Das Wort zum MUTwoch (50): Kokobääh!

Nein. Ich bin kein Filmkritiker.

Ich heiße weder André Wesche noch habe ich entsprechende Qualifikationen.
Und ich gehe zudem zu selten ins Kino. Obwohl ich ein Kino-Fan war. Allerdings, bevor man Popcorn, Coca-Cola oder Bionade kaufen konnte und der Film eigentlich zur Nebensache wurde.

In der Heldenstadt Leipzig – da, wo ich studierte -, da war ich jede Woche wohl zweimal im „Capitol“. Und wenn die Dokfilm-Woche lief, noch ein halbes Dutzend Mal mehr …

Kino. Das war die Chance, das alltägliche Raum-Zeit-Kontinuum zu verlassen. Etwa mit SciFi aus dem Mosfilm-Studio oder von der DEFA. Auf zu den Sternen … Oder mit „Koyaanisqatsi“, um mein grünes Gewissen zu erwecken.

Nachwendisch gab es dann nur zwei Gründe, ins Kino zu gehen: Neue „Star Trek“-Filme oder solche Streifen, für die die Töchter die Sparschweine meuchelten. Den ersten „König der Löwen“ etwa; den habe ich mit den Weibsen allein dreimal im „Kulturhaus“-Kino gesehen. Dann bekamen sie ihn zur Weihnacht von Renate Z., der „Oma Bernsdorf“, als Video. Noch heute können Anne und Greta alle Dialoge und alle Songs fehlerfrei mitsprechen resp. –singen. Was für’n Spaß das eineinhalb Jahrzehnte später bei Familienfeten ist, kann man sich vorstellen …

Nach mehrjähriger Kino-Pause – zuletzt sah ich 2009 den jüngsten „Star Trek“ von J. J. Abrams und davor 2003 „Tatsächlich Liebe …“ – tat ich mir nun „Kokowääh 2“ an. Warum, spielt hier mal ausnahmsweise keine Rolle.

Und was für’n unglaublicher Film das war!

Vorpubertierendes Publikum dominierte, denn der Streifen war „FSK 6“. Neben mir saß ein Pärchen. Beides coole Typen. Extrem stylisch. Außerordentlich hipp – mit iPhone, Markenklamotten und gegeltem Haar. Beide bestens „Bunte“-informiert über Story, Stars und Sternchen sowie Back- und sonstigen -Ground über den neuesten Streich des Vielfilmers Schweiger.

Zwischendurch, als die Pop(p)corn-Tüte alle und die Coca-Cola offensichtlich nur noch pisswarm war, fummelten die beiden. Derart explizites Petting, wie sie links von mir in Reihe 4 praktizierten, habe ich mir übrigens nicht einmal während des Studiums am Wochenende und allein im Wohnheim-Kabuff mit der damals aktuellen Herzensdame getraut.

Na gut; das liegt ja auch 30 Jahre zurück. Und abgesehen von zerfledderten „Playboy“-Ausgaben, die Devisen bringende männliche Journalistik-Studenten aus dem Kongo, Südafrika oder Portugal gelegentlich gönnerhaft auf dem Gemeinschaftsklo liegen ließen, mangelte es uns an „handfester“ Erotik. Aber wir hatten dennoch unseren Spaß – so weit ich mich erinnere 🙂 Auch ohne die heutigen Aufklärungs-Unterrichtshilfen wie redtube, youporn & Co.

Das Duo hingegen war extrem exhibitionistisch. Oder einfach nur schlecht erzogen. Und total frühreif – nämlich knapp über die 11 Jahre alt, wie ich hernach erfragte.

Auf der Leinwand wechselten währenddessen Szenen kopulierender Erwachsener im Vollsuff mit denen mit dem „süüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüßen“ Schweiger-Töchting Emma aka Magdalena ab. Die Neunjährige ist wirklich begabt, nuschelt aber heftig. Nun, vielleicht muss das jetzt so sein – in authentischen deutschen Komödien; jenen Geschichten, vom patchworkoholischen hippen Familienleben der Schweigers geschrieben. Das undeutliche Artikulieren vieler Akteure kaschierte andererseits barmherzig die belanglosen Dialoge.

DAS verdarb jedenfalls den Film nicht.

Auch nicht, die pubertäre Idee von Emmas Regisseur, Drehbuchschreiber, Papa und Schauspielkollege Til Schweiger, dass sich die verliebte Filmtochter Magdalena Kirschmarmelade in den Slip schmieren sollte, um ihre Regel und damit die Geschlechtsreife vorzutäuschen („Männer stehen eben auf reife Frauen!“).

Selbst die MTV-Optik – alle gefühlte 1,3 Sekunden gab es einen scharfer Schnitt, einen Kamera-Schwenk der Authentizität wegen – verwirrte mich nicht so sehr, wie der Umstand, dass sich diese grenzdebile cineastische Katastrophe mehrheitlich Kinder (wirklich Kinder!) reinpfiffen.

Die grölten auch begeistert, als Matthias Schweighöfer, der Matthias Schweighöfer spielte, im Vollrausch seine (zugegeben hässliche) Rassekatze erschoss und „Muschi“ an der Scheibe verendete, hinter der zugekiffte Groupies nackert und lasziv sich in extatischen Tanzdarbietungen und zur Fleischbeschau darboten …

Die Abfolge sexistischer, rassistischer oder einfach nur unter der Gürtellinie der meist herab gelassenen Hosen der männlichen Hauptdarsteller liegenden Zoten ist nur schwer reproduzierbar. Da gehört „Dusch-Lampe“, was als „Du Schlampe!“ von Ehrenmord-Gedanken umtriebenen, offensichtlich türkischen Mitmenschen missverstanden wurde, noch zu den Schenkelklopfern der harmlosen Art …

Dieser 100-Minuten-Dauerwerbesendung für schlechten Geschmack entflohen, treiben mich inzwischen radikale Ideen um: Wenn Til Schweigers Film ab sechs Jahre freigegeben wurde, dann wäre es folgerichtig, Pornografie als Lehrfach in Grundschulen einzuführen …

Das würde Kosten sparen für Kinokarten, überteuertes Popcorn und letzten Endes pisswarme Cola.

Nicht nur für sozial schwache Familien.

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