Das Wort zum MUTwoch (71): Relativität der Zeit

„Wenn wir zu schnelllebig sind, werden wir keine Spur hinterlassen.“
Der das sagte, ist Volker Herre, Fotograf aus Stralsund. Einer, der mit seiner Camera obscura die Relativität der Zeit sichtbar macht. Einstein hätte seine Freude an dem Lichtbildner und seiner Lochkamera gehabt.

Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) gilt als deren Erfinder: Bei einer Sonnenfinsternis sah er vielfache Abbilder der Sonne im Baumschatten. Er mutmaßte, sie wären durch kleine Löcher in den Blättern entstanden. Und so einfach ist es tatsächlich: Fällt Licht durch eine winzige Öffnung in einen dunklen Raum, entsteht auf der gegenüberliegenden Seite ein Bild. Das steht auf dem Kopf und ist seitenverkehrt.

Eine Physikstunde im vorigen Jahrtausend machte mich mit dieser Technik bekannt. Ich war fasziniert, bastelte diverse Kamera-Unikate. Erst eine „Pouva-Start“ (Foto) der ersten Generation, ein Geschenk meines Großvaters, ließ mein Interesse an der Camera obscura erlahmen.

Ich hatte die Lochkamera beinahe schon vergessen, als ich vor Jahren auf Rügen eine Ausstellung Herres sah. Der geht nämlich damit auf Pirsch.

Wer so fotografiert, braucht Geduld. 20 Minuten Belichtungszeiten sind Standard. „Wenn wir zu schnelllebig sind, werden wir keine Spur hinterlassen.“ Das ist deshalb Herres Erfahrung: Prägen Photonen über 20 Minuten ihre Spur auf die lichtempfindliche Bildplatte, den Film, dann verschwindet zum Beispiel jeder noch so starke Wellengang. Das Meer zeigt sich, aus der Zeit gefallen, als Schemen, als diffuse, weiche Fläche. Passieren Menschen das „Gesichtsfeld“ der Camera obscura, werden sie unsichtbar. Der Wind beugt die Äste der Bäume, zwingt ihnen scheinbar seinen Willen auf. Doch auf Herres Bildern recken sie sich widerborstig den Naturgewalten entgegen – in einer seltsamen Mischung aus Schärfe und Unschärfe, abhängig davon, ob es eher dürre Stecken sind oder doch schon stolzes Holz, auf Jahre gewachsen.

Herre erliegt dabei oft der Faszination des Vergehens. Bilder von Totholz in den Buchten von Rügen folgen auf jene von Kliffs und Klippen: Die einen abgebrochen, die anderen weggespült. Zeigt fast mystische Szenen des Übergangs vom Jetzt ins Danach.

„Wenn wir zu schnelllebig sind, werden wir keine Spur hinterlassen.“ Moderne Foto- und Video-Technik beschert uns Super-Zeitlupen und Zeitraffer. Die Kameras sind schneller als das Auge oder wahlweise auch so unglaublich gemächlich: Immer aber zeigt sich sonst für uns nicht Sichtbares – was auch Leben ist. Nicht das unseres Tempos.

Heinrich Heine schrieb 1843 aus Anlass der Eröffnung zweier Eisenbahnlinien in Paris:
„Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.“

Wir machen uns täglich Raum und Zeit in einer Art untertan, dass wir am Ende daran leiden: Wir komprimieren unser Tun auf immer kleinere Zeitschnipsel, essen und checken die Mails dabei, reden mit Freunden und chatten auf Facebook, schlafen und pappen uns Cremes etc. auf die Haut, damit sie jünger, straffer wird. Wir werden immer schneller und kommen doch nicht mehr an. Es ist wie mit dem Hase und dem Igel: Immer lauert am Ende einer Reise schon wieder die Gier auf das Andere, Bessere, Schönere…

„Wenn wir zu schnelllebig sind, werden wir keine Spur hinterlassen.“ Volker Herres Metapher habe ich mir hinter meinen Spiegel geklemmt. Damit ich jeden Tag daran erinnert werde…

 

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