Das Wort zum MUTwoch (85): TopfZopfZwang

Dem Morgen graut, schaut er derzeit ins Gesichterbuch. Auf Facebook scheint vorfristig Halloween zu sein: Ungezählte Menschenmägdelein und einige Knäbelein outen sich und die Folgen frühkindlicher familiärer Fehlentwicklungen. Fotos zeigen dramatische Momente menschlicher Metamorphosen.

Rudelweise Rotkäppchen sind zu sehen. Alle scheinbar von der gleichen Kostümschneiderei ausstaffiert. Die lieferte auch Vorlagen, mit denen männliche Arbeiter- und Bauernstaat-Saat zu Indianern oder Cowboys wurde. Ansonsten brave Bürschchen gaben begeistert den bösen „Bashan“: 1968, im ersten DEFA-Western namens „Spur des Falken“, brillierte Rolf Hoppe in der Rolle des fiesen Finsterlings.

Ich hingegen machte auf guten Indianer. Wollte Gojko Mitić folgen und eine heldenhafte Rothaut sein. Dieser Versuch war einmalig und endete im Fiasko: Klein-Rainerle ward nicht „Häuptling Weitspähender Falke“ oder „Chingachgook, die große Schlange“ geheißen. Trotz filigranen Feder-Zierats auf dem Kopfe machte das krasse Kassengestell aus mir und für immer eine „Brillenschlange“.

Man sieht: Generationen von Ossis hängt also nicht nur der Töpfchenzwang an. Selbst eine einheitliche Kostümierung begleitete unsereins durch den realsatirischen Sozialismus – und sogar darüber hinaus!

Denn während unschuldsweiße Pionierblusen und blaue FDJ-Oberteile, grässliches GST-Graugrün oder der Pferdedecken-Charme der Nationalen Volksarmee nach 1990 – vorübergehend zumindest – von der Bildfläche verschwanden, galt das nicht für jene komische Camouflage, die in der 5. Jahreszeit zu tragen war. Beim Faschings-Fummel dauerte der Vereinigungsprozess sichtlich länger, wie eben derzeit auf Facebook zu begutachten ist.

Nun herrscht ja grundsätzlich gesamtgesellschaftliche Gewissheit darüber, welche Konsequenzen kollektives Kacken hatte. Die Deutungshoheit zur Karnevalskostümierung hingegen ist noch offen.

Rotkäppchen als Frauen-Ideal? Mädels, die sich auf die Rolle fürsorglicher Enkelinnen reduzieren lassen? Doch wohl eher nicht!

Wuchsen da vielleicht Begehrlichkeiten nach dem Wolfe? Öffnete sich da das „Unbewusste“ bei den Müttern, jene von Sigmund Freud beschriebene feucht-heiße, geheime Kammer? Steckten sie deshalb ihre Töchter ins Kostüm der koketten Kopfputzträgerin, die mit Haut und Haaren gefressen wurde?

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Bertolt Brecht ist immer gut, die Kurve zu kriegen.

Und in 26 Tagen haben die Narren wieder das Sagen.

0 Kommentare

  • Christina Schütze (#)
    17.10.2013

    Schön geschrieben. Vielleicht kommst du am Freitag zur Buchlesung in das Hotel
    „DER Lindenhof“. Florian Sitzmann liest aus seinem Buch: „DER HALBE MANN“.
    Beginn: 19.00 Uhr. Ich würde mich sehr freuen, wenn du kommst.
    Gruß Christina

    • _Der|Aschenbrenner_ (#)
      17.10.2013

      Moin, Moin Christina;
      danke fürs Lob und die Einladung.
      Da ich aber Freitag in Berlin bin, kann ich nicht bei der Lesung dabei sei.

      • Christina Schütze (#)
        18.10.2013

        Moin lieber Rainer,
        schade, dass du verhindert bist.
        Berlin ist schön. Ich war vor vielen Jahren mal dort.
        Viel Spaß & Mach schöne Bilder zum Anschauen.
        Mal sehen, vielleicht kaufe ich heute Abend ein Buch
        von Florian Sitzmann, wenn er mir sympathisch ist …
        Alles Gute für dich. Herzliche Grüße Christina 🙂

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