Das Wort zum MUTwoch (78): HalbZeitReisen

Da ist es also wieder: Das Fernweh.

Lange hatte ich es verbannt. Aus meinem Kopf. Aus dem Herzen. Sogar aus den Träumen.

Passte anscheinend immer nicht, fernwehleidig zu werden: Der Arbeit wegen. Der Familie wegen. Und auch der mangelnden Traute wegen.

Vor allem das letzte Jahrzehnt hatte ich dieses Gefühl weggesperrt. Wie man das mit einem unerzogenen Hund wohl tut. Einem, der immer an der Leine zerrt. Frei sein will. Herumrennen mag. Erkunden. Einfach so. Weil es seinem Naturell entspräche.

Nein. Ich habe mir früher keine Gedanken darüber gemacht, woher dieses Gefühl kam, immer woanders sein zu wollen als ich gerade war. Von unbändiger Neugier getrieben. Wohl kein Zufall, dass ich Journalist wurde.

Als das Fernweh jetzt recht unvermittelt wieder auftrat, bin ich ihm gefolgt und immer wieder mal abgehauen. Tasche gepackt. Meinen Dieselwiesel gesattelt. Losgefahren. Zumeist ans Meer. Weil mir Meer das Gefühl gibt, „hinter’m Horizont geht es weiter“.

Tiefenpsychologisch könnte einer schlaumeiern: Liegt alles daran, dass Du ein Ossi bist. Ein einst Eingesperrter aus dem Volk der Eingesperrten eines beschränkten Landes. Und nicht nur physisch begrenzt von der Mauer, sondern davon auch im Denken. Woher sollte ein im Zoo geborenes Tier wissen, wie sich käfiglose Weite anfühlt?

Nein. So simpel ist es nicht. Ganz von der Hand zu weisen ebenso wenig, dass Herkunft und Kindheit maßgeblich bestimmen, ob und wie sehr wir dem Fernweh erliegen.

Als Bürschlein klein waren Bücher meine besten Freunde: Sie waren Zeitmaschinen, brachten mich in die Vergangenheit oder die ferne Zukunft.

Andere bauten sich Baumhäuser –  ich hatte virtuelle Zufluchtsorte: Reiste mit Jules Vernes Helden um die Welt. Erkundete meinen „All“-Tag mit Arkadi und Boris Strugatzki.

Aus Stanislaw Lems „Die Stimme des Herrn“ erfuhr ich, warum es uns die Sprache verschlagen kann. Weil sie manchmal unzulänglich scheint, unser Innerstes, unser Denken und Fühlen in Worte zu fassen.

Tauchte in die Vergangenheit. War dank Günther Krupkat dabei, „Als die Götter starben“. Starben, noch bevor sie die Terrassen von Baalbek zu Ende gebaut hatten, um heimzukehren. In die Tiefe des Universums.

Träume wurden damals geboren, unzählige.

Aber es kam, wie es wohl bei fast jedem kommt: Irgendwann hatte das Leben andere Pläne mit mir. Und ich war gelehrig; wohl auch sehr fügsam. Nicht gerade das, was man einen Rebellen nannte. Dankbar für gute Ratschläge. Selbst gut gemeinten zollte ich Respekt.

Unglücklich war ich nicht. Nicht unglücklich zu sein, heißt allerdings auch selten, sein Glück gefunden zu haben: Die Unruhe blieb, eine Unzufriedenheit. Der suchte ich Herr zu werden, dass ich alles – auch meine Träume – auf ein unbestimmtes „Später…“ verschob.

Gerade jetzt, in der Mitte des Lebens, fangen sie aber wieder an: Die Zweifel. Ich zweifele am Da-Sein. Weil ich meine, dass das Woanders-Sein sich besser anfühlen könnte. Und ich verzweifele an meiner Feigheit, das Woanders-Sein nicht gegen das Da-Sein zu tauschen. Das verwirrt… – nicht nur mich.

Doch jetzt erst, in meinem „Mittelalter“, scheine ich Gelegenheit zu finden, mein Koordinatensystem neu zu justieren. „Und das ist auch gut so“, würde Klaus Wowereit sagen.

Stimmt. Aber es überrascht manchmal schon, mit welcher Wucht mich Erkenntnisse treffen. Eben zum Beispiel jene, dass das Fern- eigentlich mein Gernweh ist: Jüngst kaum aus der Bretagne zurück, zog es schon wieder irgendwie zwischen Bauch, Herz und Kopf. Dort spult in Endlosschleife ein Bilderrausch von Brandung, Wellen und Sonnenirrlichtern. Dazu in der Nase die frische Brise und auf der Zunge der Geschmack von Meer, Fisch und Cidre.

Eines habe ich auf alle Fälle verstanden: Abstand verhilft manchmal zu größerer Nähe. Zur Familie, zu Freunden, zu einem selbst.

Ich lerne gerade neu, mich hinreißen zu lassen: Von Orten. Ideen. Stimmungen. Gerade so, als ob das „Bürschlein klein“ wieder erwacht.

Ich bin mir nicht sicher, wohin mich diese Reise bringt. Ich bin aber sicher, dass ich mich darauf einlasse. Und ich weiß schon jetzt, dass manches – wie einst – auch nur in meiner Fantasie stattfinden wird.

Bei meinen HalbZeitReisen.

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

 

0 Kommentare

  • Jürgen (#)
    28.08.2013

    Morgens 6 Uhr gelesen und Flughafengedanken gekriegt. Gute Wirkung für einen Text. Danke.

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