Das Wort zum MUTwoch (59): „Bei Kilometer 41 war Schluss“

„Ich habe unglaublich viel Glück gehabt!“ Das sagt einer, der aus dem Rennen genommen wurde – das Ziel in Sichtweite. Aber Dietmar Lugauer glaubt man aufs Wort: Der Gothaer lief am Montag beim Bostoner Marathon mit. Bis die Bomben hoch gingen …

Tags darauf ist ihm noch die enorme Anspannung anzumerken: „Das mulmige Gefühl bleibt.“ Dabei fing alles so harmlos an. Vorigen Freitag waren Lugauer und weitere sieben Freunde und Bekannte an die Ostküste der USA geflogen. Es sollte für den Amateur die Premiere beim Boston-Marathon werden. Seit 2008 läuft der 51-Jährige „lange Kanten“. Elf hatte er seither absolviert. „Auf Boston habe ich mich besonders gefreut.“

080107 Raiba Prokura 003Zu fünft kamen sie am Morgen zum Start. Beim Aufwärmen wunderte sich der gebürtige Erfurter: „Da war deutlich mehr Personal, Polizei und Rettungskräfte als bei meinem Start in Chicago.“ Das habe jedoch eher ein zusätzliches Sicherheitsgefühl vermittelt: „Keiner von uns dachte nur im Entferntesten an die Gefahr eines Anschlags …“

Die fünf starteten gemeinsam. Sie blieben auf der Strecke zusammen. Dietmar Lugauer wollte die 42,195 km in vier Stunden laufen. „Ich war aber nicht so gut drauf.“ Deshalb hatte die Truppe nach Ablauf der Zeitvorgabe das Ziel auch nur fast vor Augen. Bei Kilometer 41 fuhr plötzlich ein Pickup auf die Strecke. Männer vom Organisationsteam stiegen aus, stoppten die Läufer. „An sich nichts Ungewöhnliches. Das passiert z. B. auch, wenn ein Rettungswagen passieren will.“ Doch hier endete für alle das Rennen. „Das fanden wir zunächst überhaupt nicht toll …“ Gründe für den Rennabbruch nannte niemand. „Und wir hatten auch weder etwas gehört noch gesehen.“ Die Läufer wurden von der Strecke gebeten. Dann kam das Gerücht auf, es habe einen Anschlag gegeben.

Erst mussten sie ausharren; fast eine Stunde. „Das Warten war nicht leicht – nicht wegen der Ungewissheit, sondern weil wir froren, nichts zum Wärmen hatten“. Zuschauer versorgten sie zwar mit Getränken, boten ihre Handys zum Telefonieren. Aber gegen das Auskühlen hatten sie nichts. Auf Umwegen geleiteten Leute vom Org.-Team die Läufer dann in den Zielbereich. „Unaufgeregt, routiniert. Es gab keine Spur von Panik“, erinnert er sich. Sie holten ihre Sachen, gingen ins Hotel.

Das durften sie abends dann nicht mehr verlassen. Auch dort waren überall schwerbewaffnete Polizisten und Nationalgardisten. „Erst da wurde uns so richtig klar, was hier passiert ist.“ Alle waren unversehrt, alle konnten telefonieren und deshalb Familien und Freunde in Deutschland beruhigen.

„Hätte ich meinen Zeitplan umgesetzt, wäre ich vermutlich mitten in die beiden Explosionen gelaufen.“ Der gebürtige Erfurter, der seit 1992 bei der Raiffeisenbank Gotha arbeitet, sagt das fast 24 Stunden später am Telefon. Lugauers Stimme ist dabei angespannt, wirkt gar nicht so fest, wie er es wohl gerne haben möchte. Aber von seinem Hotelfenster kann er den hermetisch abgeriegelten Zielbereich sehen und die unzähligen Leute von der Sicherheit dort, die die Spuren sichern.

Boston sollte Auftakt für die Lauf-Saison des Vaters zweier erwachsener Töchter werden, deren Höhepunkt eigentlich erst Ende August ansteht: Dann will er mit seinem Partner Andre Schütz den „Transalpine Run“ absolvieren. Das sind 259 km an sieben Tagen, wobei 15.468 Höhenmeter zu überwinden sind.

Nun fliegt die Truppe heute nach Deutschland zurück – keine weiteren besonderen Vorkommnisse vorausgesetzt. Aber nicht nur für Dietmar Lugauer wird ab sofort dieser 15. April kein Tag wie jeder andere mehr sein.

(Ein Text, den die „Thüringer Allgemeine“ nicht haben wollte …)

Habt dennoch Mut und genießt den Mittwoch!

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

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