Das Wort zum MUTwoch (42): (Heimat-)Liebe geht durch den Magen

Deutsche Küche ohne Kartoffeln in all ihren erdenklichen Verarbeitungszuständen (der Thüringer Kloß ist nur EINE davon, Ihr lieben Lokalpatrioten!) ist undenkbar. Wen wundert es da, dass Erdäpfel oft bei denen mit deutschen Wurzeln, die in der Fremde sind, heimische Gefühle aufkommen lassen. So wie bei Charles Coutelle …

Der sandte deshalb eine Postkarte nach Kleinrettbach. Adressiert an den ungekrönten Thüringer Kartoffel-König Bernhard Göring, der u. a. wegen des dortigern Rotlicht-Milieus und dessen Star Natascha in die Schlagzeilen kam …

Der Geschäftsführer der Agrar GmbH Gamstädt fischte jedenfalls ziemlich erstaunt die Postkarte aus London aus seinem Briefkasten.

img_5834Charles Coutelle (geb. 1939, London) ist ein deutsch-britischer Arzt und Humangenetiker. Er war ab 1981 Professor am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR und dessen Nachfolgeeinrichtung, wechselte dann ans Imperial College in London, an dem er Ende 2007 emeritiert wurde. Seine Forschungen lieferten wichtige Beiträge zur methodischen Entwicklung der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik.

Coutelles Eltern – ein deutscher Arzt und eine ukrainische Jüdin – lernten sich während des Spanischen Bürgerkrieges kennen, in dem beide als Ärzte für die Internationalen Brigaden tätig waren.  Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Charles Coutelle im Exil in Großbritannien sowie später aufgrund der politischen Überzeugungen seiner Eltern in der DDR. (1)(Foto: Imperial College London)

Professor Coutelle bedankte sich nun bei Göring, weil der die „guten Kartoffeln für den ausgezeichneten Thüringer Kartoffelpuffer“ geliefert hatte. Familie Coutelle beschaffe sich, „wann immer es geht“, die in Heichelheim hergestellten Reibekuchen-Rohlinge. Görings Gamstädter Agrar GmbH nun ist mit 210 ha Anbaufläche der Hauptlieferant für „Albig Feinfrost“, die unter der Marke „Heichelheimer“ die wohl bekannteste Thüringer Kartoffel-Manufaktur betreiben.

Auf deren Verpackungen wird stets der Herkunftsbetrieb der Erdäpfel vermerkt – und das mit aller Detailtreue. So kam es, dass Mister Coutelle seine Karte an „Landwirt B. Göring“ sandte und in die „Lange Lage“ in Gamstädt: Das aber ist nicht der Firmensitz, sondern das Feld, auf dem die Ausgangsprodukte für die leckeren Kartoffelpuffer wuchsen.

Kartoffel-Könner und –kenner Göring fühlt sich jetzt sehr geehrt und denkt daher darüber nach, wie er die spontan entstandene Verbindung in die Hauptstadt Großbritanniens ausbauen kann. „Mal sehen, was uns mit dem Heichelheimer Marketingleuten einfällt“, hält er die Kartoffeln am Kochen.

Doch woher stammt die Knolle, die tolle …?

Ausgangspunkt ihres globalen Siegeszugs war die Gier nach Gold. Die war es, die die Abenteuerlust befeuerte. Was sie antrieb, über den mörderischen Ozean zu segeln und dann hoch in die Berge zu gehen, damals 1532. Francisco Pizarro und seine am Ende arg verwahrlosten Haudegen – keine 150 Mann mehr – fanden aber nicht nur Gold. Das am wenigsten. Auf 4.000 Meter Höhe zwischen der Inka-Hauptstadt Cuzco und dem Titicacasee machten sie Bekanntschaft mit etwas ganz anderem, was weit mehr Einfluss auf die Generationen danach hatte als jede Unze Gold. Die Konquistadoren kamen auf die Kartoffel.

324 Mio. Tonnen betrug 2010 die Jahresernte. (2)
Diese Menge ausgeschüttet, könnte eine vierspurige Autobahn bedecken, die sechseinhalb Mal um den Globus reichen würde. Und weil die Kartoffel pro Hektar doppelt so viel Nährwert ergibt wie Getreide, wird ihr Anbau immer beliebter. Die Erdäpfel werden derweil auch in Asien aus dem Boden geklaubt. Ein Drittel der Welternte kommt aus China und Indien. Man will es fast nicht glauben …

Kartoffeln – sie ernähren Mensch und Tier, befeuern als Dieselersatz unsere Mobilität. Man kann mit ihr drucken. Und aus Gefängnissen ausbrechen, wie es John Dillinger, einer der berühmtesten Gangster aus den USA, vormachte: In den 1930er-Jahren Jahrhunderts bastelte er sich aus einer Kartoffel und Schuhcreme eine perfekte Revolver-Attrappe.

Wie aber nun die Kartoffel, die ihren deutschen Namen vom italienischen „Tartufolo“ (Trüffel) ableitet, tatsächlich nach Europa kam, ist nicht ganz klar. Angeblich soll etwa um 1560 die erste Knolle in Spanien angekommen sein und wenig später ihren Weg nach Irland oder England gefunden haben.

Während die Iren und Holländer im frühen 17. Jahrhundert schon mit dem Feldbau begannen, galt sie in England und auch in den Ländern des Deutschen Reiches wegen ihrer bunten Blüten als botanische Rarität.

Sie war aber auch manchen Menschen nicht geheuer: In Schottland aß man sie nicht, weil sie in der Bibel keine Erwähnung fand. Andernorts war sie einfach nur etwas, was der Bauer nicht kennt. Und bekanntlich deshalb nicht (fr-)isst.

In Preußen etwa musste Mitte des 18. Jahrhunderts Friedrich der Große seinen Untertanen den Kartoffelanbau befehlen. Angeblich ließ der clevere Friedrich anfänglich Kartoffelfelder von Soldaten bewachen. So sollte der besondere Wert der Knollen suggeriert werden. Zugleich aber war den Wachleuten befohlen, wegzuschauen, wenn diebische Bauer sich bedienen wollten. So deckten sich Königs Untertanen also mit den angeblich so kostbaren Saatkartoffeln ein, weil Friedrich die sprichwörtliche Abneigung der Bauern gegen unbekannte Nahrung ausgetrickst hatte. Eine nette Geschichte, wahrlich.

Lang hielt sich die Legende, Sir Francis Drake, der Hofpirat der englischen Königin, habe die Kartoffel gefunden und aus Amerika nach Europa gebracht. Was Drake aber tatsächlich aus Virginia mitbrachte, war die Batate. Aus dem Namen der Süßkartoffel leitete sich zwar im romanischen und angelsächsischen Sprachraum der Name der Kartoffel ab. Doch beide Pflanzen sind nicht verwandt.

Auch die Batate hat Globalisierungsgeschichte geschrieben. Sie war nämlich vor dem europäischen Zeitalter der Entdeckungen nur in Südamerika und im Pazifik bis nach Neuseeland bekannt – und ist so der Beweis dafür, dass zwischen Südamerika und Ozeanien irgendwann Verkehr stattgefunden haben muss; die alte These Thor Heyerdahls, die herrschende Anthropologie freilich nach wie vor bestreitet. Aber auch Dominique Görlitz, der Schilfboot-Bauer aus Gotha, geht von solchen Kontakten aus und machte sich deshalb 2010 mit seiner „Abora IV“ gegen vorherrschende Winde von Nordamerika nach Europa auf. Auch wenn das Experiment nicht ganz glückte, erschütterte Görlitz nachdrücklich die Theorie, dass vor Kolumbus keine transatlantischen Verbindungen bestanden haben. (3)

Doch zurück zum unförmigen Kellerkind: Das hat es wohl nicht verstanden, sich angesichts verändernder Ernährungsgewohnheiten in Szene zu setzen. Brokkoli, Bärlauch, Spargel und Kürbis haben vorgemacht, wie man als Trendgemüse in puncto Genuss, Fitness und Anti-Aging zum Medienstar wird. Die biedere Kartoffel hingegen wird nicht nur hartnäckig mit den dümmsten Bauern in Verbindung gebracht, sie geriet auch noch als Dickmacher in Verruf. Völlig zu Unrecht!

Wer ernsthaft Pfunde verlieren will, weiß, was er an der Kartoffel-Diät hat: Kartoffeln machen satt, aber nicht dick. Mit nur 70 kcal pro 100 Gramm wäre das kaum möglich (Nudeln: 130 kcal). Dafür punkten sie als Nährstoffbombe. Mit ihrem hohen Stärkegehalt sind sie ein sättigender Energiespender, zusätzlich enthalten sie viel Ballaststoffe, hochwertiges Eiweiß, Kalium, Magnesium und Eisen. Was die Vitamine angeht, gilt der Erdapfel sogar als „Zitrone des Nordens“: Bereits drei bis vier Kartoffeln decken den halben Vitamin-C-Tagesbedarf eines Erwachsenen. Da die meisten wertvollen Inhaltstoffe direkt unter der Schale liegen, sind ungeschält gegarte Kartoffeln besonders gesund. Das Verspeisen der Schale sorgt für eine Extra-Portion Ballaststoffe.

Wer die Kartoffel jedoch nur als Volksnahrungsmittel oder Hausapotheke anpreist, würde ihr einen Bärendienst erweisen. Die tolle Knolle schafft es auch spielend, unseren Gaumen zu erobern. Vieles trägt dazu bei: der feine Eigengeschmack ihrer zahlreichen Sorten, die vielfältige Art der Zubereitung, die variantenreichen Kombinationen mit anderen Gemüsen. Die Kartoffel – eben ein wahres Multitalent.

Zahlen und Fakten:
• Es gibt rund 7.500 Kartoffelsorten, davon wachsen 1.950 wild.
• Nach Mais, Weizen und Reis ist die Kartoffel die viertwichtigste Nahrungspflanze.
• Größter Kartoffelproduzent ist China, dann folgen Indien und Russland.
• Kartoffeln werden weltweit auf 195.000 Quadratkilometern angepflanzt – eine Fläche etwa halb so groß wie Deutschland.
• 2010 wurden weltweit 324 Millionen Tonnen Kartoffeln geerntet.
• Die Europäer mampfen jährlich und pro Kopf durchschnittlich knapp 100 Kilogramm. Deutsche kommen auf rund 54 kg, Weißrussen hingegen sollen 340 kg brauchen.

Quellen:
1 – Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Coutelle sowie
Homepage Imperial College London – http://www1.imperial.ac.uk/medicine/people/c.coutelle/
2 – laut Statistik der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO – http://faostat.fao.org/site/567/DesktopDefault.aspx?PageID=567#ancor
3 – Ulli Kulke, Die Welt, 28, Februar 2008

Seit 29. Februar 2012 gibt es “Das Wort zum MUTwoch” in der

Außerdem erscheint seit Dezember 2002 im “Oscar am Freitag” in der Lokalausgabe Gotha am jeweils letzten Freitag im Monat meine gedruckte Kolumne – “Der Aschenbrenner hat das Wort”; die hier auch anschließend veröffentlicht wird.

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