es fänden sich Leute dafür. Und es wären sicher nicht nur die ausgewanderten, ehemaligen Gothaer, die helfen wollten, ihrer Stadt so Wiedergutmachung angedeihen zu lassen.

Ich wäre auf alle Fälle auch dabei. Obwohl ich „nur“ seit 1990 Gastarbeiter in Gotha bin 🙂

Anmerkungen:
(1) Der klassizistische Bau, der auch das „Neue Theater“ hieß, entstand nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel und wurde durch den Gothaer Architekten und Geheimen Baurat Gustav Eberhard realisiert. 1840 war es eröffnet, im April 1945 durch einen Brand schwer beschädigt worden.

 

0 Kommentare

  • Petra (#)
    16.01.2014

    Lieber Rainer, hat Dich die Gartenstraße zur „Kuh-“ inspiriert? Dabei kommt ja die abgeleitete Abkürzung vom Kurfürstendamm her…..

    • Rainer Aschenbrenner (#)
      16.01.2014

      „Kuh“ war Absicht, um den kleinen Unterschied zwischen dem weltstädtischen Kurfürstendamm und der ländlichen Gartenstraße deutlich zu machen 🙂

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