Das Wort zum MUTwoch (84): Frage der Perspektive

Einer meiner Lieblingssongs von Grönemeyer ist „Kinder an die Macht“. Nichts als die reine Wahrheit nuschelte Herbert, als er diese Verse aufs Papier bannte.

Die Welt mit Kinderaugen sehen. Mir scheint, das sollten wir Großlinge uns tatsächlich regelmäßig verordnen. Perspektivwechsel tun gut.

Ich erlebte es dieser Tage. Kehrte nach Bernsdorf zurück; an jenen Ort, an dem ich 45 Jahre zuvor eine Riesen-Zuckertüte schleppte und fast vor Stolz geplatzt wäre: „Hurra, ich bin ein Schulkind …“

Unsere klassenbesten Fürsorgerinnen Marion und Petra hatten wieder einmal die heimwehische Leimrute ausgeworfen. Ich ging ihnen bereitwillig ins Netz – auch, weil ich schon seit Jahren nicht mehr mein Elternhaus von innen gesehen hatte.

Lang hielt es mich dort aber nicht. Die Neugier war zu groß. Was war wohl aus den Orten geworden, die meine Kindheit prägten?

Prompt waren die Erinnerungen ans Rodelvergnügen auf dem Koksberg wieder da. Dort traf man sich. Zeigte als nicht mehr ganz Kurzer den anderen, dass sie den Kürzeren ziehen würden, machten sie nicht „Bahn frei mit Kartoffelbrei“. Also stürzte auch ich mich dort wagemutig mit ‘nem alten Schlitten zu Tale. Ein- wie blauäugig. So zerschellten am erstbesten Hindernis der Rodel und meine Träume, ein großer Rennrodler wie der gebürtige Waltershäuser Klaus-Michael Bonsack und Thomas Köhler zu werden, die gerade Olympia-Gold geholt hatten.

schraubendampferEin paar Schritte später flimmerten in meinem Kopfkino meine tollpatschigen Versuche, auf dem Schmelzteich und mit „Schraubendampfern“ (Foto, v. a. für die Generation Web 2.0) elegant übers Eis zu gleiten. Wollt ich doch mit den anderen Jungs dem Puck hinterher jagen! Ich war auch talentiert. Allerdings nur darin, mit traumwandlerischer Sicherheit stets die dünnsten Stellen des noch spröden Eises zu finden, um grandios einzubrechen.

Mir Esel ging es dennoch unbeirrt weiterhin zu gut, so dass meiner Mutter ein ums andere Mal bang wurde.

Wieder einen kurzen Weg weiter – eine Industriebrache. Nicht viel ist geblieben vom „Eisenwerk“. In dessen Kantine löffelte ich meine erste Soljanka aus. Der Beginn einer großen Freundschaft. Unser Familien-Rezept auf meinem Blog ist mit Abstand der meist gelesene Beitrag.

Um die Ecke duftete es so was von verführerisch… Wie früher schon. Als Ältester im Geschwisterrund‘ daheim gehörte die Radtour zum Zwecke des Broterwerbs und zu „Bäcker Ermer“ zu den Pflichten. Zu den tatsächlich geliebten: Der Knust, das Ränftlein, war die geile Gage, die ich gierig genoss. An den backofenheißen Brotenden verbrannte ich mir deshalb regelmäßig die Gusche. Ertrug dafür dann auch die rüden Rügen daheim, waren meine alten Herrschaften angefressen wegen des angefressenen Brotes.

Je mehr Orte der Kindheit ich sah, desto stärker wurde mir klar: Unterschiedlicher konnten Raum und Zeit nicht sein, wie sie dem neunmalklugen kleinen und nun dem angegrauten Rainer vorkamen:

Als klugscheißender laufender Meter brauchte ich für den knapp 1,5 km langen morgendlichen Schulweg meist recht viel Zeit. Da war fast jeder Meter unglaublich spannend.

Gleich um die Ecke gab es einen Spielzeugladen. Dort drückte ich mir immer die Nase platt. Daneben ticktackte eine große Uhr, wie sie in Bahnhöfen hing, durch die Zeit. Der gleichmäßig hüpfende Sekundenzeiger hatte magische Wirkungen auf mich. Mich von ihm zu trennen, fiel schwer.

Wieder ein paar Schritte weiter rauschte „mein“ Amazonas. Dabei war er ein trübes Rinnsal, dieser Saxonia-Graben.

Die riesige Stieleiche neben dem Buchladen raunte mir geheimnisvolle Geschichten zu. Auch solche, die sich die Erwachsenen nur hinter der Hand über die Villa gegenüber und deren oft wechselnde Eigentümer erzählten …

Kurzum. Das Leben war unerforscht. Jeder Tag spannend. Abends fiel ich hundemüde ins Bett. Träumte mich in die Zukunft. Tags darauf eroberte ich mir ein neues Stückchen Welt.

Und war glücklich.

Die Welt mit Kinderaugen sehen. Mir scheint, das sollten wir Großlinge uns tatsächlich regelmäßig verordnen. Denn Perspektivwechsel tun wirklich gut.

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

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