Das Wort zum MUTwoch (56): FranX’s. Und frei.

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„Da sind wir eben gegangen. Wollten nicht noch mehr provozieren.“ Ein Satz, den Frank Börner eher beiläufig sagte. Und ohne jeden Groll.

Frank Börner – besser in hiesigen Gefilden bekannt als FranX’s – war mit seinem Freund in einer Gothaer Kneipe. Wurde dort angemacht. Weil Frank schwul ist. Eine Steilvorlage für „echte“ Männer, die deshalb ihr Mütchen kühlten. Kollektiv, versteht sich.

FranX’s versteckt eben sein Anderssein nicht. „Und das ist auch gut so …“, zitiert er die derweil geflügelten Worte Klaus Wowereits. Der SPD-Politiker hatte 2001 mit seinem freimütigen Bekenntnis zu seiner Homosexualität für eine gefühlte kleine Revolution gesorgt. Das muss für den sechs Tage später zum Regierenden Bürgermeister von Berlin Gewählten ebenso mutig gewesen sein wie für FranX’s, sich in Gotha nicht zu verstecken.

Denn die Residenzstadt ist ein Dorf, eines „mit Straßenbahn“ allerdings, wie Frank B. spottet.

Das muss ja eigentlich nix besagen, denn schon Ihro Durchlaucht Herzog Ernst I. lobpreiste seine Untertanen über den grünen Klee: Im Gothaer Land seien selbst die Bauern schlauer als anderenorts die Edelleut’.

Das ist ein paar Jahrhunderte her. Ob das heute noch stimmt, muss ein jeder für sich entscheiden.

Von Toleranz jedenfalls hatten Durchlaucht damals nicht gesprochen.

Mir liegt es fern, alles und alle über einen Kamm zu scheren. Das wäre ebenso ungerecht, diskriminierend und zudem nicht tolerierbar.

Dennoch erzeugte die von FranX’s erzählte Episode bei mir Ungemach: Deshalb, weil ich mich irgendwie ertappt fühlte. Weil es neben offenem Schwulen-, Fremden- und sonstigem Hass auch den diskreten, den geduldeten, den kokett im Freundes- und Bekanntenkreis gepflegten gibt. Verwehrt man sich ihm, gilt man mindestens als Spielverderber, Spaßbremse oder Sauertopf.

Vorurteilsfrei ist niemand. Nicht einmal jene, die man öffentlich beschönigend – und damit zugleich auch schon wieder ausgrenzend! – einer “Randgruppe“ zuordnet.

Dass Schwule die deftigsten Schwulenwitze kennen, liegt an der Sache an sich. Das ist zudem Tradition. Die Mehrzahl aller politischen Witze in der DDR ward in der Parteihochschule der SED geboren. Im Deutschland von Goebbels, Göring und dem GröFaZ waren deren Pendant BDM- oder Hitlerjugend-Erziehungsanstalten. Und Juden wie Oliver Polak, der hier schon ausführlich gewürdigt wurde, erzählen halt die besten Judenwitze.

Das ist aber die weniger unangenehme, entwürdigende Seite der Medaille.

Die andere sind Diskriminierungen im Alltag. Die deshalb funktionieren, weil zu viele wegschauen. Weil es mehr öffentlichen Aufruhr gibt, verprügelt jemand seinen Hund und nicht dann, wenn er seinen „Balg“ züchtigt.

Wir haben offensichtlich noch einen langen Weg vor uns.

Solange müssen Männer und Frauen, die anders sind, solche Sätze sagen: „Da sind wir eben gegangen. Wollten nicht noch mehr provozieren.“

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

3 Kommentare

  • […] genannt, geboren in Eisenach, lebt seit über 30 Jahren mit seinem Freund in Gotha und macht aus seinem Schwulsein (MUtwoch vom 27. März 2013) keinen Hehl. Seit 2000 ist er selbstständig, betreibt aktuell am […]

  • Andreas Weist (#)
    12.07.2014

    Es ist gut, wenn man schwul ist und zu Sexualität des gleichen GESCHLECHTSTEILS steht. Ich habe großen Respekt und Hochachtung vor Franx’s.

  • […] genannt, geboren in Eisenach, lebt seit über 30 Jahren mit seinem Freund in Gotha und macht aus seinem Schwulsein (MUtwoch vom 27. März 2013) keinen Hehl. Seit 2000 ist er selbstständig, betreibt aktuell am […]

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