Das Wort zum MUTwoch (87): „Du bist Gothaer, wenn …“

Susann Hill lebt in Hamburg. Ihre Thüringer Wurzeln verleugnet sie nicht. Ganz im Gegenteil. Sie ist ihrer Heimat auf ganz besonderer Art und Weise zugetan.

Am 24. Juli 2012 gründete sie auf Facebook die Gruppe „Du bist ein Gothaer, wenn …“  Folgte damit einem Trend. Solche „Ich liebe meine Heimat“-Gruppen fanden sich urplötzlich zuhauf.

Deren Mitglieder gehören nicht zum ganz jungen Gemüse. Und repräsentieren damit einen erstaunlichen Wandel, den das „Gesichtsbuch“ gerade durchmacht. Es entwächst seinen Kinderschuhen.

Über 25 Millionen Menschen sind hierzulande dabei. Deren Durchschnittsalter nimmt behutsam zu und liegt bei 38,7 Jahren. Das ermittelte das US-Unternehmen „Socialbakers“.

Das ist beileibe keine deutsche Besonderheit. Die sogenannten Industrie-Nationen altern halt unaufhaltsam.

Susann Hill ist zudem eine vorbildliche Facebookerin. Sie achtet darauf, welche persönlichen Daten sie öffentlich macht. Typisch weiblich – mit besonderer Sorgfalt bewahrt sie ein entscheidendes Lebenslauf-Detail vor allzu großer Verbreitung. Nämlich ihr Geburtsjahr. Indizien lassen aber schlussfolgern, dass sie sicherlich ziemlich genau dem Altersdurchschnitt auf Facebook entspricht.

Zwar liege ich da unwesentlich drüber. Bekomme aber dennoch seit Wochen Einladungen, zum „Seniorbook“ zu wechseln. Es sei das „erste wirklich soziale Netzwerk“. Sagen zumindest jene, die im September 2012 in München das Knöpfchen drückten und den „Facebook-Killer für Silver–Surfer“ online schalteten.

Doch zurück zu Susann und ihrer Gruppe: Kaum gegründet, kamen die Leute scharenweise. Viele wie Susann, die nicht mehr in Gotha leben. Etliche auch ein wenig älter. Und eine ganze Menge Menschen, die unglaubliche Schätze ihr Eigen nennen.

Fotos aus Familienalben, Postkarten, Reproduktionen und mancher Internet-Fund werden emsig mit der Gemeinde geteilt. Nicht immer unter Rücksichtnahme auf Urheberrechte. Aber wo kein Kläger …

Wird etwas gepostet, finden sich unter den derzeit fast 1.300 Gruppenmitgliedern sofort welche, die zuordnen, Erklärungen geben können. So erfährt auch jemand wie ich, der erst seit 23 Jahren Gast-Gothaer ist, viel Neues. Deshalb kann man mit dem Laptop auf den Knien ganze Abende und halbe Nächte zubringen.

Richtig amüsant sind vor allem die kleinen Geschichten, die ans Licht der Öffentlichkeit gelangen und sonst niemals bekannt geworden wären: Schnurren über Gothaer Originale wie „Erbse“, der angeblich seinen Kopf der Charité vermacht haben soll. Gothaern wohl bekannt, weil er samt Karren durch die Stadt kurvte, den man hierzulande „Stolzer Willi“ nannte. Warum auch immer …

Geklärt wird, was „Quickser“ sind. Wer Herr Dunkel, „der große Mann auf dem Fahrrad“ war. Und man lernt geheimnisvolle Orte wie den „Känguruberg“ kennen, wahlweise auch als „Gold-“ oder „Schuldenberg“ benannt.

Bekommt Einblicke in die Gothaer Kriminalgeschichte. Nicht nur der Verbleib berühmter Gemälde ist ungeklärt. Auch, warum eines schönen Tages in den 1970er-Jahren ein Chinese mit eingeschlagenem Schädel in seinem Laden am Brühl lag …

Mister „Yesterhit“, der Mann aus dem Radio namens Dirk Sipp, postet emsig aktuelle Fotos; schick und farbenfroh. Andere wie Max, der Kater, der eigentlich eine taffe Frau ist, tun das auch. Und die nächsten stellen dann historische Aufnahmen dazu.

Kurzum; diese Gruppe schafft etwas unerhört Wichtiges – das kollektive Gedächtnis der jüngeren wie auch der schon etwas älteren Zeitgeschichte Gothas. Jeden Tag, mit fast jedem Eintrag wächst es. Ohne wissenschaftlichen Anspruch, aber mit enormem Engagement.

Und dafür sage ich an dieser Stelle mal gaaaanz lautstark: Danke! Verbeuge mich vor allen, die da mittun, ziehe meinen Hut und habe nur eine Bitte:

Nicht nachlassen und macht weiter so!

 

 

 

 

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